Was gesungen werden darf: Russlands Umgang mit provokanten Musikern

In Russland werden immer mehr Konzerte abgesagt. Offiziell heißt es, dass die Texte der Musiker provokant und drogenverherrlichend seien. Doch im Hintergrund geht es um Wertvorstellungen und darum, die Jugend wieder auf staatliche Linie zu bringen.

Musik

IC3PEAK vor der Lubjanka, dem Sitz des FSB. Das Duo provoziert gerne © youtube/IC3PEAK

Krasnodar in Südrussland am Abend des 21. November. Menschen stehen auf der Straße, zücken ihre Handys und filmen einen Mann in einem orangenen Hoody. Es ist der bekannte Rapper Husky (Dmitrij Kusnezow), der auf einem Auto steht und ein Freiluftkonzert gibt. Kurz darauf wird er von Polizisten vom Auto gezogen, später wegen geringfügigen Rowdytums zu einer Haftstrafe von zwölf Tagen verurteilt und nach ein paar Tagen wieder freigelassen.

Geplant hatte Husky das Freiluftkonzert nicht. Eigentlich sollte es in einem Klub stattfinden. Diesem wurde jedoch kurzfristig der Strom abgestellt. Wie Husky erging es in diesem Jahr auch anderen Künstlern. Russland erlebt 2018 eine Welle von Konzertabsagen. Betroffen sind davon hauptsächlich Rapper wie Husky, Allj, aber auch der ukrainische Reggae- und Rockmusiker Sachar Maj und das Witch-House-Duo IC3PEAK.

Der Jugendschutz dient als Vorwand

Das Schema der Absagen ist dabei fast immer ähnlich. Oft wendet sich die „empörte Öffentlichkeit“ in Person „besorgter Eltern“ an die Behörden mit der Bitte, die „anstößigen“ Konzerte zum Schutz der Jugend zu verhindern. Dies können Stadtverwaltung, Staatsanwaltschaft oder der Inlandsgeheimdienst FSB sein. Anschließend erhält der Klubbetreiber einen Anruf, in dem ihm nahegelegt wird, das Konzert lieber abzusagen. Tut er es nicht, folgen nicht selten Morddrohungen und Hausdurchsuchungen.

Begründet werden die Absagen von staatlicher Seite oft mit moralischen Bedenken und Jugendschutz, denn viele betroffene Künstler würden in ihren Texten den Konsum von Alkohol und Drogen bewerben oder ein Verbrecherleben glorifizieren. Es gibt aber auch andere Provokationen, die gefürchtet werden. So nennen sich IC3PEAK selbst „audiovisuelle Terroristen“.

In ihrem Lied „Es gibt keinen Tod mehr“ heißt es „Ich schütte Kerosin in meine Augen – soll alles brennen, soll alles brennen. Ganz Russland schaut mir dabei zu – soll alles brennen, soll alles brennen.“ In einer Szene des vieldiskutierten Videos sitzen die Musiker auf den Schultern zweier Polizisten der Spezialeinheit OMON vor der Ljubjanka, dem Sitz des Inlandsgeheimdientes FSB. Pure Provokation.

Musik

Die Festnahme des Rappers Husky in Krasnodar © vk.com/outcon

Anschläge als Auslöser?

Neu sind diese Inhalte nicht. Dass die russischen Behörden jedoch erst im November massiv gegen Konzerte vorgingen, hängt mutmaßlich mit dem Amoklauf eines Jugendlichen an einer Berufsschule in Kertsch auf der Halbinsel Krim und dem Anschlag eines jungen Anarchisten auf das Gebäude des FSB im nordrussischen Archangelsk zusammen. Laut der Online-Zeitung „Znak.com“, die sich auf zwei anonyme Quellen in der russischen Regierung beruft, soll als Konsequenz dieser Ereignisse eine Liste von Interpreten und Liedern erstellt worden sein, die bei oppositionell und „extremistisch“ ausgerichteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen besonders populär sind.

Handelt es sich bei den Konzertabsagen also um eine Aktion, die den Versuch darstellt, die Jugend wieder für den russischen Staat zu gewinnen? Wenn dem so ist, dann ist der Versuch nicht zentral koordiniert. So mutmaßt die „Nowaja Gaseta“, dass vielmehr lokale Machthaber in den Provinzen die treibende Kraft zu sein scheinen. Diese wollen sich profilieren, indem sie die Wünsche und Vorgaben des Machtzentrums „einholen und überholen“, auch wenn es diese Wünsche eventuell gar nicht gibt. Auch IC3PEAK glaubt nicht an eine koordinierte Aktion. Gegenüber dem britischen „Independent“ sprachen sie davon, dass die russischen Staatsmedien die aktuelle Problematik „ziemlich objektiv“ darstellen würden.

Von der Regierung kommen versöhnliche Töne

Und so sind aus Moskau produktive und versöhnliche Töne zu vernehmen. So zeigte sich Präsident Wladimir Putin beunruhigt und sprach vor Kurzem auf einer Sitzung des Rates über die Entwicklung der Zivilgesellschaft und Menschenrechte davon, dass man unbedingt die Gründe für die Reihe an Absagen herausfinden müsse.

Dmitrij Kiseljow, als Moderator des Perwyj Kanal Sprachrohr der öffentlichen Meinung im Land, stellte sich gar unerwartet auf die Seite der betroffenen Musiker. Hip-Hop sei ein Kulturphänomen und „Rapper sollten nicht dämonisiert werden. Sie sind einfach Menschen mit anderen Ansichten“, so Kiseljow. Außerdem sei Rapper Husky auch jemand, der stets seine Liebe zu Russland ausdrücke. An diese Staatstreue erinnerte zuvor bereits der umstrittene Schriftsteller Sachar Prilepin.

Majakowskij wird zum Urvater des Hip-Hop

Wie ambivalent der russische Staat mit dem Hip-Hop umgeht, zeigt auch der Versuch, ihn zu vereinnahmen. So bezeichnete Kulturminister Wladimir Medinskij den Avantgarde-Dichter Wladimir Majakowski bereits im Oktober als den Urvater des Rap. Um diese These zu belegen, war sich Kiseljow in seiner Sendung nicht zu schade, Verse Majakowskis in Hip-Hop-Manier vorzutragen.

Aktuell gibt es mehrere Ideen, einen genehmen russischen Rap zu schaffen. So schlugen Sergej Naryschkin, Vorsitzender des Auslandsgeheimdienstes GRU, und der ehemalige Kulturminister Michail Schwydkoj vor, Stipendien für Rapper auszuschreiben. Dieser Vorschlag zeuge einerseits von einem Zugehen des Staates auf die Musiker, könne aber auch als „wir konnten euch nicht erschrecken, deswegen versuchen wir euch zu kaufen“ interpretiert werden, meint die „Nowaja Gaseta“.

In der Diskussion ist auch ein Wettbewerb für den besten Rap-Song über russische Städte. Dem Sieger wird eine Rundreise durch Russland versprochen. Und Dmitrij Kiseljow kündigte an, dass er ein Rap-Festival organisieren möchte. Dieses soll vom 28.–30. August 2019 am FKK-Strand von Koktebel auf der Krim stattfinden.

Daniel Säwert

 

 

Kommentare

Kommentare

Newsletter




Wir bitten um Ihre E-Mail: