Deutsche Tugenden auf dem russischen Thron

Das 18. Jahrhundert ist, gelinde gesagt, schon eine Weile her. Wie also muss man sich das Zeitalter von Katharina der Großen vorstellen? Eintauchen in die Epoche kann, wer den Großen Katharinenball besucht, der am 17.  September zum zweiten Mal im Moskauer Zarizyno-Schloss stattfindet. Was die „deutsche Zarin“ selbst für Vorlieben hatte, erfahren Sie aus gegebenem Anlass in einer neuen Folge unserer Serie „Ein Tag im Leben von ...“.

Åêàòåðèíà II íà ïðîãóëêå â Öàðñêîñåëüñêîì ïàðêå (ñ ×åñìåíñêîé êîëîííîé íà ôîíå)

Katharina die Große in einem zeitgenössischen Gemälde von 1794. Die deutsche Prinzessin wurde von Zarin Elisabeth nach Russland geholt und kam durch eine Revolte gegen ihren Gemahl Peter III. an die Macht. Das Imperium regierte sie von 1762 bis zu ihrem Tod 1796.

5:00

Katharina war am Hofe stets als eine der Ersten auf den Beinen. In jungen Jahren begann der Tag für sie um fünf, selbst im Alter nie nach sieben. Je nach Jahreszeit heizte die Hausherrin selbst den Kamin und trank eine Tasse türkischen Kaffee, um dessen Stärke sich Legenden rankten. Angeblich war der Kaffeesatz so ergiebig, dass ihn die Diener später für sich noch einmal aufbrühten.

5:30

Nach diesem Muntermacher setzte sich die Zarin an ihren Sekretär und vertiefte sich in jegliche Art von Schreibarbeit, handelte es sich nun um Briefverkehr, Gesetzesentwürfe, allerlei „Projekte“, persönliche Aufzeichnungen oder auch eigene literarische Entwürfe, wobei die private Korrespondenz einen besonderen Raum einnahm. Der Kreis der Adressaten war nicht nur geografisch weitläufig. Zu denen, die mit der Monarchin in engem und vertraulichem Kontakt standen, gehörten unter anderem die französischen Denker Voltaire und Diderot. In ihren Briefen erwies sich Katharina als unge­heuer wandlungsfähig. In Abhängigkeit vom Empfänger konnten sie trocken und offiziell, spitz und spöttisch, aber bei entsprechender Interessenlage auch unterwürfig, freundschaftlich oder betont offenherzig sein.

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Als leidenschaftliche Reiterin erlaubte sich Katharina hin und wieder Ausritte, allerdings nur in der warmen Jahreszeit. Auch in St.  Petersburg konnten Frühaufsteher sie hin und wieder auf ihrem Ross beobachten. Solche kleinen Freuden gönnte sich die Zarin ausschließlich in den Morgenstunden.

8:00

Jeden Morgen gaben sich im Winterpalast die Minister die Klinke in die Hand. Katharina empfing jeden von ihnen an einem festen Tag in der Woche, der sich immer wiederholte. Ihr streng geregelter Tagesablauf, an dem niemand rütteln durfte, übertrug sich so auch auf das politische Establishment. Disziplin, Ordnungsliebe, Konsequenz und Höflichkeit selbst im Umgang mit Personal – solche Eigenschaften werden der Zarin in Russland häufig zugeschrieben und ebenso gern auf ihre deutsche Herkunft zurückgeführt. Die ersten 14 Jahre ihres Lebens verbrachte die geborene Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst in Deutschland, das hat sie nach einer weit verbreiteten Meinung stark geprägt und für den ungewöhnlichen Anpassungswillen in der neuen Heimat gesorgt, mit dem sie selbst zur Russin werden wollte, um den Russen zu gefallen, und es auch sonst nie an Eifer fehlen ließ. Nach Peter dem Großen habe auf dem russischen Thron niemand mehr so hart gearbeitet wie sie, schreibt der Historiker Jewgenij Anissimow. Wie sie selbst gesehen werden sollte, schrieb Katharina lange vor ihrem Tode in einem Entwurf für den Grabstein nieder: „Sie hat alles dafür getan, um ihren Untertanen Glück, Freiheit und materiellen Wohlstand zu verschaffen.“   

11:00

Morgentoilette. Einer von zwei Friseuren legte ihr die Haare. Dann zog Katharina ihre Gewänder an, wobei sie nach Bekundungen von Augenzeugen gegenüber der Mode gleichgültig war und eine vergleichsweise einfache Kleidung bevorzugte, so wie sie eine einfache Sprache sprach. „Personenkult“ war ihr ohnehin zuwider. „Wenn ich in einen Raum komme, dann erstarren alle“, erzählte sie einmal. „Ich habe ihnen schon oft ans Herz gelegt, man möge sich doch bitte ungezwungener verhalten, aber sie können es nicht lassen.“ Eine Anekdote besagt, dass Katharina einmal einen staatlichen Würdenträger anhörte, während nebenan junge Leute lärmten, ohne sich um die Gepflogenheiten der Zarin und die Wichtigkeit der Staatsgeschäfte zu kümmern. Doch das ließ sie sich gefallen. Als der Beamte fragte, ob sie nicht befehlen wolle, dass die  Gesellschaft ihnen den gebotenen Respekt erweise, antwortete sie: „Nein, jeder beschäftigt sich mit seinen Dingen. Sollen die sich ruhig vergnügen. Und Sie sprechen bitte etwas lauter!“

12:00

An Sonn- und Feiertagen nahm  Katharina am mittäglichen Gottesdienst teil. An Werktagen begab sie sich ins Empfangszimmer und schenkte den verschiedensten Besuchern ihr Ohr. Viele beschreiben sie als gute und detailversessene Zuhörerin. Das mag ihr auch an Wendepunkten der russischen Geschichte zugutegekommen sein. Die machtbewusste Zarin soll ein Gespür für die Schwäche ihrer Gegner und für die richtigen Bündnisse gehabt haben. In ihre Amtszeit fielen zwei Kriege gegen das Osmanische Reich, in deren Folge Russland unter anderem die davor türkische Krim eroberte, die polnischen Teilungen und eine Reihe von Bauernaufständen, die sie glücklich überstand. Katharina hinterließ ein Russland, das eine Großmacht in Europa war.

13:00

Das Mittagessen war weniger Nahrungsaufnahme als eine weitere Gelegenheit zur gepflegten Unterhaltung. Dabei wurde ordentlich aufgetischt. Die englische Baronin Elizabeth Dimsdale, die 1781 im Palast gastierte, will ausgerechnet haben, dass sich die Ausgaben für Essen und Trinken jeden Tag auf 90  Rubel beliefen. Zum Vergleich: Der Jahressold eines Soldaten betrug 7 Rubel. Katharina soll gekochtes Rindfleisch mit Salzgurken gemocht und sich ansonsten beim Essen zurückgehalten haben. Glaubt man Frau Dimsdale, war das Mittagessen die einzige vollwertige Mahlzeit am Tage. Zu Abend gegessen wurde demnach nicht.   

14:00

Nach dem Mittagessen gab sich die Zarin ihrer geliebten Handarbeit hin und ließ sich nebenbei von ihrem Bildungsberater Iwan Bezkoj vorlesen. Während Musik sie langweilte, war sie anderen Künsten gegenüber aufgeschlossen und auch eine engagierte Sammlerin. Die 1764 eröffnete St. Petersburger Eremitage war zunächst eine Ausstellung ihrer eigenen Kollektion.

17:00

Katharinas Abende waren wiederum mit Empfängen und mit Theater ausgefüllt, manchmal wurden von ihr selbst verfasste Stücke gezeigt. Sie achtete jedoch darauf, dass die Gäste auch rechtzeitig wieder gingen.

22:30

Die Zarin verordnete sich eine gleichbleibende Nachtruhe, um ihr Arbeitspensum zu bewältigen, vor allem im fortgeschrittenen Alter.

Tino Künzel

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