Moderner, bequemer, sauberer: Moskaus Nahverkehr nimmt weiter Fahrt auf

Seit einiger Zeit werden in Moskau Jahr für Jahr neue Metrostationen eröffnet. Doch auch ansonsten ist im öffentlichen Nahverkehr viel in Bewegung, sowohl unter- als auch oberirdisch. Auf breiter Front wird vor allem der Park an Bussen und Bahnen modernisiert.

Nahverkehr à la Moskau: In der Nähe vom Weißrussischen Bahnhof begegnen sich zwei Witjas-Trams. © Tino Künzel

Die schnellste Methode, sich über den Lebensstandard in einer russischen Stadt zu informieren, ist eine Fahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr. Der Ticketpreis gibt Aufschluss darüber, was man der Bevölkerung zumuten zu können glaubt, ohne soziale Verwerfungen hervorzurufen. In Wladimir, einer weniger als 200 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Provinzhauptstadt, kostet die Fahrt mit dem Stadtbus 20 Rubel (umgerechnet knapp 30 Cent), abkassiert wird von einer Kontrolleurin im Bus. In Moskau selbst sind für die Einzelfahrt inzwischen 55 Rubel (fast 80 Cent) zu berappen, mit diversen Vorteilsangeboten wie der „Troika“-Karte kann der Preis auf etwas über 30 Rubel gedrückt werden. Die Kontrolleure sind längst passé. Stattdessen muss im Innern des Busses ein Drehkreuz passiert werden.

Der Fahrpreis entspricht aber nicht nur dem Einkommensniveau, sondern in der Regel auch der Technik, mit der man als Passagier unterwegs ist. Vermutlich der Löwenanteil des Stadtverkehrs in Russland wird mit Bussen der Marke PAS abgewickelt, deren Bestseller noch zu Sowjetzeiten entwickelt wurde und im Volksmund „Pasik“ genannt wird. Auch gebrauchte deutsche Busse, die irgendwann in den 80er Jahren zuletzt auf Deutschlands Straßen gesichtet wurden, sind keine Seltenheit.

Ein Stadtbus der neuesten Generation aus russischer Produktion im korporativen Blau der Moskauer Verkehrsbetriebe. © Tino Künzel

Im Vergleich dazu nimmt sich Moskau aus wie der große Bruder, der neuerdings im Silicon Valley arbeitet und den Lieben daheim in Sibirien ab und zu ein Video schickt, wie gut es ihm geht und was er jetzt wieder erfunden hat. Von mehr als 6400 Bussen, die der Verkehrsbetrieb Mosgortrans betreibt, sind nach offiziellen Angaben bereits mehr als 90 Prozent Niederflurbusse. Allein im letzten Jahr wurden 900 neue Busse angekauft, bis 2020 sollen es jedes Jahr 800 sein. Die meisten werden bei LiAS in der Moskauer Region hergestellt.

Eine kleine Revolution hat die Stadt beim Verkehr mit Elektrofahrzeugen vor. Die traditionellen Trolleybusse, die in Moskau seit 1933 im Einsatz sind, werden nach und nach ausrangiert und durch sogenannte Elektrobusse ohne Oberleitung ersetzt. Die ersten sollen bereits in diesem Jahr den Linienbetrieb aufnehmen und in der Lage sein, mit einer Akkuladung mehr als 40 Kilometer weit zu fahren, wobei das Aufladen lediglich 20 Minuten in Anspruch nehmen soll. Bis 2022 sollen 1500 Elektrobusse an die Busdepots ausgeliefert sein. Bereits ab 2021 will die Stadt keine Busse mit Verbrennungsmotoren mehr in Dienst stellen und vollständig auf den E-Betrieb umsteigen.

Geradezu die Hälse verrenken sich noch immer viel Passanten, wenn auf der Straße eine der neuen Straßenbahnen vom Typ Witjas-M vorbeisurrt. Die wohlgeformte Tram aus Twer ist selbst in Moskau, wo punktuell bis heute altersschwache tschechoslowakische Tatra-Bahnen ihre Arbeit verrichten, noch kein gewohntes Bild. Einstweilen werden damit sechs Linien bedient. 150 Bahnen sind schon in der Stadt unterwegs, bis Ende 2019 solle sich diese Zahl verdoppeln, berichtete dieser Tage das „Moskauer Abendblatt“ unter Berufung auf Bürgermeister Sergej Sobjanin. Moskau ist damit der mit Abstand größte Abnehmer der Tram, die auch in St. Petersburg und Krasnodar fährt, und läutet ein neues Verkehrszeitalter ein, in der Straßenbahnen kein Schattendasein mehr fristen.

Eine Witjas-M-Straßenbahn hat Platz für 260 Fahrgäste. Neben den äußeren Werten wissen auch die inneren zu gefallen: Während der Fahrt kann das Mobiltelefon an die Steckdose gehängt werden. Und auf die lästigen Drehkreuze hat man hier auch verzichtet. Das Ticket wird stattdessen im Fahrgastraum entwertet.

Ein „Moskwa“-Metrozug an der Station Kusnezkij Most. © Tino Künzel

In der Metro hatten derweil 2017 neue U-Bahn-Züge vom Typ „Moskwa“ Premiere. Auf der besonders stark frequentierten violetten Linie sind einige Dutzend seitdem bereits im Alltagseinsatz. Die Züge bieten 15 Prozent mehr Platz als ihre Vorgängergeneration, die Waggons verbindet ein durchgehender Mittelgang, sie sind also nicht mehr durch Türen voneinander getrennt. Das Fassungsvermögen liegt bei 2000 Passagieren. Als weitere Vorzüge werden breitere Türen und Energiesparlampen genannt. Bis 2023 will die Stadt etwa 2000 dieser Züge kaufen, sagte der stellvertretende Leiter des Verkehrsamtes, Gamid Bulatow, dem Fernsehsender M24.

Neuigkeiten gibt es auch vom Moskauer Zentralen Eisenbahnring. Ab 2020 sollen die Züge ohne Lokführer auskommen. Schon jetzt ist der Betrieb halb­automatisch, so dass auf die anfängliche Zwei-Mann-Besatzung im Führerstand verzichtet werden kann. Der Eisenbahnring wurde am 10. September 2016 in Betrieb genommen. Er führt auf 54 Kilometern Länge um das Stadtzentrum herum und hat 31 Haltepunkte mit Übergang zur Metro oder zur Vorortbahn. Die komfortablen „Lastotschka“-Züge sind eine an russische Verhältnisse angepasste Version des Desiro von Siemens.

„Lastotschka“-Zug an der Station Luschniki des Moskauer Zentralrings. © Tino Künzel

Bereits im ersten Jahr seit Eröffnung seien auf dem Ring an die 100 Millionen Fahrgäste befördert worden, teilte die Stadt mit. Die Taktung reicht von fünf Minuten in Spitzenzeiten bis zu zehn Minuten außerhalb der Rush Hour.

Das Rathaus hat angekündigt, den öffentlichen Nahverkehr auch weiter massiv ausbauen zu wollen. Heute werde er bereits von 68 Prozent der Moskauer genutzt. Vollzahler, die keine Ermäßigungen für sich in Anspruch nehmen können, hätten 2017 rund 3,9 Milliarden Fahrten unternommen – ein Plus von 63 Prozent im Vergleich zu 2010. Angeblich hat sich in den letzten Jahren die Verkehrsgeschwindigkeit nicht zuletzt dadurch um 7 Kilometer pro Stunde erhöht: von 45 auf 52 km/h. Nun sollen allein im laufenden und im kommenden Jahr weitere 48,5 Kilometer Busspur hinzukommen.

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