Im Führerstand des Metrozuges: Nichts für schwache Nerven

Die Moskauer Metro gehört zu den meistfrequentierten Verkehrsmitteln der Welt. Sie wird eine Stadt unter der Stadt genannt, für deren Funktionstüchtigkeit etwa 36 000 Menschen sorgen. Eine der Hauptrollen kommt dabei den Lokführern der Züge zu. Alexej Schibanow vom Depot Ismajlowo ist so einer. Hier erzählt er von seiner Arbeit.

Der Berufseinstieg

Von 100 Bewerbern werden nur 10 oder 20 tatsächlich Lokführer, sagt Alexej Schibanow. „Ich bin 2005 mit einem Fachschulabschluss zur Moskauer Metro gekommen. Seit 2008 arbeite ich als Fahrer.“ Heutzutage dauere die Ausbildung alles in allem ein Jahr. Doch 70 Prozent der Bewerber fielen schon bei der Eingangsuntersuchung durch: „Sehkraft, Hörschärfe und Herztätigkeit sollten schon ideal sein.“ Wer aus medizinischer Sicht für tauglich befunden wird, kann die sechsmonatige Ausbildung in der Berufsfachschule der Moskauer Metro antreten. Dabei behauptet der eine oder andere Fahrer, eigentlich brauche man nur 15-20 Minuten, um einem Neuling das Führen des Triebzuges beizubringen. Die meiste Zeit wird denn auch das Verhalten in Notfallsituationen trainiert. „Der Umfang an Information ist ziemlich groß. Anfangs besteht eine Gruppe aus 30 Teilnehmern. Am Ende bleiben die erwähnten 10 bis 20 übrig. Die Berufsfachschule wird im Status eines Lokführergehilfen absolviert. Lokführer wird man erst später im Depot.

Vielleicht werden Sie das nächste Mal ja von ihm durch den Moskauer Untergrund kutschiert: Alexej Schibanow. © Moskauer Metro

Die Arbeitsbelastung

Ein Lokführer steht ständig unter Strom. Zu den Stoßzeiten beträgt der Zugabstand in der Moskauer Metro offiziell 1:35 Minuten. Tatsächlich können es aber auch mal 20 Sekunden sein. Bei der Metro sagt man, sogar die hochentwickelten  Japaner hätten eingeräumt, das nicht nachmachen zu können.

Anstrengend sind mitunter die Fahrgäste. Stehen sie zu nahe an den Gleisen, kann der Außenspiegel an der Fahrerkabine sie treffen. Was auch oft vorkommt, sind verlängerte Standzeiten an den Stationen, weil Passagiere die sich schließenden Türen aufhalten. Einst gehörte das regelrecht zum guten Ton unter Männern, sich so als Kavaliere für Frauen zu erweisen. Als ob es keinen nächsten Zug gäbe! „Ich nehme das gelassen“, erklärt Alexej Schibanow. „Die verlorene Zeit hole ich im nächsten Tunnel wieder raus.“

Die Verantwortung, die Dunkelheit und die Geräuschkulisse sorgten für eine Daueranspannung. „Im Rahmen eines Erfahrungsaustausches waren meine Kollegen und ich  einmal in Kiew, wo der Leiter der dortigen Metro uns von einer Biofeld-Forschung erzählte. Man untersuchte das Biofeld eines Lokführers vor und nach der Schicht. Die Ergebnisse zeigten, dass der Lokführer nach der Schicht  völlig ausgepumpt war.“

Die Checkliste

Der Dienstplan eines Lokführers besteht aus Früh-, Spät- und Nachtschichten. Die Dauer einer Schicht beträgt 6-8,5 Stunden, mit einer 30-minütigen Pause. Vor Arbeitsantritt erfolgt ein Gesundheitscheck: Blutdruck, Puls. Obligatorisch ist der Alkoholtest. Das Ganze nimmt etwa eine Viertelstunde in Anspruch. Es folgt die Arbeitseinweisung, die man durchläuft, egal, wie viel Erfahrung man hat. Der Lokführer wird von einem Instrukteur befragt, ob er zum Beispiel über neue Regelungen informiert ist. Dafür sind 20 Minuten vorgesehen. Erst nachdem der Lokführer die Einweisung mit seiner Unterschrift quittiert hat, darf er den Zug übernehmen.

Die Freizeit

Wünsche würden bei der Erstellung des Dienstplans berücksichtigt, so Schibanow. „Ich fahre am liebsten nachts, denn ich habe eine Datscha in der Umgebung von Moskau und verbringe die warme Jahreszeit größtenteils dort. Nach der Nachtschicht kann ich Frühsport mit meinen Kindern machen, joggen und im Sommer im See schwimmen. So habe ich viel von meiner Familie.“ In seiner Freizeit betätigt sich Schibanow gesellschaftlich. Er ist Vorsitzender des Jugendrates im Depot Ismajlowo. „Wir haben den Paintballpokals ins Leben gerufen“, berichtet er. „Paintball ist perfekt, um sich nach der Arbeit zu entstressen, und auch gut fürs Teambuilding. Wir sind ja wie eine große Familie.“ Zudem ist Schibanow Mitglied in der Fahrradgemeinschaft der Moskauer Metro. „Wir nehmen an städtischen Veranstaltungen teil, organisieren auch selbst Fahrten“, sagt er. erzählt der Lokführer. Zum 80. Geburtstag der Metro 2015 sei man gleich zwei Tage mit den Rädern unterwegs gewesen.

Die Passagiere

Dass die Fahrgäste mit ihrer Unberechenbarkeit die Arbeit verkomplizieren, findet Alexej Schibanow nicht. Er hat Übung im Umgang mit großen Mengen, und das nicht nur bei der Metro. „Mein Hobby ist Bienenzucht“, sagt er. „Ich würde sagen, dass Bienenhaus und U-Bahn viel gemeinsam haben. Alle Bienen erfüllen ihre Funktionen im Bienenhaus, wobei die Handlungen einer Biene die Arbeit der anderen beeinflussen können. Dasselbe sehen wir in der Metro, wo Passagiere auch ein Teil dieses großen Ganzen sind.“ Trotz des Ernstes seiner Tätigkeit erlebt er immer wieder komische Situationen. „Bei mir melden sich oft Passagiere über den Sprechfunk und bitten, schneller zu fahren, weil sie sonst nicht rechtzeitig ihren Zug oder Flug erreichen“, lächelt Schibanow.

Die Metromystik

Das Innenleben der Metro ist geheimnisumwittert und Gegenstand von Legenden. Auch Schriftstellern lässt es keine Ruhe. In „Metro 2033“, dem dystopischen Roman von Dmitrij Gluchowskij, spielt die Handlung in einem zukünftigen Moskau, dessen oberirdischer Teil nach einem Atomkrieg unbewohnbar geworden ist, so dass die Überlebenden gezwungen sind, in der teilweise ebenfalls zerstörten Metro zu hausen. Alexej Schibanow hält sich lieber an die Tatsachen. Auf die Frage, ob man nachts in den Tunneln tatsächlich Stimmen hören kann, antwortet er mit breitem Lächeln: „Selbstverständlich. In der Metro sind nachts viele Stimmen zu vernehmen. Es sind die Stimmen der Mitarbeiter. Zwar pausiert die Moskauer Metro in der Nacht, aber es gibt viele technische Arbeiten, die in dieser Zeit erledigt werden.“

Anna Braschnikowa

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