Experte: Unter Zeitdruck laufen die Russen zu Hochform auf

Im Gegensatz zur EU, wo seit Ende März wieder die Sommerzeit gilt, werden die Uhren in Russland nicht mehr vor- und zurückgestellt. Doch die effektive Nutzung von Zeit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Der Mathematiker, Coach und Bestseller-Autor Gleb Archangelskij hat sie für sich zum Beruf gemacht. Mit der MDZ sprach er über das Zeitgefühl der Russen, Stärken und Schwächen bei der Zeiteinteilung und historische Erklärungsmuster dafür.

Manchmal gehen die Uhren in Russland etwas langsamer, doch dann wird quasi über Nacht alles wieder aufgeholt. © Pixabay

Herr Archangelskij, Sie haben in Russland eine „Zeitliga“ (Liga Wremja) gegründet. Wozu soll das gut sein?

Meine Firma „Organisation der Zeit“ war die Nummer eins auf dem russischen Zeitmanagement-Markt. Aber eines Tages wurde mir klar, dass es mich langweilt, nur Führungskräften beizubringen, ihre Zeit besser zu nutzen. Das Thema Zeit geht alle an. Die Idee der „Zeitliga“ ist, dass Menschen überall in Russland solche Vereine gründen können, wobei alles auf gemeinnütziger Basis läuft – keine Mitgliedsgebühren, kein Eintritt bei den Veranstaltungen. Inzwischen gibt es unsere Klubs in Nowosibirsk, Komsomolsk am Amur, Krasnodar, Wladimir, Kasan, Orjol, Perm und in vielen anderen Städten.

Und was passiert dort?

Man trifft sich einmal im Monat. Jedes Treffen hat ein Motto, zum Beispiel „Seinen Arbeitstag planen“ oder „Unbeliebte Aufgaben bewältigen“. Wir wollen eine Kultur des respektvollen und effektiven Umgangs mit der Zeit in Russland fördern, Methoden des Zeitmanagements in das alltägliche Leben integrieren und das „Stehlen“ der Zeit bekämpfen. Man diskutiert, tauscht Erfahrungen aus und am Ende jeder Sitzung entscheidet man sich für eine Zeitmanagement-Technik, die man ausprobieren möchte. Beim nächsten Mal berichten die Mitglieder, wie erfolgreich die Anwendung war.

Sie scherzen. In Russland war Zeit noch nie eine wertvolle Ressource. Man steht ihr sehr locker gegenüber.

Das musste ich mir früher auch oft sagen lassen: „Bist du verrückt? In Russland gibt es keine vernünftigen Straßen, es herrschen Murks und Schlamperei, und du willst Menschen beibringen, wie sie ihre Zeit effizient nutzen.“  In Wirklichkeit haben die Russen ein sehr gutes Zeitmanagement.

Wie bitte?

Zeitmanagement bedeutet: Wie komme ich in kürzester Zeit zum besten Ergebnis. Und jetzt schauen wir uns die Geschichte Russlands an. Zwei Prozent der Weltbevölkerung besitzen sieben Prozent der Erdfläche und 45 Prozent der Bodenschätze und schaffen es, das Ganze seit tausend Jahren zu bewahren, und zwar in einem Imperium, in dem drei Weltreligionen friedlich ausgeübt werden. (Anm. d. Red.: Gemeint sind Christentum, Islam und Judentum. Mit der Eroberung Sibiriens kam auch noch der Buddhismus hinzu.) Das ist einmalig auf der Welt.

Zeitmanagement-Experte Gleb Archangelskij © Pressefoto

Das hört sich alles sehr spannend an, aber was hat das mit der Zeit beziehungsweise ihrer Nutzung zu tun?

Mit der Pünktlichkeit nehmen es die Russen nicht so genau, das stimmt. Aber sie sind eben sehr stark darin, in kurzen Fristen mit minimalen Ressourcen große Ziele zu erreichen.

Pünktlichkeit und Zeitmanagement sind also …

… zwei verschiedene Dinge. Eine Technologie, die dabei hilft, die Zeit des Lebens je nach persönlichen Zielen und Werten optimal zu nutzen – so definiere ich Zeitmanagement. Es geht nicht darum, einen Terminkalender richtig zu führen, sondern seinen Tag, sein ganzes Leben richtig zu leben, Prioritäten zu setzen. Wie will man die ca. 400.000 Stunden, die wir zur Verfügung haben, verwenden? Und dann entscheidet man darüber, ob man pünktlich sein will …

Dem russischen Präsidenten wird oft vorgeworfen, dass er sich zu Terminen ständig verspätet.

Schon die alten Römer wussten, wie man jemanden warten lässt. Als der Adoptivsohn von Caesar Octavian zu Marcus Antonius wegen Caesars Testament kam, ließ Antonius ihn vier Stunden warten. Pünktlichkeit ist ein Tool, das man anwendet oder eben nicht anwendet. Erst einmal muss man sich über Normen bewusst werden.

Das langfristige Planen ist auch nicht unbedingt eine russische Stärke.

Ich würde sagen, das ist nicht unsere Präferenz. Aber planen können die Russen wie alle anderen auch. Ich sammle Terminkalender. Der älteste in meiner Sammlung ist aus dem Jahre 1786! Also schon unsere Vorfahren wussten, ihre Zeit zu planen. Oder schauen Sie sich den Spielplan vom Bolschoi-Theater an. Da steht alles mehrere Jahre im Voraus fest. Oder gehen Sie auf die Internetseite der „Zeitliga“, wo Sie unser Programm für das Jahr 2019 finden.

Die Frage lautet jedoch: Soll man seine Stärken weiterentwickeln oder sich mehr um seine Achillesfersen kümmern? Meine These lautet: Man muss sich seiner Stärken im Klaren sein, in unserem Fall, dass wir in Hauruckaktionen besonders gut sind. Auf der anderen Seite aber sollte an Langfristigkeit, Frühzeitigkeit und Pünktlichkeit gearbeitet werden. Das ist auch machbar.

Worauf stützt sich Ihr Optimismus?

Noch vor Kurzem war Alkoholismus eines der schlimmsten Probleme in Russland. Heute gehören wir nicht mal zu den Top 10, was den Alkoholkonsum angeht. Und genauso ein Prozess läuft mit dem Zeitverständnis. Noch in den 2000ern fragten die Personalmanager: „Was ist Zeitmanagement?“ Inzwischen gehören Zeitmanagement-Trainings zu den gefragtesten überhaupt. Und nicht nur im Business. Neulich las ich eine Stellenausschreibung für den Bürgermeisterposten in einem kleinen Ort. Neben Hochschullabschluss stand da „Grundkenntnisse des Zeitmanagements“. Ich habe einen Zusammenhang festgestellt: In allen erfolgreichen und für ausländische Investoren attraktiven Regionen haben die Kommunalpolitiker Zeitmanagement-Seminare besucht. Das heißt dort, wo Zeit wertgeschätzt wird, fließt auch Geld.

Pünktlichkeit ist als Wert ebenfalls wichtiger geworden. In Russland gibt es immer weniger zeitliche Unhöflichkeit. Vergessen Sie aber nicht, wir sind ein Land mit elf Zeitzonen. Es ist nicht so einfach, zeitliche Verabredungen einzuhalten.

Der Russe „als solcher“ liebt es, unter Druck schnell Aufgaben zu lösen, und fühlt sich unwohl, wenn er etwas langfristig planen muss. Warum eigentlich?

Eine der Erklärungen ist, dass die Landwirtschaftssaison in Russland immer sehr kurz war. Man musste im Sommer bis zu 20 Stunden pro Tag arbeiten, während man im langen Winter praktisch nichts zu tun hatte. Außerdem mussten die Russen ständig ihre Territorien verteidigen, führten also viele Kriege. Und ein Krieg ist immer eine enorme Konzentration. Also haben wir gelernt, unsere Kräfte sehr schnell und mit absoluter Hingabe zu mobilisieren.

Deutsche Manager haben oft Schwierigkeiten mit der russischen Art, mit Terminen umzugehen. Was würden Sie ihnen raten?

Wie gesagt, der russische Mensch arbeitet gern unter Zeitdruck. Wenn Sie also ein großes Projekt haben, teilen Sie es in viele kleinere Deadlines auf und geben Sie jedem Abschnitt sozusagen einen „Höhepunkt“, den man als großes Ziel erreichen muss. Davon profitieren beide Seiten.

Das Interview führte Daria Boll-Palievskaya.

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