Die EU sehen und hören: unterwegs an der estnisch-russischen Grenze

Für ihre Bewohner waren Narwa und Iwangorod lange praktisch eine Stadt. Seit 2004 trennt sie die Außengrenze der Europäischen Union. Doch viele überwinden diese Grenze hier regelmäßig.

Die Festung Iwangorod gibt den Blick auf den Übergang und ein Stück der Nachbarstadt Narwa frei.

Die Festung Iwangorod gibt den Blick auf die Grenze und ein Stück der Nachbarstadt Narwa frei./ Foto: Corinna Anton

Quietschende Bremsen, der Zug kommt langsam zum Stehen. Die Tür ist noch nicht mal ganz offen, da kläffen draußen schon die Hunde. Ob sie mit gefletschten Zähnen auf Besucher warten, die sich hierher trauen? Hier, das heißt nach Iwangorod an der estnischen Grenze. Wo nur ein unscheinbarer Fluss namens Narwa die Nato von Russland trennt. Man muss kein Leistungsschwimmer sein, um ihn zu durchqueren.

Die Städte Narwa und Iwangorod haben beide ihre eigene Festung. Eine ziert die weiß-blau-rote Flagge, die andere die blau-schwarz-weiße. Aber sie haben auch eine gemeinsame Geschichte. Von 1649 bis 1945 waren sie praktisch eine Stadt, danach lagen sie bis 1991 in getrennten, aber verbrüderten Sowjetrepubliken.

Geschichten von Grenzgängern

Daran können sich viele in Iwangorod noch erinnern. Sie haben früher mal auf der einen, mal auf der anderen Seite gearbeitet, gelebt, geheiratet. Und in die Rentenkassen eingezahlt. So wie Ludmila. Sie ist eine der ersten Großmütter, die auf dem Weg vom Bahnhof ins Zentrum Obst und Gemüse aus ihrem Garten anbieten. Viele weitere werden folgen und ähnliche Geschichten erzählen.

Ludmila nimmt einen gelb-grünen Apfel und ein Taschenmesser. Sie schneidet eine Scheibe zum Probieren ab. „Ein bisschen sauer, aber das ist eine gute Sorte.“ Das Verkaufen hat die 63-Jährige in Narwa gelernt, als sie vor 40 Jahren mit ihrer Mutter in die Gegend zog.

Zutritt streng geregelt

Heute geht sie alle paar Wochen zu Fuß über die Brücke. Drüben besucht sie Verwandte und pflegt Gräber. Dafür braucht sie ein Visum, erzählt sie, aber als Rentnerin bekomme sie das direkt in Iwangorod und vergleichsweise günstig, für etwa 30 Euro. „Kosten Sie noch die Birne“, sagt sie. Dann reicht sie ein Stück und erklärt: „Hier kann man gut leben, genau wie überall.“

Aber von Russland in ein paar Minuten zu Fuß in die EU spazieren, das kann man eben nicht überall. Deswegen darf auch nicht jeder Iwangorod besuchen. Der kläffende Hund am Bahnhof war zwar nur zu hören, nicht zu sehen. Dafür hat ein Beamter bei der Ankunft einen strengen Blick in die Pässe geworfen. Russen brauchen einen Berechtigungsschein (propusk) oder ein Schengen-Visum. Europäern reicht auch der EU-Pass mit Visum für Russland.

Iwangorod

Grenzerfahrung im wahrsten Sinn: Mehrere Stunden warten Lastwagen in Iwangorod auf die Einreise in die EU. /Foto: Corinna Anton

In anderen Grenzstädten ist das übrigens nicht so einfach. Ein Versuch der MDZ, ins sieben Kilometer von Finnland gelegene Swetogorsk zu reisen, wird am nächsten Tag an einer Kontrollstation enden. Und mit 500 Rubel Strafe (umgerechnet gut sieben Euro) geahndet werden, wegen unerlaubten Betretens des Grenzgebietes. „Tourismus“ als Zweck der Reise und ein europäischer Pass helfen dort nicht weiter.

In Iwangorod dagegen sind Touristen keine Seltenheit. Eine kleine Reisegruppe und mehrere Familien sind an diesem Freitagvormittag aus St. Petersburg gekommen, um sich die Festung anzusehen. Rund um den Markt in der Stadtmitte parken auch Autos mit estnischen Nummernschildern. Die sind oft das einzige Erkennungszeichen der Gäste.

Schlachten und Belagerungen

Denn die meisten Einwohner Narwas gehören der russischen Minderheit in Estland an. Daher können sie sich in Iwangorod problemlos verständigen. „Sie kaufen hier ein, vor allem in der Apotheke“, erzählt Tatjana. „Am Wochenende sehen sie sich auch die Festung an und besuchen das Museum.“

Tatjana verkauft dort Souvenirs, ist aber ausgebildete Geschichtslehrerin und rattert die Historie der beiden Städte herunter. Narwa ist älter. Schon Anfang des zwölften Jahrhunderts wurde die Siedlung schriftlich erwähnt. Östlich des Flusses ließ Iwan III. im Jahr 1492 die Festung Iwangorod erbauen. Nach zahlreichen Schlachten und Belagerungen entstand die heutige Grenze mit der Unabhängigkeit Estlands im Jahr 1991. Seit 2004 ist sie eine Außengrenze der Europäischen Union.

Narwa

Der Fluss Narwa trennt die Zwillingsstädte. Baden ist verboten, aber Angeln erlaubt. /Foto: Corinna Anton

Für die Bewohner von Iwangorod heißt das, dass sie ein Visum brauchen, wenn sie über die Brücke gehen oder fahren wollen, um ihre Kinder, Enkel und Geschwister in Estland zu besuchen. Davon erzählen vor allem die Älteren. Die Jüngeren berichten, dass sie drüben einkaufen. Fleisch und Käse zum Beispiel, wie die zwei Mädchen, elf und 14, die am Nachmittag mit Plastiktüten von H&M aus Estland zurückkommen.

Eine Festung ist Europa für sie nicht. Und das soll es auch nicht sein, wenn man den noch glänzend neuen Tafeln glaubt, die in den vergangenen Jahren aufgestellt wurden. Auf Russisch und Englisch informieren sie über die Geschichte der Stadt. Angeschafft wurden sie mit Zuschüssen aus Brüssel. „United by borders“, steht auf den Tafeln geschrieben, „durch Grenzen geeint“.

Die Rente von drüben

Nikolai kann über das Motto nur den Kopf schütteln. Mit Gummihose steht er bis zu den Knien im Wasser und wartet, dass ein Fisch anbeißt. Genau das machen auch seine Kollegen auf der estnischen Seite. Manchmal hört er sie lachen oder rufen. „Ich habe viele Freunde drüben“, sagt Nikolai. Seine Rente kommt aus Estland. „400 Euro dafür, dass ich mein Leben lang in der Kolchose gearbeitet habe, das ist nicht viel, aber mehr als bei uns.“

Wie eine arme Stadt sieht Iwangorod aber nicht aus. Neben grauen Plattenbauten gibt es Straßenzüge, in denen gerade eine Villa nach der anderen entsteht, vom Blick der Nachbarn abgeschirmt durch hohe Zäune. Der Spielplatz in der Stadtmitte, keine fünf Gehminuten von der Grenze entfernt, ist neu und am späten Nachmittag voller junger Familien.

Eine Stadt zum Wohlfühlen

Er fühle sich wohl hier, sagt ein Mann mit blonden Haaren, der beim Zoll arbeitet. Seine Frau schiebt den Kinderwagen mit dem Säugling hin- und her, der große Sohn tobt sich auf der Rutsche aus. Ihre Heimatstadt zu verlassen, können sie sich nicht vorstellen. Warum auch, die Arbeit sei gut, die Stadt ruhig und sicher, die Luft sauber. Zum Einkaufen können sie regelmäßig nach Narwa fahren, mit einem Visum für drei oder sechs Monate, alles ganz unkompliziert.

Im Westen geht derweil die Sonne unter, bald hält der Zug von Tallinn nach St. Petersburg am Grenzbahnhof. Das Bellen hört man bei der Abreise nicht mehr. Der Wachhund ist offenbar schon schlafen gegangen.

Corinna Anton

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