Russlands blumigster Tag

Jedes Jahr zum 8. März herrscht Ausnahmezustand bei Russlands Blumenhändlern. Wjatscheslaw Solowkow ist Besitzer eines Blumengroßhandels und eines Blumengeschäfts. Im Interview erzählt er, was die denkwürdigste Bestellung war und warum er selbst immer noch Ware ausfährt.

Zum Frauentag geht es hoch her in Moskaus Blumenläden. (Foto: RIA Novosti/Ramil Sitdikow)

Die meisten denken, dass der 8. März eine Goldgrube für Blumenhändler sein muss. Aber wie sieht es hinter den Kulissen aus?

Jeder Feiertag ist eine Prüfung – für die Nerven, das Geld und das Glück. Zuallererst muss ich die Blumen zu einem günstigen Preis bei den Auktionen in Holland bekommen, um meine Großkunden nicht zu verprellen. Dann muss ich sicherstellen, dass die Ware pünktlich ankommt. Wenn ein Händler seine Bestellung nicht rechtzeitig bekommt, kommt er nie wieder zu uns. Manchmal erhält man verdorbene Ware. Dann muss man alles durchgehen und sortieren. Einmal erhielt ich vor dem 8. März eine Lkw-Lieferung Tulpen, von denen die Hälfte verfault war. Zusammen mit meinen Angestellten ging ich ein paar Nächte lang die Blumen durch. Wenn ich meine Leute dazu motivieren will, am Feiertag rund um die Uhr zu arbeiten, muss ich natürlich auch selber ran.

Welche Blumen werden zum Frauentag am häufigsten gekauft?

Natürlich Tulpen. Nicht nur, weil sie zu dieser Jahreszeit die günstigsten sind, sondern auch zweifellos die schönsten.

Wie lange dauert es, bis Blumen ihren Empfänger erreichen?

Die ecuadorianische Rose nimmt die längste Reise auf sich. Das ist die hellste, größte Rose mit einem kräftigen, hohen Stiel. Zwei Tage dauert der Flug von Ecuador nach Amsterdam, wo sie grundiert und gekühlt wird. Es folgen vier Tage Landweg nach Russland. Danach kann sie zwei oder sogar drei Wochen im Geschäft bleiben. Allerdings können viele Kunden eine frische Rose nicht von einer älteren im Schaufenster unterscheiden, da sie diese oft nach dem Hemd – den äußersten Blütenblättern – aussuchen. Das Hemd sieht immer ein wenig zerknittert aus, auch bei frischen Blumen. Viele Verkäufer nehmen es ab, um den Eindruck zu verbessern, aber ohne das Hemd stehen die Blumen schlechter.

Was für Kunden hast du am Frauentag in deinem Laden?

Zuerst kaufen Firmen und staatliche Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Universitäten bei uns ein. Das fängt schon Tage vorher an. Hauptsächlich sind die Käufer natürlich Männer. Manchmal auch Frauen, die Blumen für ihre Mütter kaufen. Aber am meisten freue ich mich über Kinder, die von ihrem Taschengeld etwas sparen, um ihren Müttern Blumen für den 8. März zu kaufen. Viele sind es nicht, aber es gibt sie. Und diese Jungen, die von klein auf richtig erzogen werden, kommen in der Regel nicht aus reichen Familien.

Verschenkst du selbst oft Blumen?

Ja. Ich schenke Blumen, wenn ich mich mit jemandem treffe, wenn ich zu Verhandlungen gehe. Manchmal bin ich selbst als Kurier unterwegs. Wozu? Wegen der Emotionen. Blumen sind einfach etwas Positives, das Freude bringt und die Stimmung hebt. Wenn eine Frau selten Blumen geschenkt bekommt, kannst du dir nicht vorstellen, welche Freude, welche bebende Zärtlichkeit ihre Augen ausstrahlen, wenn man ihr einen Blumenstrauß überreicht. Es gibt auch das Gegenteil: Frauen, für die ein schicker Blumenstrauß zum Alltag gehört. Solche Lieferungen bereiten mir keine Freude.

Auch als Besitzer eines großen Geschäfts ist es gut, alle Bereiche der Arbeit bis ins kleinste Detail aus eigener Erfahrung zu kennen, um zu verstehen, welche Schwierigkeiten bei der Arbeit des Kuriers auftreten können und wie viele Aufträge er an einem Tag ausliefern kann.

Welche Bestellung hat sich dir in 25 Jahren als Blumenhändler besonders eingeprägt?

In jedem Geschäft gehört auch Glück dazu. Zu Beginn meiner Karriere hatte ich an einem Vorabend des 8. März 50.000 unverkaufte Tulpen. Am 7. März rief mich ein Mann an und bestellte genau 50.000 Tulpen. Dann haben wir einen riesigen Lkw kommen lassen, um sie zu seinem Landhaus zu bringen und es zu dekorieren, bevor seine Liebste aufwachte. Alles war mit Tulpen gesäumt: vom Tor über die Treppe bis hin zur Schlafzimmertür.

Am Vorabend des 8. März muss ich das fragen: Was ist für dich eine echte russische Frau?

Eine Hausfrau. Leider verschwindet dieser Wert sowohl in Russland als auch in Europa allmählich. Mein Sohn hat eine Chinesin geheiratet, und ich verstehe ihn. In China sind noch jene Traditionen lebendig, die es in Russland in meiner Generation noch  gab, als eine Frau noch eine Frau war, das Haus hütete, die Kinder großzog, kochte. Vielleicht wirkt das jetzt aus der Sicht moderner Frauen albern und trivial, aber für mich persönlich ist es wichtig.

Das Interview führte Anna Braschnikowa.

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