Genie und Mystiker: Moskau feiert Alexander Skrjabin

Zum 150. Jubiläum widmet die Stadt Moskau dem Komponisten ein mehrwöchiges Festival. Und auch ein Museum lässt den Besucher die Ikone aus nächster Nähe erleben.

Alexander Skrjabins Gesicht prangt als Wandbemalung auf einem Moskauer Wohngebäude.
Auch heute ein prägendes Gesicht in Moskau: Alexander Skrjabin (AGN Moskva)

Um Alexander Skrjabin ranken sich bis heute viele Mythen. Schon die Eckdaten der Biografie des Komponisten geben dazu allerlei Anlass, denn Skrjabin wurde nicht nur ausgerechnet in der orthodoxen Weihnachtsnacht des Jahres 1872 geboren. Angeblich soll er auch das Datum seines eigenen Todes gekannt haben. Der fiel nach altem julianischem Kalender auf den 14. April 1915 und damit angeblich exakt auf das Ende des Mietvertrages für seine Moskauer Wohnung, in welcher der Musiker kurze Zeit nach einem letzten, triumphalen Konzert einer Blutvergiftung erlag.

Große Konzertreihe zum Jubiläum

150 Jahre nach dem mysteriösen Tod des Komponisten findet zu seinen Ehren das fast zweimonatige Skrjabin-Festival in einigen der wichtigsten Konzerthäuser Moskaus statt. Unter anderem in der Philharmonie-2, dem erst 2018 eröffneten Sarjade-Saal in dem gleichnamigen Park direkt gegenüber des Roten Platzes, sowie im Skrjabin-Museum sind noch bis 1. März insgesamt 23 Konzertabende mit Künstlern aus Russland und aller Welt geplant.

Dass Alexander Skrjabin noch heute in solchem Umfang gerühmt wird, ist nicht nur den rätselhaften Umständen seines Todes geschuldet. Vielmehr dürfte es der Bandbreite seines Werks zu verdanken sein, dass Musikbegeisterte bis heute Gefallen an seinen Stücken finden. Skrjabins Frühwerk beinhaltet vor allem melancholische Klavierstücke und findet seit dessen Lebzeiten breiten Anklang. Beeinflusst vom Stil der Spätromantik komponierte er bis um die Jahrhundertwende eingängige Musik, die etwas an die Frédéric Chopins erinnert. Doch solche Vergleiche sind nur Annäherungen, wie Jekaterina Richter vom Moskauer Konservatorium findet. „Skrjabin fand seine ganze eigene, neue musikalische Sprache“, betont sie gegenüber der MDZ.

Wandel zum Mystizismus

Später allerdings wandte sich Skrjabin zunehmend avantgardistischen Methoden und schließlich dem Mystizismus zu. Vor allem faszinierte ihn die Verknüpfung von Musik und visuellen Sinneseindrücken. Die Grundlage für diesen Gedanken bildete die sogenannte Synästhesie, laut der bestimmte Klänge mit wiederum spezifischen Farben verknüpft sind.
Gleichzeitig war Skrjabin zunehmend gebannt von dem mitunter apokalyptischen Mystizismus, welcher die Kunst des sogenannten Silbernen Zeitalters des russischen Modernismus prägte.

Er widmete sich zunehmend einem Stück utopischen Ausmaßes, das er als sein Lebenswerk auffasste: dem „Mysterium“. Ihm schwebte ein performatives Gesamtkunstwerk aus Musik, Poesie, Tanz, Farbenspiel und Architektur vor. Dieses sollte in einem eigens zu errichtenden Tempel in Indien abgehalten werden und den Übergang in eine neue Ära der Menschheit einleiten.

Beim Festival zählt das Gesamtwerk

Vor einem allzu großen Schock brauchen sich Besucher des Skrjabin-Festivals aber nicht zu fürchten. Eine neue Ära der Menschheit dürfte bei keinem der Konzerte anbrechen. Stattdessen erwartet das Publikum eine breit gestreute Auswahl aus Alexander Skrjabins Gesamtwerk, in der sich für jeden Geschmack das Richtige findet. Die gefälligeren Stücke des frühen Komponisten sind darin genauso vertreten wie einige experimentellere Auszüge aus der späteren Phase.

Das erklärte der künstlerische Leiter des Festivals, Boris Beresowskij, gegenüber dem Magazin „Musikalnaja Schisn“. „Es gibt den frühen Skrjabin, den jeder liebt und der bei allen Wettbewerben zu hören ist. Es gibt die ebenfalls beliebte mittlere Phase und es gibt den späten Skrjabin – ihn verstehen und schätzen nur wenige. (…) Wir wollen auch die Werke betonen, die etwas in Vergessenheit geraten sind“.

Gespenstisches Museumserlebnis

Sollte man dem Mysterium Skrjabin noch näherkommen wollen, bietet sich außerdem ein Besuch im Skrjabin-Museum in dessen letzter Moskauer Wohnung im Bolschoj Nikolopeskowskij Pereulok Nummer 11 an. Dort können Besucher nicht nur die Biografie des Komponisten nachvollziehen, sondern umgeben von dessen Musik auf Tuchfühlung mit dem mysteriösen Genie gehen. Dem noch ausgestellten Konzertfrack Skrjabins wird nämlich ein Eigenleben nachgesagt. Fühlt sich der Stoff bei Berührung warm an, so heißt es, sei sein Eigentümer dem Besuch wohlgesonnen. Ist der Stoff aber kalt, befindet man sich unerwünscht in seinen Räumen. Die unheimliche Präsenz des Künstlers ist in der Wohnung also auch heute noch spürbar. Auch nach Ende des Mietvertrags.

Tickets für das Skrjabin-Festival sind unter www. sriabinfest.ru. erhältlich. Preise variieren je nach Veranstaltungsort. Ein Besuch im Museum kostet 300 Rubel (etwa 3,50 Euro).

Thomas Fritz Maier

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