Immer mehr Russen werden Opfer von Telefonbetrügern

Die Corona-Pandemie ist eine gute Zeit für Betrüger in Russland. Sie erbeuten Rekordgewinne und Banken wie Strafverfolgungsbehörden sind machtlos. Auch weil die Betrüger aus Gefängnissen agieren.

Lieber nachschauen, wer da anruft: Immer öfter verstecken sich hinter unbekannten Nummern Betrüger. (Foto: Sergej Kiseljow/ AGN Moskwa)

Es ist eine Situation, die oft mehrfach am Tag passiert. Das Handy klingelt, auf dem Display wird eine unbekannte Nummer angezeigt. Am anderen Ende der Leitung stellt sich ein Mitarbeiter einer Bank vor und fängt an, von einem Kredit oder getätigten Zahlungen zu sprechen. Als Vertrauensbeweis sagt der Anrufer noch schnell die persönlichen Daten auf. Doch wer sich mit dem vermeintlichen Bankarbeiter auf ein Gespräch einlässt, ist kurz darauf oft viel Geld los. Denn der Anrufer ist ein Betrüger. Die haben die Corona-Pandemie genutzt, um ihr Geschäftsfeld auszubauen.

Während der Selbstisolation im Frühjahr 2020 stieg die Zahl der Betrugsfälle am Telefon und im Internet um 76 Prozent, teilte die russische Generalstaatsanwaltschaft mit. Nach Berechnung der Zentralbank wurden im ersten Halbjahr 2020 vier Milliarden Rubel (43,5 Millionen Euro) gestohlen. Neben den angeblichen Überweisungen oder Krediten profitierten die Betrüger vor allem vom dem Wunsch vieler Russen, ein wenig zusätzlich zum schmalen Gehalt zu verdienen oder Sozialleistungen zu erhalten. Auch gefälschte Passierscheine für 3000 bis 5000 Rubel (33 bis 55 Euro) waren ein lohnenswertes Geschäft.

Rasanter Anstieg der Fälle

Hoffnung, ihr Geld wiederzubekommen, gibt es für die Opfer kaum. Den 3,4 Millionen Beschwerden im ersten Halbjahr 2020 (ein Jahr zuvor waren es 2,5 Millionen) kann Russlands größte Bank Sber kaum helfen. Lediglich zwölf Prozent der Schadenssumme konnte das Kreditinstitut ausfindig machen und an die Geschädigten zurückzahlen. Auch die Zentralbank ist bemüht und ließ bis Juni 2020 fast 10 000 Telefonnummern sperren. Das waren vier Mal so viele wie im Vorjahreszeitraum.

Die Strafverfolgungsbehörden wirken hingegen ziemlich rat- und machtlos angesichts der Schwemme von Telefonbetrügereien. Das ist umso erstaunlicher, da sich nach Recherchen mehrerer russischer Medien die meisten der illegalen Call-Center in Untersuchungsgefängnissen und Haftlagern befinden. Nach Angaben der Tageszeitung „Wedomosti“ sind landesweit mindestens 300 solcher Call-Center in Betrieb. Erst vor Kurzem wurde beispielsweise ein solcher Betrüger-Ring im Moskauer Untersuchungsgefängnis „Matrosskaja Tischina“ (Matrosenruhe) aufgedeckt. Jener Haftanstalt, in der im Januar der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny auf seinen Gerichtsprozess warten musste.

Betrüger operieren vom Gefängnis aus

Razzien der Gefängnisbehörde FSIN brachten unglaubliche Zustände ans Tageslicht. Landesweit entdeckte man im Jahr 2019 über 31 000 verbotene Mobiltelefone in Haftanstalten. Diese werden entweder über die Mauern in die Anstalten geworfen oder vom Personal selbst eingeschmuggelt. Denn die Handys sind für die Aufseher durchaus ein gutes Geschäft. So kassierten allein zwei Gefängnismitarbeiter der „Matrosskaja Tischina“ im ersten Halbjahr 2020 gut fünf Millionen Rubel (54 400 Euro) für ihre Dienste. Weitere sieben Millionen Rubel (76 000 Euro) investierten die Insassen in die Ausrüstung ihres Call-Centers. Das berichtete der Fernsehsender „Rossija 24“.

Fahndungserfolge wie in der „Matrosskaja Tischina“ sind selten. Daran haben auch die Gefängnisse zumindest eine Teilschuld. Denn von Gegenmaßnahmen wie etwa dem Stören von Handysignalen halten viele Anstaltsleiter wenig. Schließlich könnten dann auch die Mitarbeiter nicht mehr telefonieren, so die Argumentation.

So bleiben die Betroffenen von Telefon-Betrügereien weitestgehend sich selbst überlassen. Und bei vielen reift die Erkenntnis, bei unbekannten Nummern besser nicht den Hörer abzunehmen.

Nikolai Stepanov

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