Nur keine Angst, Annuschka

Alexandrowka ist der häufigste Ortsname in Russland. Aber auch Deutschland hat sein Alexandrowka. Fast 200 Jahre ist die russische Kolonie in Potsdam inzwischen alt und gehört zum Weltkulturerbe. Wie es sich dort lebt, wissen Anne und Lutz Andres. Sie bewohnen das Haus Nummer 12.

Das Haus Nummer 12 in Alexandrowka von Anne und Lutz Andres (Foto: Irina Radu)

Der Tag, an dem der Iwan kam

Ihre erste Begegnung mit einem Russen verlief für Anne Andres ganz anders, als sie sich das vorgestellt hatte. Sie war noch ein Kind, als die Rote Armee im Sommer 1945 gemäß der Nachkriegsordnung Teile des Harzes von den Amerikanern übernahm. Für Klein-Anne im Dorf ihrer Oma klang das so bedrohlich, dass sie sich im Keller versteckte, als die neuen Besatzer von Haus zu Haus gingen. Ein junger Sowjetsoldat namens Iwan trug sie auf seinen Händen wieder nach oben. Was er ihr sagte, daran erinnert sie sich bis heute. Nie wieder solle sie, Annuschka, Angst vor Russen haben. „Er hatte einen Narren an mir gefressen und ich mochte ihn auch“, erzählt sie im Rückblick.

Nach so einem Start in die privaten deutsch-russischen Beziehungen musste in ihrem Leben vielleicht alles so kommen, wie es dann kam. Zu DDR-Zeiten unterhielt ihre Familie freundschaftliche Kontakte zu einem Militärarzt, der hier stationiert war. Und heute lebt Anne Andres mit ihrem Mann Lutz in einem russischen Dorf auf deutschem Boden, 24 Jahre schon. 1998 ist das Ehepaar in Alexandrowka eingezogen, der berühmten Siedlung im Norden von Potsdam. Als Teil der Schlösser und Parks in Potsdam und Berlin wurde sie 1999 ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.

Lebendes Denkmal für den Zaren

Alexandrowka ist eine Verbeugung vor der russischen Kultur und ein Produkt der Verbindungen zwischen den Hohenzollern und den Romanows, die in den Napoleonischen Kriegen mal Verbündete, mal – gezwungenermaßen – Gegner waren. Der Preußen-König Friedrich Wilhelm III. schätzte seinen, wenn man so will, Amtskollegen Alexander I. in St. Petersburg außerordentlich. Als der Zar 1825 mit nur 47 Jahren einer Infektion erlag, wurde am preußischen Hof der Gartenbaumeister Peter Joseph Lenné damit beauftragt, als Huldigung an den verschiedenen Herrscher eine Kolonie im russischen Stil zu entwerfen.

Die Anlage entstand 1826 und 1827 und erfüllte auch einen praktischen Zweck. Sie diente den Mitgliedern eines Sängerchores, der einst aus russischen Kriegsgefangenen gebildet und dem 1. Garde-Regiment der preußischen Armee unterstellt worden war, als dauerhafte Bleibe. Zwölf Holzhäuser wie aus dem Bilderbuch wurden für sie gebaut – einstöckig für die Soldaten, zweistöckig für die Unteroffiziere. Dazu Gehöfte und Obstgärten.

Alle Bewohner sind Deutsche

Von den Chorsängern starb der letzte 1891. Sie durften jedoch ihr Land an männliche Nachfahren weitervererben. Heute führt nur noch beim Haus Nummer 7 eine direkte Linie von den ersten zu den jetzigen Bewohnern: Es wird in sechster Generation von Familie Grigorieff bewohnt. Ansonsten ist die Einwohnerschaft gemischt – und durchweg deutsch. Das sei schon in der DDR so gewesen, sagt Lutz Andres. Vom Filmschaffenden bis zum Straßenbahnfahrer hätten sich hier ganz unterschiedliche Leute eingemietet. Die Schönheit und Einzigartigkeit der Siedlung verblassten dabei zunehmend vor den Beschwerlichkeiten des Alltags, verbunden mit Verfall und nicht mehr zeitgemäßen sanitären Bedingungen. Wer eine Wohnung in einem Neubaugebiet fand, zog ohne großes Bedauern weg.

Seit 1998 in Alexandrowka: Anne und Lutz Andres in ihrem Zuhause (Foto: Irina Radu)

Schon 1920, nach dem Ende von Kaiser- und Zarenreich, war Alexandrowka in städtischen Besitz übergegangen. Nach 1989 wurde zurückprivatisiert. Anne und Lutz Andres bekamen damals Ärger mit dem neuen Besitzer ihres Mietshauses in Potsdam und suchten verzweifelt nach einem Ausweg aus der misslichen Lage. Da wurde in Alexandrowka das Haus Nummer 12 frei, welches bis dahin von zwei alten Damen bewohnt worden war. Die Stadt schrieb es deutschlandweit zum Verkauf aus. „Auch wir haben uns beworben“, so Lutz Andres. Alexandrowka habe man von Spaziergängen gekannt und sich in die Ansicht verliebt. Außerdem sei man ja von Kindesbeinen mit russischer Kultur aufgewachsen, mit Büchern, Filmen und Liedern.

„Standard von 1940“

In die letzte Runde schafften es sechs Parteien. Bei der entscheidenden Abstimmung setzten sich die Andres mit überwältigender Mehrheit durch, 48 von 50 Stadtverordneten stimmten für sie, bei zwei Enthaltungen. „Das war schon toll“, meint Lutz Andres. Vermutlich habe den Ausschlag gegeben, dass sie ihre denkmalpflegerischen Ansprüche glaubhaft machen konnten und in dem Haus auch tatsächlich wohnen, nicht etwa ein Hotel daraus machen oder es vermieten wollten. Das Grundstück wollten die beiden Musiker für Musikunterricht nutzen, was seitdem auch passiert, teils im Haus selbst, teils im ehemaligen Kuhstall.

Außerdem hatten sie von Anfang an großes Interesse am 2500 Quadratmeter großen Garten, wo Obst, Gemüse und Blumen für den Eigenbedarf angebaut werden. 1998 war er allerdings verwildert und auch das zweistöckige Wohnhaus in einem zwar nicht desolaten, aber stark sanierungs- und restaurierungsbedürftigen Zustand. „Das war Standard von 1940“, so Lutz Andres, „ohne Bad, ohne Warmwasser und mit Ofenheizung“.

Fachwerk unter einem Deckmantel

Man habe dann einen Kredit aufgenommen und sich „verschuldet bis ans Lebensende“, wie seine Frau lachend aus der Küche dazwischenruft. Abgeschlossen sind die Arbeiten bis heute nicht, man hoffe 2026 zum 200-jährigen Bestehen von Alexandrowka fertig zu sein. Äußerlich ist das Haus aber längst eine Augenweide und maskiert sich erfolgreich als Blockhaus, obwohl sich unter der Verkleidung ein Fachwerkhaus verbirgt. Nach den Worten von Lutz Andres sei das von Anfang an so vorgesehen gewesen, aus Kostengründen.

Von „Häusern für Liebhaber“ spricht Nadine Felgenhauer vom Museum Alexandrowka, das im Haus Nummer 2 untergebracht ist. Heute sind alle Häuser bewohnt. Die Siedlung lockt jedes Jahr Tausende Besucher an, oft auch russische. Für über 1000 in Potsdam lebende Einwanderer aus Russland ist sie darüber hinaus ein Stück alte Heimat in Deutschland.

Die Teestube ist eines der bekanntesten Gebäude in Alexandrowka (Foto: Irina Radu)

Der Kulturverein Alexandrowka veranstaltete in dieser grünen Oase von 2007 bis 2011 jedes Jahr im Juli ein „Festival der Russischen Kultur“, das weit über die Stadtgrenzen hinaus auf großes Interesse stieß. Einwohner führten in diesem Rahmen die Festivalgäste in ihren Häusern herum, es gab Musik von lokalen und russischen Künstlern, Literatur, Malerei. Damals stand Lutz Andres dem Verein vor. Doch irgendwann sei das Festival finanziell und organisatorisch nicht mehr zu stemmen gewesen.

Bliny und Matrojschkas

Generell sei der Zusammenhalt unter den Bewohnern früher enger gewesen, meint er. Die Interessen gingen eben doch sehr auseinander. Manche der Nachbarn wohnten auch nicht ständig in Alexandrowka. Anne und Lutz Andres versuchen, mit gnadenloser Offenheit dagegenzuhalten. Sie haben ihr Haus zu einem kleinen Museum mit russischen Antiquitäten ausgebaut, bieten in Kooperation mit dem Museum auch Führungen für Neugierige an und beteiligen sich nicht zuletzt mehrmals im Jahr an der Aktion „Offene Gärten“. Den besonderen Charakter der Siedlung möchten sie bewahrt und gelebt wissen.

„Herzlich willkommen“ steht auf Russisch an dieser Eingangstür. (Foto: Irina Radu)

Das möchten natürlich auch die Besucher. In der sogenannten Teestube, dem einzigen Ort, an dem Russisch gesprochen wird, werden sie in traditionellem russischen Ambiente mit Bliny, Piroschki, Pelmeni, Kwas und Tee aus dem Samowar empfangen. Der Museumsshop hat Matrjoschkas, russische Tücher sowie Löffel und Teller in Lackmalerei zu bieten. In Potsdam ist Alexandrowka eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Für manche ist es noch viel mehr.

Irina Radu, Tino Künzel

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