Seit 90 Jahren: Roter Teppich auf Rädern

Es ist auch heute noch ein Erlebnis, mit dem „Roten Pfeil“ zwischen Moskau und St. Petersburg unterwegs zu sein. Bei seiner Premiere am 10. Juni 1931 war Russlands ältester Premiumzug aber geradezu eine Sensation.

Den „Roten Pfeil“ umweht noch immer ein Hauch von Luxus. (Foto: Wikimedia Commons/Glucke)

Jeden Tag fahren fast 40 Züge von Moskau nach St. Petersburg ab. Es ist meist keine denkwürdige Reise auf den 652 Kilometern, die zwischen den beiden Städten liegen, und viele vergessen sie hinterher gleich wieder. Die Bahnroutine wird noch am ehesten vom letzten Zug des Tages gebrochen, Abfahrt um 23.55 Uhr. Wer den „Roten Pfeil“ (Krasnaja Strela) nimmt, der hat anschließend etwas zu erzählen. „Legende“, „wie in der guten Stube“, „der beste Zug Russlands“ – so lesen sich die Schwärmereien im Netz.

Wer die Begeisterung für den Zug 001A/002A verstehen möchte, der muss auch die Geschichte mitdenken. Als er am 10. Juni vor 90 Jahren auf seine Jungfernfahrt von St. Petersburg nach Moskau ging, war er der erste exklusive Zug der Sowjetunion und knüpfte an vorrevolutionäre Vorbilder an. Damit wurde auch die Tradition der Premiumzüge begründet, die einen eigenen Namen haben und nicht nur eine Nummer. Um 1.30 Uhr war Abfahrt im damaligen Leningrad, um 11.20 Uhr Ankunft in Moskau, was den Express etwa zwei Stunden schneller sein ließ als seine einfacheren Kollegen. Er erreichte dabei Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometer pro Stunde.

Lange mit deutschen Waggons

Doch der „Rote Pfeil“ drückte nicht nur aufs Tempo, er war auch und vor allem Glanz und Gloria in schweren Zeiten. Den Arbeitern und Bauern musste er 1931, in einem von Krieg, Zerstörung und Hunger gezeichneten Land, wie ein Versprechen auf eine ferne Zukunft vorkommen. Einstweilen war er nicht für sie gedacht, sondern in erster Linie für in- und ausländische Politiker, Behördenvertreter und Dienstreisende. Sie konnten sich im Zug ihr Essen ins Abteil bringen lassen und von einer Telefonstation sogar ins Ausland anrufen. Für die breite Masse ein schier unvorstellbarer Luxus. Die zwölf Holzwaggons stammten zunächst noch aus zaristischen Beständen. Bald wurden sie aber von neueren Exemplaren abgelöst. Ab 1952 waren Ganzmetallwaggons im Einsatz. 1976 kamen sie erstmals vom VEB Waggonbau Ammendorf und verrichteten ihren Dienst fast 30 Jahre, bis sie gegen eine neue Generation aus dem Waggonbauwerk Twer ausgetauscht wurden.

Bis in die 1960er Jahre hinein hatten die Waggons eine blaue Farbe. Und so, wie der „Rote Pfeil“ durchaus nicht immer rot war, so ist er heute kein Pfeil mehr. Seine Fahrtzeit beträgt acht Stunden. Das ist zwar weniger als früher, aber heute nichts Besonderes mehr. Passagiere schätzen vielmehr die Verwöhn-Atmosphäre, das gediegene Interieur von den roten Teppichen bis hin zu den Vorhängen, die Gemütlichkeit. Als Bonus ist das Frühstück im Preis inbegriffen.

Preise kann sich jeder leisten

Vieles, was irgendwann den „besseren“ Zügen vorbehalten war, ist längst überall Standard, wie beispielsweise Steckdosen, Klimaanlage und Biotoiletten. Doch der Aura des „Roten Pfeils“ scheint das keinen Abbruch zu tun. Er durfte ausnahmsweise sein dunkelrotes Kleid behalten und wurde nicht ins Firmen-Grau der Russischen Bahn umlackiert. Die Preise beginnen selbst in der Hochsaison schon bei unter 30 Euro im Vierer-Abteil. Und der Fahrplan – in beide Richtungen gleich – hat auch viel für sich: Die Ankunft um 7.55 Uhr lässt den Passagieren Zeit zum Ausschlafen. Die Abfahrt kurz vor statt nach Mitternacht hat angeblich einst Lasar Kaganowitsch veranlasst, Stalins rechte Hand. So kamen Dienstreisende zu einer zusätzlichen Tagespauschale.

Tino Künzel

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