Kleider für die besonderen Momente

In einer unscheinbaren Wohnung hat eine der besten Kostümschneiderinnen Moskaus ihr Atelier. Ihre Fähigkeiten sind auch bei den Gästen des Großen Katharinenballs gefragt. Die MDZ hat Darja Dunjewa besucht.

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Darja Dunjewa legt bei ihren Kleidern Wert auf historische Details. © Tengis Dwalischwili

Viel Platz gibt es in der Einraumwohnung von Darja Dunjewa südlich des Moskauer Stadtzentrums nicht. Doch in der Reenactment-Szene (Anm. d. Red.: Menschen, die eine bestimmte Epoche nachspielen) gilt der Ort als Geheimtipp. Denn die Wohnung, in der die 38-Jährige mit insgesamt 15 Katzen wohnt, ist auch gleichzeitig ihr Atelier. Hier zaubert die Designerin an ihrer kleinen elektrischen Nähmaschine Kostüme aus verschiedenen Jahrhunderten. 

Sie hätte auch Anwältin oder Notarin werden können. Doch nach ein paar Semestern Jurastudium verstand Dunjewa, dass solch ein Leben nichts für sie ist. „Ich habe mich einfach entschieden, zu dem zurückzukehren, was mir wirklich gefällt“, sagt die Designerin. Die Leidenschaft zum Stoff begann bei ihr, wie bei vielen kleinen Mädchen. Als Kind nähte sie ihren Spielzeugen Kleidung. Während die meisten kleinen Mädchen es dabei belassen, lernte Dunjewa an einer Haushaltsschule den Umgang mit der Nähmaschine.

Ein Leben als Anwältin schien zu langweilig

Anschließend absolvierte sie noch zwei Abschlüsse im Bereich Design, als Verfahrenstechnikerin und Modegestalterin. Viele Jahre war sie bei Kinoprojekten Kostümgestalterin und Beraterin. Dunjewa kann sich nicht nur auf dem Papier ausmalen, wie ein Kleidungsstück aussehen soll, sondern es auch bis zum letzten Knopf herstellen. Moderne Mode hat sie allerdings nie interessiert. „Als ich 18 war, habe ich mit historischen Balltänzen angefangen. Von dem Moment an habe ich für meine Freundinnen und mich die Kleider selbst genäht. So fing alles an“, erklärt Dunjewa. 

Das wichtigste Möbelstück in der kleinen Wohnung ist ein großer Schrank mit 400 Kleidern. Unweigerlich drängt sich die Frage auf, wie und wann man all diese Kleider tragen kann. Wohl auf Reenactment-Events und Bällen. Und so einige der eleganten Stücke werden verliehen. Außerdem näht Dunjewa ständig neue auf Bestellung. Die Lieblingsepochen der Designerin sind die Napoleonische Zeit und der Erste Weltkrieg. „Die Kleider von Beginn des 19. Jahrhunderts sind einfach sehr schön. Und am 20. Jahrhundert gefällt mir der Jugendstil. Die Silhouetten waren klar und haben die Vorzüge der Figur betont. Und die großen Hüte waren spektakulär. Schade, dass sie aus der Mode gekommen sind“, seufzt Dunjewa. 

Für ein Kleid braucht sie 48 Stunden

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© Tengis Dwalischwili

Wenn sich Dunjewa an ihre Nähmaschine setzt, geht es schnell. Ein kompliziertes Kleid mit Reifrock schafft sie in 48 Stunden. „Hauptsache, der Wunsch ist da! Ich kann auch nachts losfahren, um Stoff zu besorgen. Die Lager arbeiten rund um die Uhr. Wenn ich beispielsweise weiß, dass morgen eine Veranstaltung ist und ich nichts zum anziehen habe, kann ich auch mal von frühmorgens bis spätabends an der Maschine sitzen.“ Bei ihren Modellen versucht Dunjewa, so nah wie möglich an das historische Original heranzukommen.

Die Originale kann man nicht mehr tragen

Auf eBay kauft sie alte Korsetts und Spitzen aus den USA und Großbritannien. Die Korsetts näht sie aber nicht in ihre Kleider ein, sondern nimmt sie auseinander. „Es gibt keinen historischen Schnitt, an dem man erkennen kann, wie ein Korsett richtig am Körper sitzen soll. Deshalb muss man mit echten Materialien arbeiten. Ein Korsett auseinanderzunehmen ist nicht schlimm, die historische Kleidung kann man sowieso nicht tragen. Die Menschen hatten damals kleinere Größen und sogar vierjährige Mädchen trugen bereits Korsett. Die Taillen waren damals schmaler als bei uns heute.“ 

Das Korsett war jedoch nicht die größte Unannehmlichkeit. Zu Zeiten Katharinas II. trugen die Frauen Panniers, metallische Konstruktionen, die an der Hüfte angebracht waren, um diese breiter erscheinen zu lassen. „Warum wohl, glauben Sie, waren die Türen in den Palästen so groß? Damit die Damen durchpassten. Je reicher eine Frau war, desto breiter ihr Pannier.

Betrachten Sie einmal das Krönungskleid Katharinas der Großen in der Waffenkammer des Kreml“, gibt Dunjewa zu bedenken. Und sie weiß, wovon sie spricht. Denn früher war sie Kostümbildnerin für die Fernsehserie „Jekaterina“, die in bisher zwei Staffeln den Werdegang von Sophie Auguste Friederike von Anhalt- Zerbst zu Katharina II. erzählt. Die Kleider der Deutschen auf dem russischen Thron in der Serie stammen aus der Hand von Dunjewa.

Die Katzen sind die ersten Kritiker

Hat die Designerin ein Kostüm fertig, sind ihre Katzen die ersten, die es zu sehen bekommen. Doch Dunjewa ist keine verrückte Katzenliebhaberin. Es hat sich einfach ergeben, dass die 15 Stubentiger mit ihr wohnen. Und auch nur einen davon abzugeben, kommt für sie nicht in Frage. Das würde sie nicht übers Herz bringen. In der Nachbarschaft ist Dunjewa bekannt als Katzenretterin. Finden die Haus- meister in den Kellern oder Hauseingängen eine Katze, bringen sie sie zu der Designerin. Und Dunjewa kümmert sich um die Tiere, päppelt sie auf. Schafft sie es nicht, eine Katze in gute Hände abzugeben, bleibt sie bei ihr. Alle ihre flauschigen Mitbewohner haben eine traurige Vergangenheit. Und bei der Designerin ein neues Zuhause gefunden. Abends schnurren sie ihr Lieder, begleitet werden sie dabei von der Nähmaschine. 

Ljubawa Winokurowa

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