Krieg im Kinderblick – Russisch-deutsche Kriegs- und Friedensjugenden

Im internationalen Jugendaustausch ist Themenjahr „70 Jahre ohne Krieg”. Die Erinnerungspädagogik verändert sich: Statt klassischer Veteranen-Gespräche rücken nun auch „kleine Helden”, die in den Kriegsjahren den Alltag am Laufen hielten, ins Zentrum. 

Von Peggy Lohse

Kriegsstäberstätte Rschew. / Maxim Schorochow

Kriegsstäberstätte Rschew. / Maxim Schorochow

„Jetzt kommen deutsche Kinder? Es ist schwer für mich, Deutschen in die Augen zu schauen. Sie haben meinen Vater bei Smolensk ermordet”, sagt Nina Komina bei einem Treffen mit russischen und deutschen Schülern im Museum der Kalinin-Front in Emmaus, als hätte sie ihren Vater gestern verloren. Aber das war 1941, vor 75 Jahren.

Komina und German Schnajder kämpften nicht im Großen Vaterländischen Krieg. Sie waren damals jünger als 14 Jahre, wurden nicht eingezogen. Heute gehören sie zum Veteranenverband, zur Abteilung „Kriegskinder“. Sie waren damals im selben Alter wie die Kinder, die mit dem gleichnamigen Projekt vor ihnen stehen, jetzt.

Kriegsgräberstätte Rschew: Wissen und Erinnern, um zu gedenken. / Maxim Schorochow

Kriegsgräberstätte Rschew: Wissen und Erinnern, um zu gedenken. / Maxim Schorochow

„Ich nenne das ,existenzielle Gleichaltrigkeit’”, erklärt Elena Nichiporovich, Organisatorin des Projekts „Kriegskinder“, Pädagogin für unterrichtsexterne Programme der Allgemeinbildenden Schule Nummer 35 mit Vertiefung Deutsch und private Russischlehrerin für Ausländer in Twer. Indem sich die Zeitzeugen an ihre Jugend erinnern, soll zwischen ihnen und den heute Jugendlichen eine beson- dere Verständnisebene entstehen.

Im Rahmen des regionalen Orlowa-Sawina-Vereins sowie jahrelanger Austauschkontakte der Schule 35 soll „Kriegskinder“ Gedenken, Geschichtsbewusstsein, generati- onen- und grenzüberschreitenden Austausch sowie mediale Kompetenzen miteinander verbinden. Die russischen und deutschen Jugendlichen treffen die echten „Kriegskinder” zuhause, in der Schule oder an passenden öffentlichen Orten. Zur ersten Projektphase Anfang April kamen Schüler des Fontane-Gymnasiums im brandenburgischen Straußberg. Sie besuchten mit ihren russischen Mitschülern Museen wie das in Emmaus sowie die Kriegsgräberstätte in Rschew. Bislang gibt es Treffen mit den jungen Kriegszeugen nur auf russischer Seite, der ursprüngliche Austauschpartner in Deutschland ist wegen fehlender Fördergelder abgesprungen. „Das Programm war da schon fertig, also soll es auch durchgeführt werden“, sagt Nichiporovich.

Aber warum die Kriegs-Kindheit thematisieren, wo es doch traditionell gut funktionierende Veteranen-Projekte gibt, mit Zeitzeugen, die den „echten” Krieg miterlebten? Zum Einen werden die Erwachsenen Kriegszeugen natürlicherweise immer weniger. Zum Anderen müsse das Thema „mit dieser Generation abschließen”, so Nichiporovich. Der Zweite Weltkrieg sollte in die Historie eingehen und so behandelt werden.

Dabei gehen Deutsche und Russen noch immer spürbar unterschiedlich damit um. „Russische Kinder hören von klein auf oft, vielleicht zu oft, diese Geschichten über Verluste, Tränen, Heldentum; sie kennen diese besondere Stimmung”, erzählt Nichiporovich, „und so stehen sie dann wie versteinert und andächtig vor den heute ergrauten Kriegskindern und hören aufmerksam zu, bis zu 45 Minuten, ohne Pause.” Die deutschen Kinder seien da wesentlich lockerer.

"Museum der Kalinin-Front", Emmaus: Nina Komina (5.v.r.), German Schnajder (5.v.l.), Elena Nichiporovich (1.v.r.)

«Museum der Kalinin-Front», Emmaus: Nina Komina (5.v.r.), German Schnajder (5.v.l.), Elena Nichiporovich (1.v.r.)

Schnajder kommt derweil zum Ende: „Niemals, nicht einmal zu Kriegszeiten, haben wir Nazideutschland mit dem deutschen Volk der Dichter und Denker gleichgesetzt! Auf Letzterem beruht auch unsere russische, auch die sowjetische Erziehung und Kultur – auf Bach und Goethe, Hegel und Beethoven.” Und hier muss auch Komina, die sich vor den deutschen Kindern zurück- gezogen hatte, etwas hinzufügen: „Und Heine! Ich habe ihn in der 10. Klasse gelesen.” Und sie zitiert zwei Strophen – auf Deutsch. „Ein unbeschreiblicher Moment“, meint Nichiporovich.

Bilder, Audio- und Videoaufnahmen müssen nun abgetippt, übersetzt, geordnet werden. Am Ende sollen Präsentationen über die Kindheit zu Kriegszeiten entstehen. Bislang gibt es vier Zeitzeugengespräche. Weitere folgen im Herbst mit einer anderen Austauschgruppe.

Die Reaktionen der Schüler bestätigen die unterschiedliche Wahrnehmung des Themas: „Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dieses Thema mit Deutschen zu besprechen“, meint Sonja Kurkowa aus Twer, „obwohl es für sie sicher auch wichtig ist, zu wissen, wie es bei uns zur Kriegszeit war.“ Und ihre Mitschülerin Anna Tretjak ergänzt: „Den Deutschen ist der Krieg sehr peinlich, alle haben viele nahe Menschen verloren.“ Tom Zurbuchen aus Straußberg hält derweil anderes für wichtig: „Wir besuchten mehrere Museen und hörten viele Zeitzeugenaussagen. Uns wurden Einblicke in das russische Leben und den Schulalltag gewährt. Die russische Gastfreundschaft bekamen wir jeden Tag im Positiven zu spüren.“

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