Zwei Lehmanns und weitere elftausend Läufer

Mitte Mai trafen sich beim Moskauer Halbmarathon zwei Andrej Lehmanns. Der eine ist ein professioneller Leichtathlet, für den anderen ist Laufen nur ein Hobby. Die MDZ bat ihn, über den Marathon zu sprechen, über die Marathonläufer und über Moskau als Ort, wo die Menschen mit Vergnügen laufen.

Eine der schönsten Strecken des Laufs: die Uferstraße an der Moskwa (Foto: Sergej Kiseljow/AGN Moskwa)

„Sie sind also DER Andrej Lehmann, der schon so oft Marathonläufe gewonnen hat?“ Nein, das bin ich nicht, obwohl ich genauso heiße. Aber die Frage der jungen Frau, die mir das Teilnehmerpaket des Moskauer Halbmarathons überreichte, bewegte mich dazu, meinen Namensvetter näher kennenzulernen. Der Nachname Lehmann gehört in Russland nicht zu den weit verbreiteten. Aber bei uns fallen auch noch die Vornamen zusammen, beide heißen wir Andrej. Dazu kommt noch, dass wir nun die gleiche Distanz laufen. Wir zwei Andrejs sind wahrscheinlich die einzigen Vertreter des Familiennamens Lehmann in der russischen Laufszene. Wie soll man sich da nicht kennenlernen?

Ich laufe ungefähr zehn Jahre. Ich war 34, als es mir gesundheitlich schlecht ging und die Frage aufkam, wie ich mich fit halten sollte. Die ersten Läufe fielen mir schwer. Anfangs waren es ein paar kleine Runden im Park. Allmählich wurde das Laufen zu einem Bestandteil meines Lebens.

Der russische Meister Andrej Lehmann führt das Feld an. (Foto: Marathon photo)

Gerade zu dieser Zeit, als ich mit dem Laufen begann, fing mein Namensvetter an, hochkarätige Rennen zu laufen. 2011 gewann er erstmals die russische Crossmeisterschaft und kam dann jedes Jahr unter die sechs Besten. Bei der russischen Meisterschaft im Marathon holte er 2021 in Sotschi die Goldmedaille. Den Moskauer Halbmarathon schaffen solche Läufer wie er in einer guten Stunde, das bedeutet, er ist doppelt so schnell wie ich als Hobbyläufer. Dieses Mal belegte Andrej den zweiten Platz, nur sechs Sekunden hinter dem Sieger. Wie sich herausstellte, ist Andrej ebenfalls Russlanddeutscher, geboren in Kirgisien. Sein Nachname klingt echt wie der „des berühmten Torwarts“ Lehmann. Das spricht man nur hier in Russland etwas anders aus.

Unsere Vorbereitung auf den Lauf und die Eindrücke sind unterschiedlich. Für mich ist dieses Rennen, schon das fünfte an der Zahl, nicht einfach nur Sport. Wenn du in einer großen Gruppe zusammen mit Dutzenden oder Hunderten Teilnehmern läufst, lebst du ein besonderes soziales Leben. Die Menschen um dich herum kommunizieren lebhaft miteinander. Ganze Gruppen verbinden diesen Wettkampf mit einer Stadtbesichtigung. Manchmal spielen sogenannte Tempomacher den Reiseführer. Das sind professionelle Sportler, die für die verschiedenen Gruppen ein spezielles Tempo anschlagen. Sie kennen die Strecke gut, warum also nicht den Neuen etwas darüber erzählen? Umso mehr, weil die Strecke des Moskauer Halbmarathons eine fertige Touristenroute ist. Hier sehen sie sowohl das Stadion „Luschniki“ und die Uferstraßen der Moskwa als auch den Kreml und die Basilius-Kathedrale.

Bei Andrej ist das anders. Für ihn ist das Ergebnis wichtig und wenn du dich maximal verausgabst, siehst du in diesem Moment die Schönheit der Stadt nicht. Du kannst nicht auch diejenigen sehen, die weit hinter dir laufen, wie etwa die Teilnehmer des Halbmarathons in den Rollstühlen oder die älteren Läufer, deren körperliche Verfassung zu neuen sportlichen Leistungen beflügelt.

Teilnehmer des Moskauer Halbmarathons in Rollstühlen (Foto: Sofja Sandurskaja/AGN Moskwa)

Zum Alter der Läufer: Die größte Gruppe stellen die über Dreißigjährigen, danach kommen die Läufer über vierzig. Andrej sagt, dass es an jungen Nachfolgern mangelt. Die langjährigen Sperren russischer Sportler bei internationalen Wettkämpfen zeigen ihre Wirkung. So liegt die ganze Hoffnung auf dem Amateursport. In Moskau zum Beispiel sind die sogenannten Parkläufe beliebt geworden. Das sind sonnabendliche Morgenläufe über fünf Kilometer in den Parks der Stadt. Aber auch hier gibt es Rückschläge. Nach Beginn der militärischen Operation in der Ukraine wurde die Website, wo die Ergebnisse der Läufe veröffentlicht wurden und jeder Teilnehmer seine Statistik sehen konnte, eingestellt. Die Anzahl der Parkläufer sonnabends wurde merklich weniger.

Umso wichtiger sind für die Moskauer solche Ereignisse wie der Halbmarathon. In diesem Jahr nahmen über elftausend Läufer teil. Im September will ich mich an den Marathon wagen. „Nicht die Länge der Strecke macht dich kaputt, sondern das Tempo“, gab mir Andrej seine Erfahrung weiter. Wenn man es richtig angeht, sollte eigentlich jeder gesunde Mensch das schaffen können. Ich hoffe, dass ich es ins Ziel schaffe, bevor mein Namensvetter nach Hause gegangen ist.

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