Deutschland, eine Richtigstellung

Er wurde in der Nähe von Moskau geboren, wuchs in Kasachstan auf und kam 2007 als 17-Jähriger mit seiner Familie nach Deutschland: Der Russe Jewgenij Urich (31) hatte viel Zeit, Vorurteilen über sein neues Zuhause nachzugehen. Mit der MDZ hat der Kunsthistoriker, der auf YouTube einem russischsprachigen Publi­kum Deutschland näherbringt, über einige gesprochen.

Jewgenij Urich in einem Video über Schloss Moritzburg bei Dresden (Foto: www.youtube.com/c/Saxonicus)

Reiseland Deutschland

Genau darum geht es in meinem YouTube-Blog. Ich werbe für Deutschland als Reiseland, denn es ist eine wahre Schatzgrube für Touristen und wird dabei maßlos unterschätzt. Von den Russen sowieso: Als Reiseziel hat das kaum jemand auf dem Schirm, vom Oktoberfest vielleicht mal abgesehen. Aber auch sonst trifft man jenseits bestimmter Hochburgen wie Berlin, München, Köln (wegen eines einzigen Bauwerks) oder Düsseldorf (ist mir ein Rätsel) an den tollsten Sehenswürdigkeiten kaum Leute an. Wer kennt schon Görlitz? Dabei ist das ein absolutes Juwel, genauso wie das benachbarte Bautzen. Oder Thüringen! Das reinste Kleinod, aber im touristischen Abseits. Viele gerade kleinere deutsche Städte sind so gut erhalten, dass man sie für Filmkulissen halten könnte, wenn ich beispielsweise an Goslar, Wernigerode, Quedlinburg oder Hameln denke. Und dann das Erzgebirge zur Weihnachtszeit, die Sächsische Schweiz, die Alpen, der Norden mit seinen Backsteinbauten, die Ortschaften entlang des Rheins, in denen man sich wie in Narnia vorkommt, weil sie so märchenhaft sind. Ich kann Deutschland nur wärmstens empfehlen.

Deutsch

Ich würde sagen, dass es wohlklingendere Sprachen gibt. Italienisch, Englisch oder Französisch finde ich durchaus schöner. Um aber mit einem weitverbreiteten Vorurteil in der russischsprachigen Welt aufzuräumen: Deutsch ist gar nicht hart und streng, sondern eher weich und auf seine Art melodisch. Eine alte, reiche, interessante Sprache. Besonders gefällt mir, dass sie ihren Wortschatz bewahrt und nicht so durchsetzt von auslän­dischen Lehnwörtern ist wie etwa das Russische. Was leider gar nicht geht auf Deutsch, ist Schimpfen. Eine gepflegte Unterhaltung führen, etwas besprechen, einen wissenschaftlichen Diskurs führen – das ja. Aber mal so richtig vom Leder ziehen? Wenn die Deutschen zu fluchen anfangen, hört sich das unfreiwillig komisch an. Als Russe denkt man sich unwillkürlich: Ist das euer Ernst? Und damit wollt ihr jemandem die Meinung geigen? 

Sächsisch

Als ich vor zehn Jahren von Hamburg nach Dresden gezogen bin, war der erste Eindruck: Die Leute scherzen, sie ziehen die deutsche Sprache ins Lächerliche und sprechen sie absichtlich falsch aus. Ihnen zuzuhören, war weniger schwer als lustig. An den Tonfall habe ich mich relativ schnell gewöhnt. Im Großen und Ganzen sprechen die Sachsen ja Hochdeutsch, nur eben mit ihrer eigenen Färbung. Es gibt sicher Dialekte in Deutschland, die schwerer zu verstehen sind.


Jewgenij Urich kam 1989 in der Region Kaluga südwestlich von Moskau zur Welt. Schon bald zog die Familie nach Almaty in Kasachstan, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte und dabei mit verschiedenen Einflüssen in Berührung kam. Praktisch alle seine Schulfreunde seien Muslime gewesen, sagt er. Vor 14 Jahren siedelte die Familie dann nach Deutschland um. Die Adaption sei ihm alles andere als leicht gefallen, so Urich. Nach der Schule studierte er Kunstgeschichte in Dresden, wo er heute lebt. Nach Erfahrungen in verschiedenen Jobs, darunter als Fremdenführer, macht er seit einiger auf YouTube russischsprachigen Zuschauern mit Witz und Empathie die Schönheiten Deutschlands schmackhaft. Der Schwerpunkt seines Kanals mit gut 70.000 Abonnenten liegt auf Reisen, Kultur und Architektur.


Deutsche Mentalität

Für einen Deutschen gibt es nichts Schlimmeres als Unwägbarkeiten in seinem Leben. Alles muss berechenbar sein, alles wird vorher kalkuliert, um die Kontrolle zu behalten. Denn wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, dann wirft einen das aus der Bahn. Das ist das Wichtigste, was man über die deutsche Mentalität wissen muss. Davon leitet sich alles ab, was als „typisch deutsch“ gilt, wie die Pünktlichkeit, die Ordnung. Die Deutschen zählen ja sogar vom Ende her. Nicht fifty-five, sondern Fünfundfünfzig. Man kann eine Zahl nicht im Ungefähren lassen, indem man wie im Russischen sagt: 50 und irgendwas. Auf Deutsch geht das nicht, da brauchen Sie eine genaue Angabe.

Merkwürdige Klischees

In Russland sind viele bis heute überzeugt: Deutschland ist das Land der Pornofilme. Das höre ich immer wieder, sogar von jungen Leuten. Soweit ich weiß, hängt das damit zusammen, dass die ersten Pornovideos, die seinerzeit auf Kassette in die Sowjetunion gelangten, aus Deutschland stammten. Das ist nun schon einige Jahrzehnte her, aber nach wie vor wird das eine mit dem anderen assoziiert. Und ich muss wieder und wieder erklären: Nein, das stimmt nun überhaupt nicht. Deutschland ist, wenn man so will, sogar total „anti-pornografisch“. Klar, Sex sells, aber dieses Prinzip kommt viel stärker in Russland zur Geltung, wo Erotik praktisch überall präsent ist, sei es im Fernsehen, in der Werbung, in den Vitrinen der Geschäfte, in der Kleidung oder auch auf Instagram, in den Gesprächen, im Humor. In Deutschland hält man sich in dieser Hinsicht relativ bedeckt, kehrt seine Sexualität nicht nach außen und pflegt einen irgendwie entspannteren Umgang damit. Da spielt sich viel weniger in der Öffentlichkeit ab als im Privaten. Wie es sich wahrscheinlich für eine anständige, sittsame, christlich geprägte Gesellschaft auch gehört.

Flüchtlinge

Ich weiß, dass das in Russland ein großes Thema ist und mit Blick auf die Flüchtlinge in Deutschland geradezu der Untergang des Abendlandes heraufbeschworen wird. Noch so ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält und das mir gar nicht eingefallen wäre, wenn Sie mich nicht daran erinnert hätten. Scheinbar lebe ich in einer anderen Welt.

Was hat sich für mich mit den Flüchtlingen geändert? Erstens habe ich Geld als Dolmetscher verdient. Zweitens sehe ich heute mehr Menschen mit anderer Hautfarbe auf der Straße, was meine Lebensqualität nicht im Geringsten schmälert. Drittens hat bei mir vorm Haus eine Streetfood-Bude aufgemacht, wo ich etwas essen kann, wenn sonst schon alles geschlossen ist.

Natürlich sollte man die Pro­bleme, die sich aus der Aufnahme von so vielen Flüchtlingen ergeben, auch nicht kleinreden. Es wird Zeit brauchen, das alles zu analysieren, zu verarbeiten, zu verdauen. Was man heute schon tun kann, ist, sich nicht von dämlichen Losungen verrückt machen zu lassen und sich darauf einzustellen, dass Migration unausweichlich ist. Auch die Kinder und Enkel derer, die heute wie Pegida die Einwanderungspolitik kritisieren, werden so oder so mit Migranten aufwachsen.

Die meiste Unzufriedenheit geht hier übrigens gar nicht von der einheimischen Bevölkerung aus, sondern den Zuwanderern aus postsowjetischen Ländern, von denen ich viele in meinem Freundes- und Bekanntenkreis habe. Die sorgen sich nun angeblich um die deutsche Kultur. So als ob sie selbst ständig mit Zitaten von Goethe, Schiller und Kant auf den Lippen durch die Gegend liefen. Man könnte fast meinen, sie seien eifersüchtig auf die Flüchtlinge, weil denen in den letzten Jahren der Großteil der öffentlichen Aufmerksamkeit gehörte.

Straßenverkehr

Für Autofahrer ist Deutschland ein Traum. Und das nicht nur wegen seiner Autobahnen ohne Tempolimit. Hier ist die gesamte Verkehrsinfrastruktur bis ins kleinste Detail durchdacht, so dass es einfach ein Vergnügen ist, mit dem Auto unterwegs zu sein. Dafür bin ich umso dankbarer, seit ich das letzte Mal in Russland war. Dort habe ich mich gar nicht erst getraut, mich hinters Steuer zu setzen, und noch auf dem Beifahrersitz ständig die Hände überm Kopf zusammengeschlagen.

Umgangsformen

Die Deutschen sind sehr bestimmt darin, wie weit sie ein Gegenüber an sich heranlassen. Man kann einen tollen Abend mit ihnen verbringen, aber gerät unweigerlich an den Punkt, an dem man merkt: Hoppla, hier ist eine Grenze, die man nicht überwinden kann. Das ist im ersten Moment eine ziem­liche Enttäuschung. Man fühlt sich vor den Kopf gestoßen. Sind wir etwa keine Freunde? Warum hältst du mich auf Distanz? Ah, so seid ihr Deutschen also!

Für viele Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion, die einen anderen Umgang gewöhnt sind, ist das erst mal eine Umstellung. Manche halten die Deutschen deshalb für verschlossen. Aber warum sollten sie sich eigentlich Menschen öffnen, die sie kaum kennen? Freundschaften muss man sich hier erarbeiten, Prüfungen bestehen, eine Art Probezeit absolvieren. Das geht nicht von heute auf morgen. Mit der Zeit dämmert es auch dem Ausländer, dass das ein durchaus vernünftiger, erwachsener Ansatz ist.

Deutsches Essen

Die Qualität ist über jeden Zweifel erhaben. Und die Portionen sind so groß, dass man auf jeden Fall satt wird. Aber ich würde mir mehr Vielfalt zu günstigeren Preisen und zu jeder Tageszeit wünschen. Denn es ist beileibe keine Ausnahme, wenn hier ein Student am Sonntagabend mit leerem Magen ins Bett geht, es sei denn, er kocht selbst oder will sich ins Restaurant setzen. Ansonsten hat er kaum eine andere Wahl als McDonald’s, was ja auch nicht jedermanns Sache ist. Man möchte manchmal ausrufen: Hey, Europa, aufgewacht, wir leben im 21. Jahrhundert. In Russland kann man sich längst Essen für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel liefern lassen. Hier in Deutschland erschöpft sich die Auswahl meist in Döner, Pizza und chinesischem Essen. Ich zum Beispiel esse gern mal was Leichtes. Nichts gegen eine köstliche Schweinshaxe, wie sie in jeder deutschen Kneipe serviert wird, dass es ein Fest ist. Bei Schweinefleisch sind die Deutschen einfach unschlagbar. Aber wer isst schon jeden Tag Haxe? Um es also auf einen Nenner zu bringen: Das Beste wäre, die deutsche Qualität und den russischen Service zu kreuzen.

Deutscher Humor

Glaubt man den Russen, dann gibt es ihn gar nicht. Aber natürlich haben die Deutschen ihre eigene Art von Humor. Dabei wird oft mit Sprache gespielt, weshalb er gute Deutschkenntnisse verlangt. Wer darüber nicht lachen kann, der versteht wahrscheinlich einfach die Sprache nicht gut genug.

Das Gespräch führte Tino Künzel.

Kommentare

Kommentare

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail: