Bequem, grün, sicher: Wie Moskau sich wandelt und die Provinz mitreißen will

2018 läuft das Städtebau-Pilotprojekt „Meine Straße“ („Moja Uliza“) in Moskau aus. Vieles hat sich in den letzten drei Jahren verändert. Über die Verwandlung der russischen Hauptstadt und die Bedeutung für die Regionen spricht Projektdirektorin Alexandra Sytnikowa vom Consulting Büro Strelka KB in Moskau.

Moskauer Gartenring: mehr Platz zum Flanieren und mehr Bäume / Mark Seryj/KB Stelka

Moskauer Gartenring: mehr Platz zum Flanieren und mehr Bäume / Mark Seryj/KB Stelka

Frau Sytnikowa, wie sieht eine ideale, lebenswerte Stadt aus? 

Eine ideale Stadt sollte ein Raum sein, in dem der Bürger keinen großen Kontrast zwischen seinem Zuhause, dem Arbeitsplatz und der Straße spürt. Bislang sieht es in Russland oft so aus: Zuhause ist es gemütlich. Dann läuft man hinaus, kneift die Augen zusammen und rennt schnell den dreckigen Fußweg – wenn es denn einen gibt – bis zur Arbeit, erreicht sein schönes Büro und atmet einmal tief durch. So sollte es nicht sein. Das Wichtigste im städtischen Raum sind Komfort und Sicherheit. In Moskau sieht es damit schon etwas besser aus.

In Moskau läuft ja auch schon seit drei Jahren das Städteumbau-Projekt „Meine Straße“. Wie hat sich das entwickelt?

Das Programm wurde 2013 initiiert. Seit 2015 waren wir als Strelka KB dabei. Es war und ist ein Programm der Moskauer Stadtregierung. Davor hatte eine städtische Umgestaltung in Moskau zum letzten Mal zur Olympiade 1980 stattgefunden. Russische Architekten hatten nahezu keinerlei Erfahrung mit öffentlichen Räumen. Wir haben uns daher entschieden, ausländische Architekten einzuladen. Wir arbeiteten mit ihnen zusammen, entwickelten Ideen, die wir dann an unsere russischen Gegebenheiten anpassten. Dieses neue Know-how brachte frischen Wind in die hiesige Branche.

Wo fängt man in einer so verkehrsüberlasteten Metropole wie Moskau mit der Umgestaltung an? 

Unser erstes kleines Projekt waren drei Straßen rund um „Detskij Mir“ (das Kinderkaufhaus an der Metro-Station Lubjanka – Anm. d. Red.): Puschetschnaja, ein Teil der Roschdestwenskaja und Neglinnaja. Wir haben der Stadtregierung klar gesagt, dass wir hier keine Sanierungen brauchen, sondern ein neues Verständnis von öffentlichem Raum. Das „Detskij Mir“ kannte früher absolut jedes Kind Moskaus, weshalb wir rund um das Gebäude eine Spielzone schaffen wollten, in der man den Verkehr beschränkt.

Die zweite mutige Idee war, große Bäume zu pflanzen. Keine Hecken, keine Blumen, sondern Bäume. Um die gab es besonders viel Streit. Heute wirkt das schon seltsam, aber damals war einfach niemand dazu bereit, in der Stadt neue Bäume zu pflanzen. 2016 gestalteten wir dann die Twerskaja-Straße neu. Auch dort wollten wir die früher einmal vorhandenen Bäume zurückbringen. Wir mussten viel Kraft investieren, um zu beweisen, dass dieses Projekt unbedingt so umgesetzt werden musste. Heute wird das schon als untrennbarer Teil des Programms angesehen. Im Rahmen dessen sind bereits 8000 neue Bäume in Moskau gepflanzt worden – vor allem im Zentrum, das ist eine kolossale Zahl.

Woher wissen Sie, was die Moskauer wirklich wollen?

Noch in der Ausarbeitungsphase untersuchen wir jedes einzelne Objekt sehr umfassend. Und ein großer Teil davon ist Meinungsforschung: einerseits durch qualitative Interviews vor Ort mit Anwohnern, Angestellten, Müttern mit Kleinkindern, Omis, Schülern. Diese Gespräche dauern eineinhalb bis zu zwei Stunden. Auf der zweiten Ebene führen wir Meinungsumfragen durch. Dafür wurde ein Formular mit zehn kleinen Fragen erstellt, dazu Interviews von maximal zehn Minuten Länge geführt. Und auf der dritten Ebene haben wir digitale Daten erhoben: Auf Facebook, Twitter, LiveJournal, Instagram und VKontakte haben wir Markierungen, Tags und Fotos analysiert. Dann haben wir das alles summiert und so entstand jeweils ein sehr nützliches Bild.

Moskauer Gespräch: Wie wollen wir morgen leben?

Wie funktioniert die Methode „Meine Straße“ in den Regionen? 

Wir haben nun 40 Städte, in denen wir nach demselben Schema wie in Moskau arbeiten. Ein Unterschied jedoch ist, dass wir immer örtliche Planer mit ins Boot holen. Kein Fremder wird je eine Stadt so planen können wie ein Einheimischer. Und dann beziehen wir auch die Bürger direkt durch Diskussionsrunden ein. Nach solchen Abenden korrigieren wir dann oft die Aufgabenstellung.

Welche Wünsche hören Sie von den Bürgern am häufigsten?

An erster Stelle stehen Orte, wo man mit dem Hund Gassi gehen kann. Uns wäre es vielleicht niemals in den Sinn gekommen, aber bei solchen Bürgerdiskussionen erfahren wir dann schnell: Hier gehen Hundehalter Gassi, da treffen sich junge Eltern mit kleinen Kindern und ein Stück weiter treffen sich die Jugendlichen zum Kicken. Wir berücksichtigen solche Vorstellungen. Aber wir müssen natürlich noch viel lernen – sowohl die Stadtplaner als auch die Bürger. Wir haben das Problem des fehlenden Vertrauens in die Behörden. Da unser Auftraggeber ja nun die jeweilige Regierung ist, werden wir immer wieder als Vertreter des Staates angesehen.

Worin sehen Sie die größten Hindernisse in den Regionen?

Wir müssen die Spezifika jeder einzelnen Stadt beachten. Da gibt es solche historischen Gouverneursstädte wie Twer zum Beispiel, eine großartige Stadt mit viel alter Bausubstanz. Nur das Geld zur Erhaltung und Gestaltung fehlt. Dann gibt es aber beispielsweise auch Wladiwostok auf den Hügeln am Meer, eine Stadt, die brodelt und lebt, in Asien. Oder dann haben wir noch Jakutsk, das auf Permafrost steht und wo jedes Gebäude, alle Leitungen auf Stelzen oberhalb der Erde verlaufen müssen. Und das alles in einem Land.

Die häufigsten Hindernisse, die einer guten Umsetzung im Weg stehen, sind erstens schlechte Zusammenarbeit zwischen den Gebiets- und Stadtregierungen. Nicht überall, aber in manchen Orten fehlt offenbar eine Führungsfigur in der Stadt, die diese Bewegung antreibt. Ein anderes Hindernis ist manchmal die Routine der örtlichen Stadtplaner. Sie arbeiten da schon seit Jahren, haben ihren Arbeitsprozess, und da kommen plötzlich wir, locken sie aus ihrer Komfortzone heraus und stellen ihnen irgendwelche exotischen Entwürfe vor. Das ruft natürlich erstmal Ablehnung, Aggression hervor. Oft behindert uns auch ein fehlendes hohes Arbeitsniveau der Planer in den Regionen sowie eine fehlende qualitativ hochwertige Baukultur. Und vom Bau hängt der Erfolg immerhin zu 50 Prozent ab.

Zum Abschluss eine philosophische Frage: Verändert der städtische Raum den Menschen oder der Mensch den städtischen Raum?

Dazu, wie die Stadt den Menschen verändert, gibt es eine alte Städteplaner-Geschichte: Wird ein Fenster einer Fassade eingeschlagen, sind nach einer Woche sicher alle Fenster eingeschlagen. Hier ändert die Umgebung den Menschen: Gibt es mehr Mülleimer, liegt weniger Müll herum. In Moskau entsteht langsam so eine Spazier-Kultur. Dann sind vielerorts die Kabel im Boden verschwunden und ganz neue Ausblicke frei geworden, zum Beispiel vom Neuen Arbat über die Wosdwischenka-Straße zum Kreml. Das ist so, wie wenn man in einer dreckigen Wohnung mal richtig aufräumt. Es atmet sich leichter, man wird ruhiger – solange man es nicht wieder zumüllt.

Das Gespräch führte Peggy Lohse.


Alexandra Sytnikowa / Gleb Leonow/Strelka

Gleb Leonow/Strelka

Zur Person: Alexandra Sytnikowa

Alexandra Sytnikowa ist Projektdirektorin bei Strelka KB. Sie war von 2015-2017 verantwortlich für das Moskauer Städtebau-Pilotprojekt „Meine Straße“ und ist es noch für die Fortsetzung „Komfortabler städtischer Raum“ in 40 „Städten der Zukunft“ in den russischen Regionen – von Smolensk über Irkutsk bis Wladiwostok.


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