Zwei Filmfestivals und ihr politisches Engagement

Im November widmeten sich die russischen Filmfestivals ECOCUP und Bok o Bok* den Themen Ökologie und sexuelle Vielfalt. Aufgrund der Pandemie mussten die Veranstalter auf Online-Formate ausweichen - mit teils unerwarteten Problemen.

Eine Szene aus dem Film "Fanaty" von Sewa Galkin.
Gegen wen sich die Gewalt richtet, ist in „Fanaty“ diskutierbar. (Kinopoisk)

Bei Filmfestivals geht es oft um mehr als bloße Kunst. In vielen Fällen schaffen sie Raum für gesellschaftlich wichtige Themen und generieren so Aufmerksamkeit für soziale Belange. Gleich zwei solcher Festivals fanden im November in Russland statt.

Revue des grünen Kinos

Das grüne Dokumentarfestival ECOCUP findet seit 2010 jährlich an verschiedenen Standorten in Russland, der Ukraine, Belarus, Kasachstan und Kirgistan statt. Ende November waren zehn Filme aus sechs Ländern auf der Homepage des Filmestivals zu sehen. Neben klassischen ökologischen Themen wie Luftverschmutzung und umweltfreundlichem Transport geht es in den Beiträgen auch um gesellschaftliche Protestbewegungen.

„Wir wählen die besten Filme aus, die zum Thema Ökologie veröffentlicht wurden“, erklärt Mitbegründerin Natalja Paramonowa der MDZ. „ECOCUP ist aber kein Filmwettbewerb, eher eine Revue des grünen Kinos. Es kann also auch mal ein Film aus dem Vorjahr laufen, wenn das Thema besonders aktuell ist.“ Neben den Filmen veranstaltet ECOCUP außerdem eine Gesprächsreihe, bei der Experten die aktuell dringendsten ökologischen Fragen diskutieren. Die Ergebnisse der kürzlich beendeten Klimakonferenz in Glasgow werden in diesem Rahmen genauso unter die Lupe genommen wie die dramatischen Folgen des Klimawandels in Russland. Auch in diesem Sommer vernichteten etwa Waldbrände gigantische Flächen in fast allen Regionen des Landes.

Film mit langfristiger Wirkung

Ein Highlight des diesjährigen Festivals ist die französische Doku „Fast fashion: the real price of low-cost fashion“. Der Film bereitet eine Recherche über die Unmengen an Ressourcen verschlingende Welt der billig produzierten Mode auf. Vor allem ist er eine Anklage gegen riesige Modefirmen. Die nehmen bei ihrer unkontrollierten Produktion weder Rücksicht auf die Gesundheit ihrer Arbeiter, noch auf gravierende Folgen für die Umwelt.

Dem grünen Kino gelingt es auf besondere Art, sein Publikum für die eigene Sache empfänglich zu machen. „Der Einfluss lässt sich nicht sofort messen. Man sieht eben nicht einen Film und hört sofort auf, Kaffee aus Einwegbechern zu trinken. Der Effekt spielt sich auf tieferer Ebene ab, er verändert langsam das eigene Weltbild“, führt Paramonowa aus. Langfristig zeigen die Filme ihre ganze Wirkung. „Unsere ersten Zuschauer sind heute zum Teil selbst Experten geworden, gründen eigene Organisationen für nachhaltige Entwicklung“.

Heraus aus der Stigmatisierung

Nicht weniger engagiert ist das Filmfestival Bok o Bok*. Von 11. bis 25. November lang waren in einem Online-Kino Einreichungen aus über 15 Ländern zu sehen, die von der Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten erzählen. Dass diese Vielfalt breite gesellschaftliche Akzeptanz erfährt, dafür wirbt das Festival seit 2008. „Wir haben in den vergangenen Jahren viele Themen aus der Stigmatisierung geholt, die vorher niemand angesprochen hatte“, erzählen die Veranstalter. „Dass wir das über die Kunst, über den Film und nicht direkt tun, macht unsere Botschaft oft leichter wahrnehmbar“.

Unter den Filmen ist auch eine Reihe russischer Produktionen. Der Kurzfilm „Fanaty“ von Sewa Galkin basiert auf realen Ereignissen und erzählt von zwei Fußballfans, die Jagd auf reiche Schwule machen. Der reduzierte Einsatz von Dialog und Musik trägt zu einer beklemmenden Grundstimmung bei. Die Stille lässt Raum für den inneren Konflikt zweier Skinheads, die mit ihrer eigenen Liebesaffäre einen für andere tödlichen Umgang suchen.

Allgemein habe sich in Russland die gesellschaftspolitische Lage zwar verschlechtert. Der russische queere Film entwickle sich aber trotz aller Schwierigkeiten stetig weiter, so die Organisatoren. „Früher musste man nach LGBT-Filmen in Russland wie nach einer Nadel im Heuhaufen suchen, jetzt haben wir die Wahl“. Während es sich in vergangenen Jahren meist um ein Statement und nur gelegentlich um eine Provokation handelte, seien heute laut den Veranstaltern queere Inhalte an sich schon ein Protest.

Festivalstart mit Hindernissen

Den Beleg dafür bekamen die Veranstalter schnell geliefert. Nur wenige Tage nach Beginn wurde die Webseite von der Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor durch eine außergerichtliche Entscheidung gesperrt. Zuvor hatte der sogenannte „Männerstaat“** Beschwerde eingereicht. Die nationalistische und homofeindliche Organisation ist in Russland offiziell als extremistisch eingestuft und verboten. Bei Bok o Bok* ist man über die Sperrung irritiert: „Es ist schon komisch zu sehen, wie manche Leute so viel Angst vor einem kleinen unabhängigen Filmfestival haben“, heißt es auf Instagram.

Das Bok o Bok* hat einen Weg gefunden, sein Programm trotzdem zu zeigen. Mit einem VPN-Zugang in der Ukraine kann das Publikum zumindest einen Teil der Filme wieder abrufen. Im Messenger Telegram appellierten die Veranstalter an das Verständnis der Zuschauer und gaben sich zuversichtlich: „Gemeinsam werden wir es schaffen. Selbst ein heftiger Regenschauer endet mit einem Regenbogen“.

*Das Festival ist in Russland als ausländischer Agent eingestuft.

**Die Bewegung ist in Russland als extremistisch eingestuft und verboten.

Kamila Minichairowa und Anna Finkenzeller

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