Wie freiwillige Helfer die WM in Russland erleben

Fußballstars hautnah erleben oder Stadionatmosphäre aus der Spielerperspektive schnuppern – mit eintöniger Arbeit haben die Aufgaben der Freiwilligen bei der WM in Russland wohl nichts zu tun. Zwei Helfer geben Einblicke.

High five für Fußballfans: Frewillige sorgen bei der WM auch für gute Laune. /Foto: Kim Hornickel.

Anastassija lief fahnenschwingend in das Olympiastadion Luschniki ein, kurz bevor die russische Mannschaft 5:0 gegen Saudi Arabien gewonnen hatte. „Das war ein toller Moment, das beste Gefühl meines Lebens“, erzählt die 20-jährige Wirtschaftsstudentin euphorisch.

Sie ist eine von 17 000 Freiwilligen der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Anstatt die Sommerferien entspannt verstreichen zu lassen, hat sich die Moskauerin, wie tausende weitere Studenten, für die unbezahlte Arbeit entschieden. „Die Helfer geben sich alle Mühe, damit den internationalen Besuchern ein möglichst reibungsloser Aufenthalt ermöglicht werden kann“, sagt Anastassija. Ihren richtigen Namen will sie nicht verraten, da Freiwillige mit der Presse nicht sprechen dürfen. Um die Privatsphäre der berühmten Gäste zu wahren, sagt sie. Anastassija organisiert nämlich am Flughafen Scheremetjewo, zusammen mit Dutzenden weiteren Freiwilligen den Transportservice von FIFAFunktionären, Fußballspielern und ihren Trainern.

Rekord an Bewerbungen

Dabei liegt ein langer Weg hinter der engagierten Studentin. Bereits im Juni 2016 hatten sich 170 000 Freiwillige für einen der heißbegehrten Plätze beworben. So viele Bewerbungen gab es bei keiner Weltmeisterschaft. WM-Gastgeber Brasilien verzeichnete im Vergleich 130 000 Helfer. In Russland wurden noch bis Dezember 2017 Bewerbungen überprüft und nur ein Teil der Bewerber zum Bewerbungsgespräch eingeladen. „Gutes Mittelstufen-Englisch wird mindestens erwartet“, sagt Anastassija. Eine weitere Fremdsprache ist willkommen.

Die Freiwilligen kommen nicht nur aus Russland. „Ein Kollege ist extra aus Bangladesch angereist, um bei der Weltmeisterschaft in Russland mithelfen zu dürfen“, erzählt die 20-Jährige. Ganze 20 Tätigkeitsbereiche decken die Freiwilligen ab. Bei der Arbeit mit den Pressevertretern, im Ticketverkauf oder bei der Fan-Akkreditierung – kein Bereich im Kontext der WM kommt ohne die unzähligen Helfer aus. Auch für die gute Laune vor Ort. Mit übergroßen Schaumstofffingern weisen sie nicht nur den Weg durch das Labyrinth der Absperrungen, sondern geben den Fußballfans auch High five.

Anastassijas Aufgabe ist es, die internationalen Gäste am Gate abzuholen und durch die Passkontrolle zu lotsen. „Das ist der komfortable VIP-Service“, lächelt die Moskauerin. Nicht jeder Freiwillige darf die prominenten Gäste empfangen. Weil die Organisatoren Fan- Geschrei und Autogrammanstürme verhindern wollen, dürfen nur diejenigen in die First-Class-Lounge, die sich nicht übermäßig für Fußball interessieren. „Oder zumindest müssen wir so tun, als ob es uns nicht interessiert“, lacht Anastassija. Erst vor weinigen Tagen habe sie die spanische Fußballmannschaft nach der Niederlage gegen die Sbornaja durch den Check-in begleitet.

Arbeit mit prominenten Gästen

Freiwillige erleben einige spannende Momente, wie der 31-jährige Alexander, der am Flughafen sein Idol traf und tief enttäuscht wurde. Der Freelancer ist Volunteer am Flughafen Scheremetjewo. Auch er darf nicht mit der Presse sprechen, weshalb er seinen richtigen Namen für sich behält.

Alexander gehört zu der am geringsten vertretenen Altersgruppe. 60 Prozent der Freiwilligen sind 20 Jahre oder jünger. Nur 15 Prozent der Helfer sind 50 Jahre und älter. „Das kommt daher, dass Studenten im Juni Ferien haben“, erklärt Alexander. Auch er empfängt weltbekannte Gäste im Namen der FIFA. „Ich täusche aber gar nicht erst vor, keinen Fußball zu mögen“, sagt er, „Ich liebe diesen Sport.“

Anfang Juni hatte er dann Glück, ein VIP Gast war gelandet. Der Prominente sollte von sechs Volunteers, darunter Alexander, in Empfang genommen werden. „Wir wissen nie genau, wer kommt, aber dass es ein ehemaliger Fußballer ist, das ist dann doch durchgesickert.“ Der Gast stellte sich als die argentinische Fußball-Legende Diego Maradona heraus. Doch die Begeisterung für den ehemaligen Fußballer hielt nur kurz an.

Nach einigen Getränken in der VIP-Lounge habe der Fußballstar zu seiner Limousine gehen wollen, die der Transportservice für ihn organisiert hatte. „Plötzlich legt die Kellnerin eine Rechnung auf den Tisch und hat einige tausend Rubel verlangt.“ Der Argentinier hatte allerdings nur Dollars bei sich. Also sprang Alexander in der unangenehmen Situation ein und beglich die Rechnung. Anstatt sich zu bedanken, sei der Star nur genervt zu seiner Limousine gegangen und davon gebraust, erzählt der Volunteer. „Das Geld habe ich von anderer Seite wiederbekommen, aber die Rechnung hebe ich als Andenken auf.“

Kim Hornickel

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