Und die Reichen shoppen fröhlich weiter

Man erinnert sich noch an die Bilder: Im Dezember 2014, der Rubel war gerade ins Bodenlose gefallen, räumten viele Russen die Geschäfte leer. Danach war Haushalten angesagt, aber nicht für Wohlhabende. Sie sind bis heute auf Einkaufstour.

Von Ilja Chrennikow, Andrej Lemeschko, Corinne Gretler (Bloomberg)

Im zweiten Jahr der Rezession in Russland sehen sich die meisten Russen veranlasst, den Gürtel enger zu schnallen. Anders Jaroslaw Gafurow. Der 25-jährige Moskauer findet, dies sei der perfekte Zeitpunkt, um den Bestand an seinen Lieblingsspielzeugen aufzu­stocken  – teuren Autos und Uhren.

Letztes Jahr hat Gafurow umgerechnet rund eine Million US-Dollar für neue Luxusautos ausgegeben, darunter einen Rolls-Royce für 250.000 Dollar und zwei Bent­leys, wovon einer noch gar nicht ausgeliefert wurde, sowie Top-Modelle von Mercedes und BMW. Für 70.000 Euro hat er sich nach eigenen Angaben Uhren zugelegt. „Die Krise hat mein Konsum- und Urlaubsverhalten nicht im Mindesten verändert“, sagt Gafurow. Seine Praxis für Unternehmensrecht floriere, seit die russische Wirtschaft die Folgen der Rezession zunehmend zu spüren bekomme.

Kunden vom Schlage des jungen Rechtsanwalts haben dafür gesorgt, dass einige Luxuswarenhersteller 2015 Rekordumsätze in Russland vermelden konnten, während der Einzelhandel insgesamt Einbußen von zehn Prozent verzeichnete. Umfragen zufolge kann sich praktisch jeder zweite Russe kaum Anschaffungen über Nahrungsmittel hinaus leisten.

Kundin in einem Moskauer Pelz- und Lederwarengeschäft. / RIA Novosti

Kundin in einem Moskauer Pelz- und Lederwarengeschäft. / RIA Novosti

Eine Reihe von globalen Edelmarken setzt darauf, dass der Trend anhält, und eröffnet neue Läden in Moskau. Ins GUM, das prunkvolle Einkaufszentrum am Roten Platz vis-à-vis vom Kreml, zogen letztes Jahr Bulgari und Jimmy Choo ein, Hermes habe seine Verkaufsfläche verdoppelt, berichtet eine GUM-Sprecherin.

„Wir liegen nicht nur auf Rubel-Basis im Plus, sondern auch in harter Währung“, sagt Alexander Pawlow, Vizepräsident von Mercury, Russlands größtem Einzelhändler für Luxusgüter, der auch das High-End-Kaufhaus ZUM betreibt. Manch wohlhabender Kunde verzichte inzwischen auf Reisen nach Westeuropa und gebe mehr Geld in der Heimat aus, hat die Moskauer Fashion Consulting Group ermittelt. Prada spricht von „erheblichem Wachstum“ im Jahr 2015. Für Rolls-Royce war Russland der erfolgreichste Absatzmarkt auf dem europäischen Festland.

Angekurbelt wird die Konjunktur von einer wachsenden sozialen Kluft zwischen Arm und Reich. Nach Regierungsangaben rutschten allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres vier Millionen Menschen unter die Armutsgrenze. Im Gegenzug haben jene, die nicht jeden Rubel zweimal umdrehen müssen, oft nicht allzu viele attraktive Optionen.

„In zwei Jahrzehnten Marktwirtschaft in Russland hat das Land drei Finanzkrisen erlebt“, sagt Wladimir Choljasnikow, der Chef des Online-Händlers KupiVIP Group, der Luxusmode vertreibt. „Die Russen haben daraus gelernt: Wenn du Geld hast, dann ist das Beste, was du machen kannst, es auszugeben.“

Die Bestellungen seien im Vorjahr um 55 Prozent nach oben geschnellt. Selbst russische Durchschnittsverdiener verfielen in einen Kaufrausch, als der Rubel Ende 2014 abschmierte. Damit scheinen ihre Ersparnisse allerdings weitgehend aufgebraucht zu sein. Das Konsumverhalten sei typisch für Russen, sagt Zuzanna Pusz, Analystin für die Berenberg Bank in London. „Nicht nur die Währung ist sehr volatil, sondern auch der persönliche Wohlstand. Heute hast du Geld, morgen ist es weg. Deshalb wird es oft in Waren wie Uhren und Ähnliches gesteckt, die werterhaltend wirken.“

Die Rezession und die Halbierung des Rubelwerts in den letzten zwei Jahren hätten, so die Fashion Consulting Group, auch die Reihen der vermögenden Kunden ausgedünnt. Übrig geblieben sind die wirklich Reichen, für die es nach wie vor Priorität hat, keine Abstriche an ihrem Lebensstil zu machen. „Selbst in schlechten Zeiten gibt es weiterhin Leute, die eine halbe Million Rubel umsetzen, wenn sie Shoppen gehen“, sagte Maria Wakatowa, Partner bei der Watcom Group und eine Einzelhandelsberaterin.

In der Modebranche heißt es, dass teure Taschen und Schuhe mit gut sichtbaren Labels die Bestseller in der Krise seien. „Ich liebe Marken wie Gucci, Chopard und Galliano und möchte nicht auf billigere Alternativen umsteigen“, sagt Irina Waliulina. Die 42-Jährige lebt nach ihren Worten von Immobilienbesitz. „Wenn das Geld knapp wird, dann kaufe ich lieber weniger, aber trotzdem Markenware.“

Das Auf und Ab des Rubels hat auch Gelegenheiten für Schnäppchenjäger generiert, weil die Preise nicht immer sofort angepasst werden. Modehändler geben an, sie hätten auf den Niedergang des Rubels nur in moderater Form reagiert, um die Kunden nicht zu verschrecken. „Wenn die Leute entweder Dollar zu Umtauschkursen von bis zu 80 Rubel oder aber vergleichsweise günstige Luxusartikel kaufen können, dann sehen sie Letzteres oft als die bessere Option an“, sagt Choljasnikow.

Einige Hersteller berichten, dass chinesische Touristen, deren Zahl in Moskau zuletzt sprunghaft angestiegen ist, ebenfalls zum Boom der Luxusgüterindustrie beigetragen hätten, weil der Rubelkurs ihnen einen Preisvorteil gegenüber China beschere. Pawlow gibt an, dass die Chinesen bereits 17 Prozent der Kunden seines St. Petersburger Einkaufszentrums DLT stellen. Derzeit strengt er eine Kooperation mit chinesischen Reiseveranstaltern an, um mehr Kunden von dort nach Russland zu bringen.

Anwalt Gafurow sagt, sein Autopark habe ihn viel weniger gekostet, als das in Westeuropa der Fall gewesen wäre. Jetzt steht er bereits auf der Warteliste für den neuen SUV von Bentley. Gleichzeitig meint er, dass die Tage des Shoppingbooms womöglich gezählt sind. „Das könnten die letzten Zuckungen von Kunden sein, die sich und ihren Partnern beweisen wollen, wie gut es ihnen noch immer geht.“

Dieser Text erschien zunächst in englischer Sprache bei Bloomberg.

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