Bauchentscheidung: Moskaus Burgermeistern auf den Zahn gefühlt

Jetzt wird Amerika noch einmal entdeckt – nämlich in Russland. Mit dem Burger hat sich ein Markenzeichen des American Way of Life auf der Speisekarte der Russen im wahrsten Sinne des Wortes „eingeburgert“ und ist speziell in Moskau aus der Gastronomie nicht mehr wegzudenken. Das liegt nicht zuletzt an sogenannten „Burgernajas“, Alternativen zu McDonald’s & Co., die den Fast-Food-Klassiker zu einem kulinarischen Erlebnis aufzuwerten versprechen. Was davon zu halten ist, zeigt eine Kostprobe.

Ausgewählte Burger Moskauer Bauart: Eine Gaumenfreude sind nicht alle. / Tino Künzel

Bei den Burgerrechten macht Moskau so schnell keiner etwas vor. Pluralistisch geht es zu, weshalb praktisch jeden Tag mit den Füßen abgestimmt werden kann, wer den Vorzug erhält. Aber dann beginnen schon die Fragen: Schmeckt man tatsächlich den Unterschied, wenn statt dem Fließband-Sandwich der amerikanischen Fast-Food-Giganten mehr Individualität auf den Teller kommt und das belegte Brötchen dann so viel kostet wie eine vollwertige Mahlzeit, nämlich im Schnitt 300 bis 400 Rubel (4,30 bis 5,80 Euro)? Was sagt der Gaumen dazu, wenn das Hackfleisch von Black-Angus-Rindern stammt, im Idealfall sogar aus eigener und natürlich russischer Haltung? Und: Passt das eigentlich zusammen, wenn Russland, die Supermacht der Pelmeni, sich am Essen des geopolitischen Widersachers Nummer 1 versucht?

Als am 31. Januar 1990 auf dem Moskauer Puschkin-Platz das erste McDonald‘s-Restaurants  in Russland eröffnet wurde (beziehungsweise in der Sowjetunion, die damals noch existierte), war schon abzusehen, welchen Siegeszug das Billigfutter made in USA hierzulande antreten kann. Die Schlange ließ sich höchstens mit der vor dem Lenin-Mausoleum vergleichen. Mitten im Winter harrten die Menschen stundenlang in der Kälte aus.

Unglaublich, aber wahr: Um ins „Black Star Burger“ auf dem Neuen Arbat zu gelangen, nimmt das Moskauer Burgertum auch längere Wartezeiten in Kauf. / Tino Künzel

Inzwischen sind nicht nur die bekannten Ketten aus Übersee zahlreich im Lande vertreten, auch an Mitbewerbern, die es auf ein Stück vom großen Kuchen abgesehen haben, fehlt es nicht. Oft versuchen sie, mit höherer Qualität zu punkten, bei ebenfalls höheren Preisen. Vor „Black Star Burger“ (zwei Filialen in Moskau, eine in Grosnyj) bilden sich sogar wieder lange Schlangen. Vielleicht wird der Schnellimbiss, an dem Rapper Timati beteiligt ist, einfach nur erfolgreich gehypt. Oder sind es die vielen Aktionspreise auf der Karte, die den Ansturm erklären? Am Essen („safftig!“, „kräfftig!“) kann es eigentlich nicht liegen. Das Fett tropft nur so aus dem Brötchen, und dass die Portionen zugegebenermaßen reichlich sind, wird mit zunehmender Zeit zum Fluch, wenn man unbedingt aufessen will. Die beigelegten schwarzen Handschuhe, mit denen man den Burger essen soll, sorgen immerhin für einen Aha-Effekt. Ansonsten ist der Laden jedoch ein Anschlag auf die Nerven – und zwar nicht nur die Geschmacksnerven. Das von uns besuchte Restaurant am Neuen Arbat ist etwa so gemütlich wie ein überfüllter Straßenbahnwagen.

Einladend: „Farsch“-Restaurant in der Nähe des Weißrussischen Bahnhofs. / Tino Künzel

Über mangelnde Kundschaft kann sich auch „Farsch“ nicht beklagen. Kunststück: Die Kette (neun Adressen in Moskau) ist ein Projekt von Edel-Gastronom Arkadij Nowikow, wahrscheinlich das mit Abstand bezahlbarste. Der Burger „Tante aus Barcelona“ mit Ei, gebackenem Paprika und anderem Schnickschnack kostet 350  Rubel und ist weder besonders gut noch richtig schlecht, eher gehobenes Big-Mac-Niveau für Leute, die finden, dass sie etwas Besseres verdient haben als McDonald‘s. Dann ist die neu eröffnete Filiale in der Afimall aber doch hauptsächlich mit Heinz-Ketchup-Flaschen dekoriert und die Musik viel zu laut, was sich nicht recht mit dem Upgrade-Anspruch vertragen will. Dann schon lieber gleich zum Original.

Bei „True Burgers“ (fünf Adressen) bekommt man die heiße Ware nicht nur in Restaurants, sondern auch zum Mitnehmen aus einem Fensterchen gereicht. Der Baraka-Burger mit Rote-Beete-Apfel-Chutney, Himbeersoße, Rosinen, Minze und Mozzarella ist schon für die Augen ein Fest, kann aber auch geschmacklich überzeugen.

„BB&Burgers“ (zehn Filialen allein innerhalb des dritten Stadtrings) schwört auf gekühltes statt gefrostetes Fleisch und wartet unter anderem mit einem Burger auf, der auf den Namen „Betrunkene Oma“ hört, warum auch immer. Zu den Zutaten gehören Blauschimmelkäse und Preiselbeermarmelade, keine ganz naheliegende, aber eine leckere Kombination. Allerdings wirkt der Burger eher wie ein Snack für zwischendurch und macht nicht lange satt. Für nur 100 Rubel Aufpreis kann allerdings eine zweite Fleischscheibe dazubestellt werden.


Vor zwei Jahren ließ das Moskauer Internetjournal „The Village“ die Burgerszene in der Stadt von den Gründern der Kette „The Burger Brothers“ testen. Die nahmen zehn Konkurrenten unter die Lupe und deren Angebot in den Mund, lobten und kritisierten und fällten am Ende ein wenig schmeichelhaftes Urteil. Die neuen Moskauer Burgerläden seien „absolut uninteressant in Design und Geschmack“. Man solle lieber nach Paris fahren, dort boome das Burgergeschäft auch gerade. Allerdings kann Paris ja durchaus einen Umweg bedeuten, wenn man nach Feierabend in netter Atmosphäre eine Happen essen möchte, bevor es nach Hause geht. Da sind die Anbieter in diesem Beitrag dann doch buchstäblich naheliegender.


Auf dem Triumphplatz speist man bei „Burger Heroes“ in diesem Glaskasten. / Tino Künzel

Auch bei „Burger Heroes“ (neun Filialen) scheint man sein Handwerk zu verstehen. Zumindest der getestete saisonale Burger „Kruger“ mit Cheddar-Käse, geräuchertem Kürbis und Pesto ist ein fruchtig-raffinierter Genuss. „Mosburg“ hat dagegen nur einen Standort, der jedoch ist mitten auf dem Arbat gelegen. Das Flair gleicht einer Stehkneipe, was keinesfalls abwertend gemeint sein soll. Die Preise sind eher unterdurchschnittlich. Angeboten werden hier Balkan-Burger, die auf den Namen Pljeskavica hören (ein Hacksteak aus Rinder- und Schweinefleisch) sowie herkömmliche Burger, die nach den Helden eines italienischen Comics namens „Alan Ford“ benannt sind, das sich in den 60er und 70er Jahren in Jugoslawien großer Beliebtheit erfreute.

Das vielleicht beste Gesamtpaket ist „Ochota Mjassa“ im Erdgeschoss eines Wohnhauses unweit der Metrostation Uliza 1905 goda. Die Atmosphäre ist entspannt-familiär, im Unterschied zu allen anderen Läden wird man sogar bedient. Und nicht nur der Burger „GAS-69“ (Fleisch vom Ziegenlamm, Rotkohl, Senfkörner), sondern auch die Schwarze-Johannisbeeren-Limonade ist ein Gedicht.

Tino Künzel

 

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