Feiern wie die Russen: Der Ton macht die Musik

Bei russischen Hochzeiten, Geburtstagen oder Betriebsfeiern geht es oft hoch her. Für Sergej Morosow, 41, aus der Kleinstadt Galitsch im Gebiet Kostroma ist das harte Arbeit. Als Mischung aus Moderator, Animateur und Entertainer lenken Veranstaltungsprofis wie er die Feste in die richtigen Bahnen. Hier spricht er über Feierkultur im Wandel, Torte im Gesicht und nervige Gadgets.


Herr Morosow, im Ausland weiß man: Die Russen können feiern. Woran liegt das wohl?

In Russland gehen die Menschen ja nicht so oft ins Restaurant wie in Europa. Und wenn sie denn schon mal dort sind, bei festlichen Anlässen, dann lassen sie es auch krachen.

Dafür braucht man aber Sie am Mikrofon?

Bis vor wenigen Jahren hätten sich die meisten nicht vorstellen können, jemanden dafür zu bezahlen, dass er bei einer Hochzeit die Zügel in der Hand hält. Solche Profis gab es gar nicht. Da haben einfach Freunde mitgeholfen, der Ablaufplan wurde von Hand zu Hand weitergereicht und hatte sich schon bei 100 anderen Gelegenheiten bewährt. Auch der sogenannte Tamada, der die Trinksprüche und das Unterhaltungsprogramm koordinierte, kam aus der Nachbarschaft. In der Regel war das eine Frau, die alle kannte und von der man wusste, dass sie nicht auf den Mund gefallen war und ein sonniges Gemüt besaß. Ein paar Gedichte und Lieder hatte sie auch noch parat. Nicht fehlen durfte das Akkordeon. Der Erfolg so einer Feier wurde an der Menge konsumierten Alkohols gemessen. Aber das reicht vielen heute nicht mehr. Sie haben gehört oder im Fernsehen gesehen, dass es auch anders geht. Sie wollen sich nicht besinnungslos trinken und wollen keine Prügelei auf ihrer Hochzeit, sondern eine gute Zeit haben, an die sie später gern zurückdenken.

Feiern

Sergej Morosow als „Vortänzer“ bei einer Hochzeit. / Privat

Man wendet sich also an Veranstalter, die Erfahrung damit haben.

Je größer die beauftragte Firma und je potenter das Publikum, umso pompöser das Ganze. Wenn man ein Feuerwerk veranstaltet, dann muss es so groß sein wie die russische Seele. Wenn es eine Torte gibt, dann mannshoch. Wenn ein Stargast einladen wird, dann ist das jemand, den man aus dem Fernsehen kennt. Umso kleiner die Firma, desto bescheidener auch der auftretende Künstler. Und bei uns auf dem Lande lädt man bei Festen üblicherweise nur den Entertainer ein.

Wie würden Sie Ihre Aufgabe beschreiben?

Ich sorge dafür, dass alle auf ihre Kosten kommen. Bei mir stehen keine Stars auf der Bühne, ich mache die Gäste zu Stars. Nehmen wir Maria Iwanowna, die Reinigungskraft in einer Firma ist und der nie jemand groß Beachtung schenkt. Aber was, wenn ich auf einer Feier vor der versammelten Belegschaft sage, dass Maria Iwanowna die wichtigste Person im Betrieb ist, gänzlich unverzichtbar, weil man ohne Sauberkeit ja einfach nicht arbeiten kann? Oder stellen Sie sich einen Leisetreter vor, wie man sie ja auch immer wieder dabei hat. Leute, die keinen Mucks von sich geben und die man nur in eine unangenehme Lage bringt, wenn man sie zur Teilnahme an irgendwelchen Spielen nötigt, wo sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Aber etwas Nettes sagen kann man trotzdem über jeden und damit dafür sorgen, dass der Rest ihn mit anderen Augen sehen lernt. Wie? Da ist also dieser stille Typ, nennen wir ihn Sanja Smirnow. Man fragt in die Runde: Ihr denkt, ihr kennt Sanja Smirnow? Aber wusstet ihr eigentlich, dass er bei 40 Grad Minus geholfen hat, das Auto von Wanja Iwanow wieder flott zu kriegen? Dank Sanja hat ein Junge, der sich im Wald verlaufen hatte, wieder nach Hause gefunden, wusstet ihr das? Auch so bringt man eine Feier in Schwung, indem man alle mitnimmt und keinen außen vor lässt.

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Veranstaltungsprofi Sergej Morosow in Aktion. / Privat

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste eigene Veranstaltung?

Ja, das war vor fünf Jahren, eine Hochzeit auf dem Dorf. Schlimm, ganz schlimm. Ich hatte mich mit einer alten Bekannten von einer früheren Arbeitsstelle bei der Stadtverwaltung zusammengetan. Wir waren gründlich vorbereitet, hatten alles bis ins Kleinste geplant. Und dann standen wir dort: steif, mit angestrengten Gesichtern, sagten auswendig gelernte Sprüche auf. Die Gäste haben uns das gar nicht übel genommen, ihnen hat es trotzdem gefallen. Aber wir beide haben ziemlich gelitten.

Was machen Sie heute anders?

Ich bin wie ein Schiedsrichter beim Fußball, der am besten ist, wenn man seine Anwesenheit nicht bemerkt. Ich will gar nicht, dass die Leute vordergründig auf mich schauen. Das Interessanteste ist doch, was sie selbst zu sagen haben. Sie sollen im Mittelpunkt stehen. Die Menschen haben verlernt, miteinander zu reden. Ich versuche, sie aus der Reserve zu locken, damit ein Gespräch in Gang kommt. Dem einen fällt dann ein, wie er vor 40 Jahren nicht mit dem Auto zur Hochzeit gefahren ist, sondern mit dem Traktor. Der nächste erzählt eine andere Geschichte.

Wann verbuchen Sie eine Feier als Erfolg?

Gestern bin ich auf einem Geburtstag gewesen. Das Geburtstagskind: eine Sportlerin, „Meister des Sports“ im Gerätturnen. Zu ihren Gästen gehörten noch fünf weitere „Meister des Sports“. Und die haben ihr dann zum Geburtstag gratuliert, während sie im Spagat saßen. So etwas kann man nicht planen, das ergibt sich aus der Situation heraus. Die Kunst besteht darin, die Leute Dinge tun zu lassen, die sie gern tun, aber unter normalen Umständen nicht tun würden. Es darf auf keinen Fall geschmacklos werden. Im Zweifelsfall ist Untertreibung besser als Übertreibung.

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Auch bei Weihnachtsfeiern kann ein Stimmungsmacher nichts schaden. / Privat

Was war Ihr schrägster Einfall?

Einmal hat mich eine Frau angesprochen, die Torten herstellt und die ihren Geburtstag mit Freunden feiern wollte. Wir haben uns überlegt, wie man also mit der Torte als Stilmittel spielen könnte. Und ich habe ihr vorgeschlagen: Was, wenn wir dich in eine Torte tunken und die Gäste dann der Reihe nach die Creme von deinem Gesicht ablecken? Sie hat kurz nachgedacht und dann gesagt: Oh ja, genau so machen wir das. Die Aktion ist dann auch super angekommen. Aber ob so etwas funktioniert, hängt natürlich stark von der jeweiligen Gesellschaft ab. In diesem Fall hätten mir die meisten garantiert einen Vogel zeigt und gefragt, ob ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank habe.

Was glauben Sie, was „typisch russisch“ ist an einer Feier hierzulande?

Bei uns fließen oft die Tränen. Vor allem dann, wenn man junge Leute daran erinnert, was sie ihren Eltern verdanken. Die meisten haben heute mit 25 eine Wohnung, ein Auto, ein Mobiltelefon, mit dem sie viel öfter ihre Mama anrufen könnten, die freut sich doch über jede kleine Aufmerksamkeit. Und es sind ja nicht nur die Eltern, sondern auch die Großeltern: Sie haben unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut. Wenn man darüber spricht, berührt das die Leute im tiefsten Inneren. Und viele greifen dann tatsächlich zum Telefon, um ihre Mama anzurufen, oder – wenn die Eltern anwesend sind – fordern sie zum Beispiel zum Tanz auf. Dann wird wieder gelacht. Emotional geht es also rauf und runter.

Wissen Sie aus eigenem Erleben, wie in anderen Ländern, anderen Kulturen gefeiert wird?

Ich war zu einer Hochzeit im Nordkaukasus eingeladen, in Dagestan. Das ist zwar auch in Russland, aber eine ganz andere Welt. Wenn bei uns 50 oder 60 Leute an einer Hochzeit teilnehmen, waren es dort 450. Das Brautpaar saß irgendwo an der Seite und hatte nicht viel zu lachen. Der Tamada musste vor allem dafür sorgen, dass alle Gäste in der richtigen Rangfolge zu Wort kamen und dass sie stets genug zu essen hatten.

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Hochzeit auf Russisch: Wie eh und je werden dem Brautpaar Brot und Salz überreicht. / Privat

Wie steht es um die Traditionen auf Ihren russischen Hochzeiten?

Viele werden gepflegt, aber an die heutigen Gegebenheiten angepasst. Früher war es zum Beispiel üblich, dass der Bräutigam die Braut zu sich nach Hause brachte und das Paar dort von den Eltern des Mannes mit Brot und Salz empfangen wurde. Brot als Zeichen der Gastlichkeit, Salz als Symbol für Wohlstand. Im elterlichen Haus fand dann auch die Hochzeit statt. Aber längst wohnen wir in Stadtwohnungen, die viel zu klein dafür sind. Und die gesamte Hochzeitsgesellschaft nur um des Zeremoniells von Brot und Salz willen irgendwo im 9. Stock eines Plattenbaus zu versammeln, lohnt die Mühe nicht. Deshalb verzichten viele zwar nicht darauf, verlegen es aber beispielsweise ins Restaurant, wo auch die Hochzeit gefeiert wird.

Was können Sie auf Ihren Feiern gar nicht leiden?

Bei mir soll bitteschön keiner seine Gratulation von einer gekauften Glückwunschkarte ablesen, wie das gelegentlich Gäste tun, die von sich meinen, keine großen Redner zu sein. In der Regel liest die Frau vor, der Mann steht mit dem Blumenstrauß daneben und sagt zum Schluss, nachdem er sich geräuspert hat: „Ich schließe mich an.“ Dabei ist es natürlich viel besser, mit eigenen Worten zu gratulieren, und es seien es nur drei Sätze. Was mir genauso wenig gefällt, sind Leute, die ständig von ihren Telefonen abgelenkt sind. Da sitzt dann beispielsweise eine junge Frau im Abendkleid am Tisch, geschminkt-frisiert-herausgeputzt, und nimmt nichts um sich herum wahr, weil sie in ihr Smartphone vertieft ist. Furchtbar! Mir scheint, dass die Generation der Eltern der heutigen jungen Erwachsenen besser zu feiern versteht. Sie ist noch ohne Gadgets aufgewachsen, war viel draußen, hatte ihre Spiele, Tänze, Lieder. Die haben noch mehr miteinander gesprochen als ihre Kinder heute.

Das Interview führte Tino Künzel.

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