Der Mensch hinter dem Genie

Am 14. September 1769 wurde Alexander von Humboldt in Berlin geboren. 250 Jahre später wurde der wissenschaftliche Weltenbummler nun geehrt und gefeiert wie wohl nur zu seinen Lebzeiten.

Naturwissenschaftler und Forschungsreisender: Alexander von Humboldt erforschte Russland im 19. Jahrhundert mit einer Expedition. / Foto: planetguide.ru

Wohl kaum ein Geburtstag einer historischen Persönlichkeit hat je einen solchen Hype erlebt wie der des Alexander von Humboldt. Es war fast wie die Wiedergeburt eines Ausnahmemenschen, dessen so viel umfassendere Lebensleistung über seine anerkannten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse hinaus in den zeitlichen Weiten der Jahrhunderte nahezu in Vergessenheit geraten war. Die Ergebnisse seiner jahrelangen Feldstudien über große Teile des gesamtamerikanischen Kontinents, und vor genau 190 Jahren acht Monate und 18.000 Kilometer lang durch Russland, wirken nach – nach keinem anderen Forscher sind mehr Örtlichkeiten auf Erden benannt – sein humanistisch geprägtes Welt- und Menschenbild mit konsequent liberaler Orientierung bislang weniger.

Gedenkmarathon in Ost und West

Wissenschaftliche Konferenzen und Seminare, hochkarätige Fachkolloquien, Podiumsdiskussionen, Expertenvorträge, Prominentenempfänge allerorten in West und Ost. Dr. Olga Martens, erste stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur (IVDK), der bilateral-rührigen Organisation der Russlanddeutschen, und Herausgeberin dieser Zeitung, hat mit ihren Teams im Humboldt-Gedenkjahr auf seinen Spuren einen wahren Marathon an viel beachteten Aktivitäten organisiert. Sie kann von einer ganzmonatigen Radtour entlang seines damaligen Reiseweges, der auch über mehrere Ansiedlungen der Russlanddeutschen führte, berichten. Von einer internationalen Konferenz in den Bereichen Wissenschaft, Bildung und Kultur im westsibirischen Omsk, von einer weiteren in einer der ältesten, museumsreif restaurierten russlanddeutschen Orte, Sarepta, heute ein Stadtteil von Wolgograd, vom Alumni-Forum der Alexander von Humboldt-Stiftung und einem weiteren wissenschaftlichen Event in Moskau zum Thema „Dialog zwischen den Bürgergesellschaften Russlands, der GUS-Staaten, des Baltikums und Europas“. Sogar dem in Omsk, Moskau, Bayreuth und Berlin aufgeführten Theaterstück mit dem Titel „Was die Welt im Innersten zusammenhält“, kreativ ersonnen und in Szene gesetzt von der russlanddeutschen Bühnen- und Filmkünstlerin Monika Gussmann, gelang es über Humboldts unstillbare Neugier und wissenschaftliches Querdenken hinaus seine Einfühlsamkeit und Emotionalität sowie das tief menschliche Wesen dieses kosmopolitischen Europäers preußisch-deutscher Prägung ergreifend und überzeugend ans Licht zu bringen.

Elf Kilo Lesestoff: Die neue Humboldt-Gesamtausgabe

Professor Oliver Lubrich, deutscher Germanist an der Universität von Bern, und ausgewiesener Humboldt-Experte, hat nach sechs Jahren Forschung zeitgerecht ein neues, gewichtiges Standardwerk herausgegeben: „Sämtliche Schriften“, fast 7000 Seiten, zehn Bände, elf Kilogramm schwer. Originale Schriftstücke, die auch zeigen, welch begnadeter Schreiber und Zeichner Humboldt war. Er verstand es, vornehmlich in seinen 5000 Briefen an seinen nicht minder angesehenen und geliebten Bruder Wilhelm in Berlin, seine eigene, erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Viele Dokumente, auch von seiner Entdeckerreise durch Russland, sind bis heute nicht ins Russische übersetzt, das soll sich ändern. Allerdings – wenig bekannt – waren schon zu seinen Lebzeiten rund 50 Essays auch hierzulande in Publikationen erschienen. Der engagierte Literaturwissenschaftlicher Lubrich resümiert zum Jahresende: „Wir sollten Humboldt weniger feiern – und ihn dafür mehr lesen.“ Im Fränkischen war seine erste Wirkungsstätte als studierter Berg­baubeamter von 1792 bis 1797. Grund genug für den rührigen Initiator des Alexander von Humboldt-Kulturforums Schloss Goldkronach, Hartmut Koschyk, langjähriger Bundespolititiker mit starkem Engagement für Auslandsdeutsche rund um den Globus, ein populär zugkräftiges Programm aufzulegen. So wurde eigens eine leuchtend rote, wetterfeste Humboldt-Rose gezüchtet, es wurde regional-traditionelles Backwerk geschaffen, ebensolches Bier, Likör und Fruchtgeist, eine Wurst mit exotischen Gewürzen aus Humboldts lateinamerikanischen Entdeckungsgebieten und die erneute Aufzucht eines delikaten Süsswasserfisches, des Goldsaiblings, wurde gefördert und schließlich ein „Fränkischer Alexander von Humboldt – Nachwuchspreis“ gestiftet.

Hochaktuell: Das Vermächtnis des Freidenkers

„Alles ist mit allem verbunden“, eine so erkenntnisreiche wie visionäre Ein- und Ansicht eines Universalgenies wie es die Welt selten hervorgebracht hat. Ein globales Netzwerk aus Physik, Chemie, Geologie, Mineralogie, Vulkanologie, Botanik, Vegetationsgeographie, Zoologie, Klimatologie, Ozeanographie, Astronomie, gepaart mit wirtschaftsgeographischen, ethnologischen und demographischen Forschungen. Dieses Verständnis der untrennbaren Zusammenhänge in unserem einzigartigen Kosmos, verbunden mit der folgerichtigen Forderung nach sorgsamerem und nachhaltigerem Umgang mit unserer Umwelt und ihren natürlichen Ressourcen, nach mehr Gleichberechtigung, mehr Achtung vor allen Menschen und der Sicherung ihres Wohlergehens über ökonomische Zielsetzungen hinaus, lag Alexander von Humboldt am Herzen. Und dieses sein Vermächtnis, liefert durch seine hochaktuellen Bezüge eine evident nachvollziehbare Erklärung für seine umfassende Renaissance und bewundernde Anerkennung. Auf dem jüngst nach zähem Ringen und mit zweifelhaften Kompromissen zu Ende gegangenen Klimagipfel in Madrid, hätte ein sprachgewandter Freidenker wie er und wohl erster Umweltaktivist den versammelten Politikern eindringlich und entscheidend ins Gewissen reden können. Immerhin war er es, der bereits vor 200 Jahren vor dem menschengemachten Klimawandel gewarnt hat. Alexander von Humboldt bleibt in all seiner ausgesprochenen Bescheidenheit höchst lebendig: „Ich weiß gar nichts, ich habe nur mein Leben damit verbracht, die Natur zu verstehen, ich habe Kenntnisse gesammelt und die Welt bereist, das ist alles.“

Frank Ebbecke

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