Russland? „Immer anders, als man denkt“

Vom Chaos der 90er Jahre über die Tschetschenien-Kriege bis zur Fußball-WM 2018: Udo Lielischkies und Hermann Krause haben als ARD-Korrespondenten in Russland viel erlebt. Jetzt gehen der Fernseh- und der Radiomann in den Ruhestand. Welche Ein­blicke in russische Realitäten sie in – mit Unterbrechung – elf beziehungsweise 16 Jahren Russland (Lielischkies seit 1999, Krause seit 1989) gewonnen haben, darüber sprachen sie mit der MDZ.

„Der beste Job, den es gibt“: Udo Lielischkies und Hermann Krause überlassen das Feld Jüngeren, bleiben Moskau aber verbunden. © Incutech

Gibt es ein Wort, mit dem sich diese Zeit beschreiben lässt?

Krause: Spannend. Russland ist hinreißend für einen Journalisten. Und es kommt immer anders, als man denkt. Die Zeit in Moskau war der wichtigste Teil meines Berufslebens.

Lielischkies: Ernüchternd, was die Politik angeht. Ich habe als Russland-Korrespondent 1999 zeitgleich mit Putins erster Amtszeit als Ministerpräsident angefangen. Ich dachte damals, es könne gut sein, wenn dieser systematische Mann nach dem trinkfreudigen Jelzin Ordnung in das Chaos bringt. Das war eine Fehleinschätzung. Davon abgesehen ist Russland ein faszinierendes Land, für Fernsehleute bietet es viel visuelle Exotik  – von nordischen Rentierhirten bis zu maroden alten Kohlezechen.

Was ist Ihnen besonders positiv in Erinnerung geblieben?

Udo Lielischkies © WDR/Fjodor Simmul

Lielischkies: Mich haben die stillen Helden beeindruckt, die es fast überall gibt. In der Monostadt Tschussowoi im Ural haben wir beispielsweise einen alten Krimtataren kennengelernt. Der Rentner erstellte seine eigene Zeitung und hielt damit als Letzter die Fahne des Journalismus hoch, während alle andere Medien in der Stadt nach der offiziellen Linie schrieben. Von seiner monatlichen Rente in Höhe von 12.000 Rubel bezahlte er 5000 Rubel für den Druck. Weil die Druckerei in Tschussowoi sich weigerte, seine Zeitung herzustellen, musste er drei Stunden mit dem Bus in eine Nachbarstadt fahren. Menschen wie er sind für mich wahre Helden.

Krause: Als die Kommunisten am 19. August 1991 einen Staatsstreich gegen Präsident Gorbatschow anzettelten und Panzer in Moskau auffuhren, haben wir kaum geschlafen. Die Menschen waren euphorisch, politisiert und gingen auf die Straße. Das Volk wehrte sich gegen die alten Kräfte und es gab die Hoffnung, dass sich etwas verändert. Eine unglaubliche Atmosphäre. Als am 21. August die Panzer abzogen, hatten wir Tränen in den Augen, weil klar war: Der Putsch ist gescheitert. An diesem Tag wurde extra die WDR-Sendung „Mittagsmagazin“, eine echte Institution, verlängert, was eigentlich ausgeschlossen war.

An welches Geschehnis erinnern Sie sich nur ungern?

Krause: Die Geiselnahme in Beslan 2004 war grauenhaft. Tschetschenische Terroristen hatten in einer Grundschule Geiseln genommen. Die Armee stürmte das Gebäude. Zunächst war von zwei Toten die Rede. Eine russische Kollegin gab mir die Information vom FSB, dass es mehr als 300 Tote in der Schule gebe. Ich bekomme noch heute Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich war einer der ersten Journalisten, der die Zahl meldete. Am nächsten Tag haben sie uns in die Schule gelassen. Das war das Schrecklichste, was ich als Korres­pondent erlebt habe. Es waren ja vor allem Kinder gestorben.

Lielischkies: Während des zweiten Tschetschenienkriegs waren wir ohne Erlaubnis auf dem Weg zu einem Flüchtlingskonvoi im Kriegsgebiet. Wir fuhren über eine Landstraße, als uns plötzlich ein lauter Knall aufschrecken ließ. Wir sahen 100 Meter entfernt eine Rauchwolke aufsteigen. Gleichzeitig rollte 400 Meter weiter ein Panzer auf die Straße und richtete sein Rohr auf uns. Schreckstarre. Ich war damals neu als Korrespondent und konnte kein Russisch. Ich forderte meinen Producer auf, er solle sagen, dass wir keine Rebellen sind. Aus Angst weigerte er sich auszusteigen. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Wir sind dann im Schritttempo zurückgerollt, bis wir außer Sichtweite waren.

Wie offen haben Sie die Bevölkerung gegenüber westlichen Journalisten erlebt?

Hermann Krause © WDR/Kostja Krasnobajew

Krause: Als Radiokorrespondent ist es leicht, mit Menschen auf der Straße ein Interview zu führen. Wenn ich nach dem Namen frage, antworten sie mit Vor- und Vatersnamen, also ohne Nachnamen.

Lielischkies: Die Menschen haben inzwischen fast panische Angst, ihre Meinung in eine westliche Fernsehkamera zu sagen. Ohne Kamera sind sie meist offen und ehrlich. Das betrübt mich enorm. Denn oftmals geht es um ganz alltägliche Sorgen und Anliegen.

Zum Beispiel?

Lielischkies: In der bereits erwähnten Stadt Tschussowoi wollten wir in einem Beitrag zeigen, dass es dort fast keine Arbeitsplätze mehr gibt. Wir haben zwei Tage gebraucht, um einige Arbeitslose zu finden, die mit uns reden wollten. Erst bei einer Art konspirativem Treffen in einer Küche waren sie bereit zu erzählen, dass ein Leben ohne Arbeit natürlich schlecht ist. Dass sie Angst hatten, darüber zu sprechen, hat mich erschreckt.

In Deutschland ist manchmal der Vorwurf zu hören, dass deutsche Medien ein stereotypes Bild von Russland vermitteln, das sich angeblich auf kremlkritische Berichte und Dokumentationen über Sibirien reduziert. Stimmen Sie zu?

Lielischkies: Der Eindruck ist teilweise nachvollziehbar. Im ARD-Programm, aber auch in meinem Heimatsender WDR sind längere Sendungen leider abgeschafft worden, in denen wir einfach mal Russland so zeigen konnten, wie es ist – fernab der Politik in Moskau. Der Wegfall dieser Sendungen ist für mich fatal. Unsere Arbeit im Fernsehen wird dadurch sehr verkürzt auf die politische Berichterstattung. Selbst die langen Fernsehformate, die es noch gibt, fordern inzwischen einen gesellschaftspolitischen Ansatz. Und wenn ich mir die politische Situation in Russland anschaue, dann gibt es da nicht allzu viel Schönes zu berichten.

Krause: Wir versuchen immer, den Alltag abzubilden. Entscheidend ist aber die Politik. Es geht darum zu beobachten, was Putin macht und wohin er das Land steuert. Ich lasse in meine Beiträge auch die Position des Kreml einfließen, so dass sich der Hörer selbst ein Bild machen kann.

Nach all den Korrespondentenjahren ist nun Schluss. Wie blicken Sie der Rente entgegen?

Lielischkies: Ich habe meinen Job gerne und intensiv gemacht. Ich verspüre keine Sehnsucht, künftig Tauben zu füttern oder auf einer Parkbank zu sitzen. Deswegen schreibe ich gerade an einem Buch über meine Zeit als Korrespondent. Darin möchte ich auch die Perspektive der einfachen Menschen in diesem riesigen Land fernab von Moskau wiedergeben. Privat bleibe ich mit Frau und Kindern weiter in Moskau wohnen.

Krause: Der Job als Korrespondent ist der beste, den es gibt. Für mich endet er etwas später als ursprünglich vorgesehen am 28. Februar 2019. Aber ich habe schon etwas Neues: Ab 1.  März werde ich Leiter der Repräsentanz des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Moskau, zuständig für Russland, Weißrussland und die Ukraine. Darauf freue ich mich sehr.

Die Interviews führte Fabian Schweyher.

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