WM in den Regionen: Karneval am Don

Es gibt ein „Vor“ und „Nach“ der WM, besonders in denjenigen Austragungsorten, die weniger touristisch sind als Moskau und St. Petersburg. Rostow am Don hofft auf ein Wiedersehen. Ein Ortsbesuch.

Auf dem Weg zur Rostow-Arena. /Foto: Katharina Lindt.

Er versprach wiederzukommen. Pedro Augusto aus Cancun läuft singend mit drei Freunden, in prächtigen Nationalfarben gekleidet, die Uferpromenade von Rostow am Don entlang. Die Hitze ist drückend. Heißer sogar als in Mexiko, meint der jungen Mann mit dem übergroßen Sombrero. „Russland ist toll, viel besser als ich es erwartet habe.“

An ausländische Gäste wie Pedro haben sich die Bewohner von Rostow schnell gewöhnt. Jene dominierten mehrere Wochen das Stadtbild, bevor am 2. Juli die letzte WM-Partie in der Rostow-Arena gespielt wurde. „Den mexikanischen Fans hat es hier so gut gefallen, dass sie sich entschieden haben, eine Woche länger zu bleiben. Am Ende kannten sie alle Bars der Stadt“, lacht Hamlet. Zumindest behauptet der armenische Taxifahrer, dass er so heißt. Auch das ist Rostow: eine Stadt der Kulturen. Neben der armenischen Diaspora, leben hier viele Ukrainer, Aserbaidschaner, Georgier und Koreaner. „Die Fans haben unser gemächliches Leben auf den Kopf gestellt“, sagt Hamlet.

Infrastruktur begeistert

Karneval nennen es die Einheimischen. Es ist ein friedliches Fest mit Liebesbekundungen nach dem Torjubel und nächtlichen Gesängen unter Balkonen, wo vor der WM vielleicht nur die Katzen miauten.

Das Herz der Stadt: der Zentralmarkt von Rostow. /Foto: Katharina Lindt

Zu der Begeisterung und guten Stimmung dürften teilweise auch die breiten Flaniermeilen im Zentrum beigetragen haben. Für die Austragung der WM investierte die Stadt viel Geld. 100 Milliarden Rubel (rund 2,9 Milliarden Euro) flossen in die Infrastruktur. Neben der Rostow-Arena wurde auch der neue Flughafen „Platow“ 29 Kilometer nordöstlich von Rostow gebaut. Er ist der erste Flughafen, der seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion von Null entstand. Nun begrüßt er die Gäste der Stadt mit Puschkin-Versen über dem Don.

Vom Don-Ufer führen ein paar Straßen zum Zentralmarkt der Stadt hinauf – dem größten und besten Russlands, sagen die Händler stolz und reichen saftige Kirschen und duftende Kräuter zum Probieren. „Du Schöne, solche reifen Tomaten findest du nicht in Moskau“, sagt Nina Semjonowa im lakonischen Jargon, der typisch ist für Rostow. Gegerbtes Gesicht und Goldzähne strahlen einem entgegen. Sie arbeite schon ihr Leben lang auf dem Markt, handele mit dem, was ihr großer Garten hergibt. Auch ausländische Touristen treibt es auf den Zentralmarkt, sagt die 70-Jährige. Englisch könne sie aber nicht. „Die Kommunikation klappt auch mit Händen und Füßen. Hier herrscht eh ein Babylon der Sprachen“, lacht Semjonow und zuckt mit den Schultern.

Nina Semjonowa handelt mit Gemüse aus dem heimischen Garten. /Foto: Katharina Lindt.

Und beim gemeinsamen Feiern fallen auch die Sprachbarrieren. Selbst als die Sbornaja beim Spiel gegen Uruguay Gegentore einstreichen musste, grölten Mexikaner, Kroaten und Isländer in der Fan-Zone gemeinsam: „Rossija wperjod“. Russland vorwärts! Bei so viel Enthusiasmus schmilzt selbst der skeptischste Russe dahin. Und solche Gäste wollen ordentlich mit Wodka und Hering verpflegt werden, wie es die russische Gastfreundlichkeit vorschreibt, erzählt Swetlana Lomakina in ihrer Kurzgeschichte auf „Takie Dela“. Es sind Begegnungen, die beide Seiten begeistern. Frauen, die schmachtende Blicke erhalten, ältere Damen, die ihre Französischkenntnisse auspacken und Männer in Trainingsanzügen, die ausländische Fans mit dem Traktor zum Trinken ins nächste Dorf „entführen“.

Die schönste Nebensache des Fußballs ist Begegnung

WM als Tourismusimpuls

Solche Abenteuer erlebt man nur in Russland. Davon können die 1,5 Millionen WM-Touristen, die schätzungsweise am Ende des Fußball-Monats das Land besucht haben werden, ein Lied singen. Auch langfristig soll die russische Tourismusindustrie von der WM profitieren. Jetzt, da die Welt neben Moskau, St. Petersburg und Sotschi auch Städte wie Rostow, Samara und Saransk kennt.

Auch auf dem Weg zur neugebauten Rostow-Arena, beim Spiel Island gegen Kroatien, hört man die russische Begeisterung für die exotischen Gäste. Der Rausch vor dem Kater, wenn die Regionen nach der WM verpflichtet werden, für die Instandhaltung der Stadien aufzukommen.

Isländer oder Russen? Beim Karneval weiß man das nicht so genau. /Foto: Katharina Lindt.

„Ihr seid einfach echte Prachtkerle“, sagt eine Frau zu einem hochgewachsenen Isländer mit Bart. „Einfach Huh!“ Jener versteht nur Bahnhof, sagt etwas auf Isländisch und lacht. Wohin man schaut – ein isländisches Flaggenmeer, nur vereinzelt rotweiße Karos, die Fahne Kroatiens.  Doch manche Island-Fans entpuppen sich am Ende doch als Russen. „Ich bin hier, weil mir die Mannschaft bei der letzten Europameisterschaft sehr gefallen hat. Als ich erfahren habe, dass Island in Rostow spielt, habe ich sofort Karten dafür gekauft“, erzählt Alexander. „Ich habe ihr Spiel sogar in Wolgograd gesehen und die Jungs angefeuert.“

So ist das eben beim WM-Karneval. Die Welt steht Kopf. Isländer sind Russen und Russen sind Isländer. Man kann sie kaum auseinanderhalten. Wenigstens solange sie das WM-Ende bald nicht wieder voneinander trennt.

Katharina Lindt

 

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