Couchsurfer Stephan Orth: Fast ein Putin-Versteher

Vor zehn Jahren fand das erste Couchsurfer-Treffen in Moskau statt. Seitdem können Fremde hier nicht nur in Hotels übernachten, sondern auch auf dem „Diwan“ zahlreicher Moskowiter. Einer der prominentesten Couchsurfer in Russland war im vergangenen Jahr der deutsche Autor Stephan Orth.

Couchsurfer Stephan Orth

Stephan Orth ist als Couchsurfer durch Russland gereist. Auch in Moskau hat er sich umgeschaht. /© Gulliver Theis

Der Journalist Stephan Orth, Jahrgang 1979, schrieb den Bestseller „Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt“ und „Couchsurfing im Iran: Meine Reise hinter verschlossene Türen“. Nachdem Orth von Juli bis September 2016 durch Russland gereist war, veröffentlichte der Verlag Malik im März sein Buch „Couchsurfing in Russland“.

Ihr Buch über Couchsurfing in Russland hat es in die Bestsellerlisten geschafft. Wie schläft es sich denn auf Moskaus Sofas?

Sehr gemütlich. In Moskau habe ich auf einer Ausziehcouch im Wohnzimmer und auf einer Luftmatratze geschlafen. Totalen Luxus erwartet man als Couchsurfer nicht.

Ihr Buch trägt den Untertitel „Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde“. Warum fast?

Ich wollte verstehen, wie das Phänomen Putin funktioniert. Darüber habe ich mit vielen Russen diskutiert. Dabei hörte ich oft, dass Putin nach den chaotischen 1990er Jahren den Menschen ihren Stolz zurückgegeben habe. Auch dadurch, dass er dem Westen Paroli bot und sich als starker Herrscher etablierte. Zudem hat er Ordnung ins Land gebracht und die Wirtschaft angekurbelt. Ganz zum Putin-Versteher, was ja oft mit Putin-Fan gleichgesetzt wird, bin ich jedoch nicht geworden. Wie er versucht, in anderen Ländern Entscheidungen mitzugestalten und Europa zu destabilisieren, damit kann ich mich als Europäer nicht anfreunden.

Zurück auf die Couch: Wie wurden Sie von Ihren Gastgebern behandelt?

Die Gastfreundlichkeit meiner zwei Moskauer Gastgeber stand der in Sibirien oder im Nordkaukasus wirklich in nichts nach. Wenn man die Leute kennenlernt, bei ihnen zu Hause ist, gehört man ganz schnell zur Familie. Auch wenn es beim ersten Gastgeber, Genrich, erst nicht so aussah, als wäre das der freundlichste Mensch der Welt.

Warum?

Ich hatte fast schon Angst, ihn anzuschreiben, weil er so viele Verhaltensregeln in seinem Online-Profil aufgestellt hatte. Als ich dort war, zeigte sich, dass er ein ganz toller, herzlicher Typ war.

„Ich habe mir tatsächlich vor meiner Reise ausgemalt, dass ich jeden Abend sturzbetrunken vor einem Wodkaglas sitze.“

In Moskau gibt es mittlerweile mehr als 100.000 Gastgeber, die Couchsurfern einen Schlafplatz in ihrer Wohnung anbieten. Wie finden Sie den richtigen Host für einen Aufenthalt?

Das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, weil ich immer einen interessanten Mix an Leuten und verschiedenen Lebenswelten kennenlernen will. Ich verbringe viele Stunden damit, online Profile zu durchstöbern und mir zu überlegen, ob mir die Person denn etwas zu erzählen hat.

Was wollten Ihre Moskauer Gastgeber so von Ihnen wissen?

Mein 63-jähriger Host Wladimir kannte sich sehr gut aus im Westen, da er jahrelang als Übersetzer für amerikanische Medien gearbeitet hat. Er hat eher Monologe gehalten, als mich mit Fragen zu löchern, und stundenlang über den Kommunismus gelästert. Er hat sich auch kritisch zur jetzigen Situation geäußert, wie die Leute sich – seiner Ansicht nach – manipulieren lassen von Propaganda und Nationalismus.

Und Genrich?

Wir haben uns über alles Mögliche unterhalten: über Linguistik, mittelalterliche Gesänge, aber auch viel über Russland und Klischees. Er meinte, dass er ein schlechtes Beispiel für einen russischen Gastgeber sei, da er keinen Wodka trinke und keine Balalaika habe.

Stichwort Wodka: Können Sie die gängigen Klischees denn bestätigen?

Ich habe mir tatsächlich vor meiner Reise ausgemalt, dass ich jeden Abend sturzbetrunken vor einem Wodkaglas sitze, sollte ich mich ernsthaft auf den Alltag hier einlassen. Das ist mir allerdings eher selten passiert. Außerdem habe ich in keiner einzigen Wohnung eine Balalaika gesehen.

Wieso sind Sie eigentlich durch Russland gereist?

Mich reizen Regionen und Länder, die politisch derzeit für Kontroversen sorgen, die einen schlechten Ruf haben in der Welt. Wenn man so ein Land als Couchsurfer kennenlernt, macht man sich ein ganz anderes Bild, als einem durch die Medien vermittelt wird. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie ähnlich die Probleme, Träume und Wünsche der jungen Menschen überall auf der Welt sind.

Hatten Sie auch mal Angst vor einem Gastgeber?

Vor einem Gastgeber selbst zwar nicht, aber sehr irritiert hat mich der Mitbewohner meines letzten Hosts Nikita in Wladiwostok. Der stellte sich nämlich als fürchterlicher Rassist heraus, kam mir mit den verrücktesten Verschwörungstheorien. Ich habe ernsthaft überlegt, einfach abzuhauen, bin aber geblieben, weil ich dachte, dass dies eine gute Geschichte für mein Buch sei. Das Verrückteste, was mir als Gastgeber mal passiert ist, war ein Gast, der bei mir in Hamburg eine Rolle Klopapier klaute.

„Russland ist überraschend vielseitig.“

Als „überraschend“ beschrieb Edward Snowden Russland in einem Wort. Welches Wort würden Sie wählen?

Ich finde das Zitat sehr gut und würde es direkt unterschreiben. Ich würde es vielleicht auf zwei Worte erweitern: „überraschend vielseitig“. Eine Reise durch Russland ist auch eine Reise durch die Welt: Im muslimisch geprägten Südwesten fühlt man sich wie in Nahost, im buddhistischen Elista (Republik Kalmückien, Anm. d. Red.) wie in Tibet, und am Baikalsee trifft man Schamanen. Ganz zu schweigen von vielen weiteren Minderheiten.

Wann werden Sie denn wieder zurück nach Russland kommen?

Bald. Denn obwohl ich gerade im Juli erst wieder da war, habe ich vieles noch nicht gesehen. Auf meinen nächsten Reisen würde ich gerne das Altai-Gebirge und den Baikalsee erkunden.

Das Interview führte Christopher Braemer.

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