Als Deutscher bei den „Nachtwölfen“: „Wir sind anders“

Zehntausende Kilometer hatte Bikerin Diana Irmisch aus dem sächsischen Aue über die Jahre in Russland zurückgelegt, als ihre jüngste Fahrt auf einer Autobahn in Polen tödlich endete. Zur Beisetzung kamen jetzt Mitglieder des russischen Motorradclubs „Nachtwölfe“ aus halb Europa ins Erzgebirge und rollten in einer langen Kolonne zum Auer Friedhof. Organisiert hatte das Frank Mattheus (48), einziges Mitglied der „Nachtwölfe“ in Sachsen.

Frank Mattheus (links im Bild) ist „Nachtwolf“ aus Überzeugung. © Privat

Herr Mattheus, was hatte es mit dieser sehr speziellen Anteilnahme auf sich?

Diana war eine „Deutsche mit russischer Seele“, so hat man sie genannt. Im Januar ist sie zum orthodoxen Glauben gewechselt, hat sonntags regelmäßig am Gottesdienst im tschechischen Eger teilgenommen, in der nächstgelegenen russisch-orthodoxen Kirche. Sie hat das alles sehr verinnerlicht, sich intensiv damit beschäftigt, sich auch ihren Taufnamen selbst ausgesucht: Olga. Dass sie als Frau überhaupt diese langen Distanzen nach und in Russland gefahren ist, verdient Respekt. Im Juni war sie beispielsweise im tschetschenischen Grosnyj.

Der Motorrad-Corso rollt durch Aue. © Nachtwölfe

Wie kam es, dass Sie rund um die Beisetzung vieles in die Hand genommen haben?

Sie können ja nicht einfach mit 100 Motorrädern dort auftauchen. Also habe ich mit den Eltern von Diana, mit der Friedhofsverwaltung und selbstredend mit der Polizei gesprochen, mich um Hotel und Restaurant gekümmert, um schon im Vorfeld mögliche Vorurteile abzubauen. Sie wissen sicherlich, dass der Umgang der „Nachtwölfe“ mit den Medien hier sehr schwierig ist. Meist wird man gleich in die natio­nalistische Ecke gestellt. Da mit mehr Kommunikation gegenzusteuern, sehe ich als meine Aufgabe an. Über die Trauerfeier wurde erstmals in einem neutralen Ton berichtet.

Sie sind Diplom-Ökonom und Kfz-Handwerksmeister. Was verbindet Sie mit Russland?

Ich habe keine Vorfahren oder Verwandten dort, wenn Sie das meinen. Aber ich bin Mitglied im Deutsch-Russischen Kulturinstitut e.V. in Dresden. Dort ist der erste Kontakt zu den „Nachtwölfen“ zustande gekommen, so dass ich 2016 eine Sternfahrt unter dem Titel „Slawische Welt“ mitorganisiert habe und später die jährliche Tour „Straßen des Sieges“ zum Jahrestag des Kriegsendes.

Wenn die „Nachtwölfe“ durch Europa fahren, dann sorgt das immer wieder für gemischte Reaktionen.

Ich weiß. Nach dem Motto: Früher sind die Russen mit Panzern gekommen, heute kommen sie mit Motorrädern. Aber uns geht es in Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg um Verständigung über Grenzen und Konfessionen hinweg, nicht darum, uns hier breitzumachen. In Deutschland haben die „Nachtwölfe“ gerade mal fünf Mitglieder des Moskauer Chapters und noch ein paar verstreute „Nomaden“. Ich bin Anfang 2017 in Moskau aufgenommen worden, habe eine Kutte bekommen, also eine Lederweste. Ein russisches Modell, sehr solide.

„Nachtwölfe“-Leitwolf Alexander „Chirurg“ Saldostanow und Diana Irmisch. © Nachtwölfe

Zu Hause in Dresden sind Sie jetzt wahrscheinlich bekannt wie ein bunter Hund.

Ach was, ich halte den Ball flach. Mit fast 50 Jahren muss ich mich nicht in den Vordergrund drängen und auch niemandem mehr etwas beweisen.

Die „Nachtwölfe“ sind auch in Russland umstritten, gelten als staatsnah, privilegiert. Das hat Ihnen nie zu denken gegeben?

Eine Medaille hat immer zwei Seiten. Ich muss nicht alles gut finden, was sie machen. Und ich melde auch mal Widerspruch an. Aber das, wofür die „Nachtwölfe“ stehen, nämlich für christlich-orthodoxe Werte und einen herausragenden Patriotismus, das kann ich mit meinen Werten vereinbaren, da bin ich mit mir selbst im Reinen.

Wie finden Sie das berühmte „Bike-Center“, das Hauptquartier  der „Nachtwölfe“ in Moskau?

Das ist wie mit Moskau überhaupt: Entweder Sie lieben oder hassen es. Als ich das erste Mal dort war, ist mir einfach die Kinnlade runtergeklappt. Die Leute, die Stimmung – ich habe mich sofort wohlgefühlt und wusste: Damit kann ich mich identifizieren.

Was hat Sie so beeindruckt?

Es ist einfach komplett anders als  bei Motorradclubs im Westen, wo es meist laut und dreckig zugeht, wo gesoffen wird und man sich billigen Spielen hingibt. Wenn gefeiert wird, läuft Heavy Metal, danach brauchst du neue Ohren.

Und in Moskau?

Alkohol und Drogen sind verpönt. Und dann die Shows, wo es auch mal klassisch zugeht. Das ist ein ganz anderes Niveau! Die Polizei, auch die im Ausland, freut sich immer, wenn sie es mit uns zu tun hat, denn sie weiß: Mit uns gibt es keinen Stress!

Kennen Sie eigentlich den Chef der „Nachtwölfe“, Alexander „Chirurg“ Saldostanow, der oft im Umfeld von Präsident Wladimir Putin zu sehen ist?

Ja, ein Charismatiker mit Visionen. Und wer sagt denn, dass Biker immer auf Distanz und Konfrontation zum Staat gehen müssen? Die Bild-Zeitung hat ihn letztes Jahr interviewt und in der Überschrift als den „gefährlichsten Rocker der Welt“ bezeichnet. Vielleicht sind wir ja wirklich gefährlich. Aber nicht, weil man vor uns Angst haben müsste. Sondern weil wir anders sind und damit unangreifbar.

Das Interview führte Tino Künzel.

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