Start-ups in Moskau: Nachhaltiger ohne Investor

Google, Facebook, Spotify und Co. machen es vor: Sie wurden vom Garagen-Projekt zu weltbekannten Marken. Viele junge, russische Gründer träumen davon, mit ihrem Projekt das „nächste große Ding“ zu sein. Wege und Irrwege zur erfolgreichen Unternehmensgründung waren das Thema beim jüngsten Moskauer Gespräch.


Ilja Tschech am Mikrofon. Daneben Dragowski (r.) und Moderator Ballin / Foto: Enes Kalkan.

Eigentlich immer busy und trotzdem betont lässig. Seine Unerfahrenheit retouchiert er mit Einsatz, Kreativität und Risikobereitschaft. So stellt man ihn sich vor, den typischen „Start-upper“, der seine erste Idee auf den Markt bringen will. Beim jüngsten „Moskauer Gespräch“ diskutierten einige von ihnen mit Experten aus Moskau und Berlin.

Die Bezeichnung „Start-up“ werde sehr inflationär gebraucht, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutsche Start-ups, Mirco Dragowski. Nicht jedes Unternehmen sei gleich ein Start-up. Innovative Ideen und schnelles Wachstum zeichnen diese aus. Allein in Berlin gebe es rund 2500 Start-ups. Mit 1000 bis 3500 innovativen Unternehmen steht Moskau dem in nichts nach.  Jedes Start-up beginne mit einer Idee, die sich im Verlauf eines Projektes komplett verändern kann, so Andrej Didenko. Er ist Präsident des Business-Inkubators der Higher School of Economics (HSE) – eine Einrichtung, die innovative Neugründungen und Jungunternehmer beim Expandieren unterstützt. Auch sein Projekt „Easy Law“ bekam vom Gründungszentrum der HSE Feedback und Tipps. Am Anfang wollte Didenko eine Börse für Anwälte gründen. Am Ende entstand ein Start-up, das Algorithmen nutzt, um juristische Dienstleistungen zu automatisieren. Die Zielgruppe: Unternehmer wie Ilja Tschech, die sich mit Wirtschaftsrecht nicht auskennen, dafür aber wissen, wie man neue Technologien entwickelt.

Der 27-jährige Ingenieur gründete 2015 das Start-up Motorica, auf Handprothesen, Biomechanik, 3D-Drucke und Roboter spezialisiert. Sie ermöglichen, dass russische Kinder funktionale Prothesen bekommen, die den Verlust eines Körperteils nicht kaschieren, sondern vollwertig ersetzen. Anfangs mangelte es Tschechs Team an Experten für Marketing und Kundenbetreuung. Doch das Unternehmen hatte Glück im Unglück. „Wir konnten selber Kunden finden, die Prothesen brauchten und sie fragen, was sie von dem Produkt erwarten“, so der mehrfach ausgezeichnete Unternehmer. „Wir haben alles durchgemacht, was ein Start-up nur durchmachen kann“, erzählt Tschech.

Nützliche Start-up-Idee: Prothese der Firma Motorica / Foto: Unternehmen.

Motorica nutzt diverse Start-up-Hilfen. Neben dem „Impact Hub Moscow“, einem internationalen Netzwerk für soziales Unternehmertum inklusive Coworking-Spaces und Beratungsstelle, ist das Unternehmen auch im Innovationszentrum Skolkowo angesiedelt: ein Forschungs- und Industriegebiet, 2010 von Dmitrij Medwedew nach Vorbild des Silicon Valley gegründet. Medwedews Prestigeprojekt bietet kostenlosen und direkten Anschluss an Zolldienste, Patentberater und vieles mehr. „Man muss nur die Treppen hochlaufen, um sich kurz beraten zu lassen“, so Didenko. Vom schnellen Wissensaustausch sollen insbesondere Start-ups profitieren, die ins Ausland expandieren möchten. „Ein Musterbeispiel, von dem Berlin lernen könnte“, meint Mirko Dragowski.

Neben staatlicher Unterstützung gibt es Hilfe von Konzernen wie der Bayer AG. Sie vermitteln passende Kandidaten an Tochterfirmen. Daraus entstehen zahlreiche Kooperationen, erklärt Grigorij Kolesnikov, Leiter des Projektes „Grants4AppsBayer“ der AO Bayer in Russland. Ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl sei die Motivation der Bewerber. „Wir wollen sehen, dass Start-ups für ihre Projekte brennen.“ Eine andere Möglichkeit, um in der Anfangsphase schnell an Kapital zu gelangen, sind Investoren. Das sei nicht immer erfolgsversprechend, so Kolesnikov.

„Ein Unternehmen, das aus seinen Umsätzen wächst, ist nachhaltiger als ein Unternehmen, das einen Investoren an Bord holt“, erklärt Dragowski. Der Verband möchte diese Themen transparenter machen, eine Community ins Leben rufen. Ein entsprechender Entwurf liege bereits auf dem Schreibtisch der deutschen Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries.

Enes Kalkan

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