Zu Fuß durch Russland: Wie ein Deutscher das Land seiner Träume erlebt

Als Kind hatte Detlev Ihlenfeldt ein Lieblingsmärchen. Es handelt vom starken Wanja, der auf seinem Weg durch Russland viele Abenteuer bestehen muss. Die Sehnsucht nach diesem großen, fernen Land wohnte seitdem ihn ihm. In diesem Jahr war er nun endlich auch dort. Ein Abenteuer – und eine Herzenserfahrung.

Wegzehrung: Wieder einmal hat eine gute Seele Detlev Ihlenfeldt mit Essen versorgt. (Foto: Detlev Ihlenfeldt)

Prolog

Es ist Winter, als Detlev Ihlenfeldt zum ersten Mal russischen Boden betritt. Er hat sich das nicht ausgesucht, die Jahreszeit passt eher weniger zu seinem Vorhaben, nach Russland und in Russland zu wandern, mit Rucksack auf den Schultern und Zelt im Gepäck. Aber es läuft nicht immer alles nach Plan für den Augsburger. Den Kompass, der zu seiner Wanderausrüstung gehört und in der freien Natur dafür sorgt, dass er nicht vom Weg abkommt, könnte er auch im Leben gut gebrauchen. Irgendwann wird ihm jedenfalls klar: Er muss jetzt einfach den ersten Schritt machen. Und dann den nächsten. Daraus werden viele tausend kleine Schritte. Mit jedem fühlt er sich wohler.

Detlev Ihlenfeldt ist 53 Jahre alt. Der ausgebildete Industriekaufmann, Vater zweier erwachsener Söhne, hat als Straßenkünstler, Sozial­pädagoge und Altenpfleger gearbeitet. Drei Jahre lang war er Besitzer eines Restaurants an der französischen Atlantikküste. Doch nach 26 sozial­versicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen konnte er nicht mehr: Zunächst bis zum Sommer 2020 ist er erwerbsunfähig geschrieben, ein „amtlich geprüfter Nichtsnutz“, wie er in seinem Blog schreibt.

Unterwegs

Mit dem Fernbus geht es zunächst nach Vilnius in Litauen. Von dort läuft Ihlenfeldt los, immer an der Bahnlinie entlang bis nach Daugav­pils (Dünaburg) in Lettland, wo im Alltag meist Russisch gesprochen wird. Der Klang des Russischen berührt seine Seele, schon in Deutschland hat er begonnen, die Sprache zu lernen. Nun nimmt er Unterricht an einer russischen Sprachschule – und schlägt sein Nachtlager bei bis zu 15 Grad unter Null teilweise im Wald auf, um zu trainieren für die Herausforderungen, die auf ihn zukommen.

Dann überquert er mit einem Touristenvisum im Pass die EU-Außengrenze und befindet sich nun in einem Land, vor dem man ihn in Lettland gewarnt hat: Russland sei dunkel, gefährlich und kalt. Den Russen gehe es miserabel, deshalb seien sie so aggressiv. Doch der erste Russe, den er trifft, ist ein Autofahrer, der kurz vor der ersten größeren Stadt plötzlich neben ihm hält und ihn einfach mitnimmt, ihm die Stadt zeigt und zum Abschied seine Telefonnummer aufschreibt, für den Fall der Fälle. Tags darauf begleitet ihn der Direktor des Sebesch-Nationalparks höchstpersönlich in einen Schreibwarenladen, wo er eine Wanderkarte kaufen kann. Der Empfang fällt also mehr als freundlich aus, zudem werden ihm seine Sprachkenntnisse hoch angerechnet. Telefon und Internet funktionieren wie gewohnt. „Was hatte ich unnötig Angst“, notiert Ihlenfeldt in seinem Blog. Mittlerweile sind Schnee und Eis seine ständigen Begleiter, doch ihm ist warm ums Herz.

Entdeckt Russland zu Fuß: Detlev Ihlenfeldt (Foto: privat)

Dass Russland es Ihlenfeldt angetan hat, wäre stark untertrieben. Es ist sein „großer Traum“, seine „große Liebe“, schreibt er noch vor der Abreise. So richtig erklären kann er sich seine tiefe Verbundenheit zu diesem Land nicht, wohin das alles einmal führen soll, weiß er auch nicht. Doch er ist vorbereitet, überquert probehalber zu Fuß die Alpen, nimmt an einem Survival-Seminar teil, recherchiert und schaut alle möglichen Sendungen über Russland. Die vielleicht wichtigste Inspiration bleibt jedoch ein Kinderbuch, das ihm seine Mutter vorgelesen hat, als er klein war: „Die Abenteuer des starken Wanja“ heißt es. Wanja, aus der Art geschlagener dritter Sohn des Wassilij Grigorewitsch, macht sich darin auf seinen Weg durch Russland und zeigt, was in ihm steckt. Als 2018 Ihlenfeldts Vater stirbt, macht auch er sich auf den Weg, voller Zweifel und voller Hoffnung. Russland enttäuscht ihn nicht.

Tschistoje Nebo 

60 Kilometer von der russisch-lettischen Grenze entfernt in der Region Pskow klopft Ihlenfeldt an die Tür eines Hauses und bleibt für vier Wochen. Es ist eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern, die ihn aufnimmt. Er hilft im Haushalt, schippt Schnee, geht mit dem Hund spazieren, spielt mit den Kindern. Die Eheleute stammen aus St.  Petersburg, aber haben sich für das Leben auf dem Land entschieden. Die Siedlung Tschistoje Nebo (Reiner Himmel) in einer seenreichen Umgebung zählt ungefähr 20 solcher Haushalte, von Bauern über Rentner bis zu Handwerkern und Programmierern. Es gibt keine Läden, nur einen selbstverwalteten Kindergarten. Wenn jemand zum Einkaufen fährt, dann nimmt er seine Nachbarn einfach mit, bis das Auto voll ist.

Als die Familie verreist ist und er das Haus hütet, breitet Ihlenfeldt eine alte Militärkarte von Russland vor sich aus und überlegt, wo er wohl als Nächstes wandern wolle. Er entscheidet sich für die Mitte des Landes. Einige Wochen später steigt er in Krasnojarsk aus einem Zug, diesmal ausgestattet mit einem Visum für drei Monate. Er ist jetzt in Sibirien, nach dessen Weiten er sich immer gesehnt hat.

Strelka

Dort, wo die Angara in den Jenissej mündet, ist an Wandern allerdings nicht zu denken, denn trotz Frühling liegt der Schnee noch knietief. In dem Ort Strelka, dessen Bewohner von der Holzwirtschaft leben, wird Ihlenfeldt ein Platz in der Flößer-Unterkunft angeboten. Der Direktor der Gemeinschaft freut sich über den Gast aus Deutschland. „Er hat mich über Flüchtlinge, Angela Merkel und den Brexit ausgefragt“, erinnert der sich heute an das Gespräch. „Er wollte wissen, wie ich als Deutscher die politische Lage in Europa finde.“

Ihlenfeldt bleibt, bis die Angara auftaut. „Als ich ankam, war sie komplett zugefroren, aber nach einer Woche geriet das Eis in Bewegung“, erzählt er. Tagelang schaut er bei dem Schauspiel zu, es ist wie ein Erweckungserlebnis. Ihm scheint, dass auch in seinem Inneren etwas Festgefrorenes schmilzt.

Jenissej

Nur ein Stück weiter südlich ist der Schnee schon weg. Ihlenfeldt wandert am Jenissej entlang. Er entfernt sich nie zu weit von der Fernstraße, denn in der Taiga erwachen gerade die Bären aus dem Winterschlaf. In Kasatschinskoje stößt er auf zwei Kriegsgräberstätten mit einem Obelisken. Im russischen Bürgerkrieg fanden hier heftige Kämpfe zwischen den Truppen des Weißen-Generals Koltschak und Partisanen statt. In einem Dorf ohne Lebensmittelladen schenkt ihm eine alte Frau etwas zu essen. In Mokruschinskoje feiert er mit den Bewohnern am 9. Mai den Tag der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg. In Momotowo wird er von einer Familie zum Picknick eingeladen. „Wir aßen vom Tisch mit einer Gabel und tranken aus einem Glas. Wir lachten viel“, beschreibt er die Szene in seinem Blog.

Picknick mit Zufallsbekannten mitten in Sibirien (Foto: privat)

Wo er auch hinkommt, sind die Menschen aufgeschlossen und interessiert. Es findet sich immer ein Computer, den er benutzen kann, sei es in der Gemeindeverwaltung, im Kulturhaus oder in der Bibliothek.

Den Rest der Zeit verbringt Ihlenfeldt in den Ökodörfern Dobroswet und Smorodinka. Er legt kräftig mit Hand an, erlebt am Ende auch ein Dorffest mit, bei dem die Scheune zum Kino wird, und sagt sich, so würde er gern in Deutschland wohnen. Nicht als Einsiedler, nicht ohne Zivilisation, aber im Gleichgewicht mit sich selbst und mit der Natur.

In den Russen erkennt sich Ihlenfeldt wieder. Sie seien tendenziell „ein bisschen so wie ich“, schreibt er in seinem Blog, emotionaler, mit mehr Zeit, mehr Neugier, weniger Komfort, Lebensplanung und Multi-Tasking. Russland empfindet er auch nicht als das Land der Widersprüche, sondern des Sowohl-als-auch.

Moskau

In Moskau besorgt sich Ihlenfeldt einen Ausweis der Russischen Staatsbibliothek und hat so einen schönen Arbeitsplatz. Er kommt bei einem älteren Ehepaar vor den Toren der Stadt unter, schläft später in Hostels. Manchmal fährt er mit der Metro raus aus der Innenstadt, läuft zurück und macht dabei seine Entdeckungen. Moskau ist voller Straßenmusik, Ihlenfeldt tanzt sogar auf dem Roten Platz. Und als er im Internet Ort und Zeitpunkt eines Treffens des deutschen Rotary Clubs Humboldt findet, geht er einfach hin. Es sei das einzige Mal während seiner gesamten Reise gewesen, dass er wieder weggeschickt wurde, weil er nicht eingeladen war, heißt es in seinem Blog.

Epilog

Als Ihlenfeldt nach Deutschland zurückkehrt, fällt er in ein tiefes Loch. Auf einmal stellen sich all die großen Fragen nach Heimat, nach Halt und Dazugehören wieder, die den vielen kleinen praktischen Fragen gewichen waren, solange er sich auf Wanderschaft befand. Er ist hin- und hergerissen zwischen zwei Kulturen, fühlt sich in Russland wie zu Hause, will aber auch seine deutschen Wurzeln nicht verleugnen. Nur so viel ist klar: Bald möchte er wieder auf große Tour gehen und bis ins hohe Alter durch Russland wandern, so wie der starke Wanja. Sein nächstes Ziel ist der Altai. Denn, noch so ein Zitat aus seinem Blog, „in Deutschland sind die Straßen besser, in Russland die Herzen offen“.

Julia Kolbig, Tino Künzel

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