Neue MDZ-Serie: ein deutscher Professor an einer russischen Präsidenten-Uni

Die Präsidenten-Akademie für Öffentlichen Dienst in Moskau bietet dieses Jahr erstmals einen englischsprachigen Studiengang an. MDZ-Autor Frank Ebbecke ist einer der internationalen Experten, die Russlands zukünftige Elite fit für die moderne Welt machen soll. In dieser Kolumne wird er regelmäßig von seiner neuen Berufung berichten.

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Und da sitzen sie nun vor unsereinem. Die 47 Frischlinge. Die einen leicht angespannt, die anderen betont lässig. Aber alle spürbar voller Erwartungen. Mehr junge Damen als Herren – plusminus 20 Jahre jung. Schule war gestern. Sie sind die Auserwählten aus über 300 Bewerbern. Sie kommen großteils aus der ganzen Weite Russlands. Aber auch aus Bulgarien, Frankreich, Mazedonien, Moldawien, Nigeria und Ungarn. Erstmalig an einer russischen Hochschule hat die RANEPA, die Russian Presidental Academy of National Economy and Public Administration, in Moskau zum Wintersemester 2016 einen Studiengang ausschließlich in englischer Sprache aufgelegt: „Global Governance and Leadership“. Die hier gern als „Generation Putin“ gebrandmarkte Jugend soll auf höhere Weihen in Staatsdiensten und der Wirtschaft im Riesenreich getrimmt werden. Vorbilder unter den Ehemaligen der Akademie gibt es etliche. In der derzeitigen Regierung dienen gleich zwei gewichtige Minister mit RANEPA-Abschluss: Sergej Schojgu für Verteidigung und Denis Manturow für Industrie und Handel. Und auch Alumni Walentina Matwijenko – als Vorsitzende des Föderationsrates in dritthöchster Verantwortung im Staate.

Das Hauptgebäude der Russischen Präsidenten-Akademie für Nationalwirtschaft und Öffentliche Verwaltung (RANEPA) , dem Ort des Geschehens / wkazarin.ru

Das Hauptgebäude der Russischen Präsidenten-Akademie für Nationalwirtschaft und Öffentliche Verwaltung (RANEPA) , dem Ort des Geschehens / wkazarin.ru

Zur akademischen Ausbildung gehören neben Sprachkursen und den klassischen Fächern wie Geschichte, Philosophie und Wirtschaft auch Bonusprogramme wie „Intercultural Leadership“ und „Public Speaking“ – die meinen. Sie sollen im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung helfen, auf internationalem Parkett heimische Punkte zu sammeln. Später dann. Das Eintrittsniveau an Allgemeinbildung, gesunder Neugier, wachem Interesse und zielgerichtetem Ehrgeiz erlebe ich gleich zu Anfang als eigentlich erfreulich hoch. Wenn auch die Nachwehen sowjetisch-kommunistischer Erziehung von Elternhaus und Schule noch sicht- und spürbar nachschwingen. Nur verhalten hinterfragter Obrigkeitsgehorsam und vorsichtige Zurückhaltung mit der eigenen Meinung wirken noch arg angelernt.

Unser Autor und frischgebackener RANEPA-Professor Frank Ebbecke / MDZ

Unser Autor und frischgebackener RANEPA-Professor Frank Ebbecke / MDZ

Doch schon folgt der erste Dämpfer meines unvoreingenommenen Optimismus: Nur zwei meiner Studenten haben sich bemüßigt gefühlt, bei der Dumawahl ihre Stimme abzugeben. „Es gibt keine Alternativen“ und „ändern können wir doch nichts“. Das verlangt wohl nach einer Sondereinlage in Sachen Basis-Demokratie. Denn schließlich sind diese Eleven ja alle angetreten, um mal erfolgreiche „Leader“ zu werden. Wählen ist wichtig, damit geht es doch los, überall, wo es überhaupt möglich ist. Aber Politikverdrossenheit ist nun gerade kein Einzelschicksal Russlands. Wenn auch hier und da aus anderen Motiven. Wie es mit meiner ambitionierten Erstlingsgruppe von „Global Governance and Leadership“ weitergeht, da bin ich gespannt. In der MDZ wird es sich regelmäßig nachlesen lassen.

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