Armes reiches Land

Vielen Russen geht es heute materiell so gut wie noch nie. Moskau funkelt und glänzt, auch die Regionen haben aufgeholt. Doch eine Statistik konterkariert die Entwicklung: Nach offiziellen Zahlen lebt in Russland mehr als jedes vierte Kind in Armut.

In Russland ist offiziell mehr als jedes vierte Kind arm. © Tino Künzel

Russland ist ohne Zweifel ein reiches Land. Die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt (nach kaufkraftbereinigtem Bruttoinlandsprodukt) schickt ihre Rohstoffe um den halben Erdball. Es wäre gelogen zu sagen, dass man die damit verdienten Gelder nicht sieht. Es werden Straßen gebaut, Flughäfen, Städte wie Kasan oder Sotschi haben sich praktisch neu erfunden.

Doch bei den ärmsten Schichten der Bevölkerung kommt von dem Reichtum offenbar wenig an, ihre Lebenssituation ändert sich kaum. Das zeigt eine aktuelle Erhebung des staatlichen Statistikdienstes Rosstat. Demnach leben in Russland derzeit 12,9 Prozent der Bevölkerung oder 18,9  Millionen Menschen in Armut. Wobei Armut in diesem Fall bedeutet, dass sie weniger Geld zur Verfügung haben als das Existenzminimum. Das lag im Jahr 2017, auf das sich die Zahlen beziehen, bei 9925 Rubel pro Kopf, umgerechnet um die 150 Euro.

Besonders unter sozialen Schieflagen zu leiden haben Kinder. Bei den unter 18-Jährigen sind mehr als doppelt so viele von Armut betroffen wie im Bevölkerungsdurchschnitt, nämlich 26 Prozent. Der Wert ist im Vergleich zu den Vorjahren zwar gesunken, aber nur leicht. Noch 2013 hatte er bei 19,1 Prozent gelegen, war 2015 auf 27,4 Prozent nach oben geschnellt.

Kinder gehören laut Statistik zu den größten Armutsrisiken. Mit jedem Kind steigt die Quote. Bei Familien mit einem Kind liegt der Anteil der Armen bei 11,3 Prozent, bei zwei Kindern sind es 24,5 Prozent. Von den kinderreichen Familien mit drei und mehr Kindern ist jede zweite arm (52,7%).

Gleichfalls auffällig ist das Stadt-Land-Gefälle. Auf dem Lande liegt der Anteil der Kinderarmut bei 44,9 Prozent und ist damit erheblich höher als in der Stadt (18,4%). Am höchsten ist der Wert mit 52,5 Prozent in kleinen Orten mit 200 bis 1000 Einwohnern, am geringsten mit 10,9 Prozent in Millionenstädten, wo er allerdings 2014 noch drei Prozent betrug, sich seitdem also mehr als verdreifacht hat.

In Deutschland gilt ungefähr jedes fünfte Kind offiziell als arm. Allerdings wird als Maßstab nicht das Existenzminimum angelegt. Arm ist, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens im Land haushalten muss. Käme diese Definition auch in Russland zur Anwendung, wäre der Anteil der Armen mit 25,1 Prozent fast doppelt so hoch wie nach amtlichem Verständnis.

Auch so hält der frühere russische Finanzminister und heutige Chef des Rechnungshofes, Alexej Kudrin, die Lage für eine „Schande“, wie er zuletzt in einem Interview sagte. Für ein Land mit dem Bruttoinlandsprodukt Russlands sei das ein Unding.

Tino Künzel

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