Warum es die Russen bei der Arbeit ruhig angehen

Spätes Erbe der Sowjetunion, gewöhnlicher Schlendrian oder doch einfach eine ganz andere Einstellung gegenüber dem Broterwerb? Experten zerbrechen sich die Köpfe über die ziemlich gelassene russische Arbeitsmoral.

Viele russische Arbeitnehmer sind überzeugt: Engagement zahlt sich nicht aus. /Foto: Kirill Kalinnikow/ RIA Novosti

 

Bei Überstunden nicht Nein sagen, noch ein zusätzlicher Dienst am Wochenende und die neueste Studie vom Chef aufmerksam mit dem roten Stift durchgehen: Viele Deutsche hoffen, dass sich Einsatz, Fleiß und Zielstrebigkeit auszahlen – und irgendwann die langersehnte Gehaltserhöhung winkt. Doch nicht so in Russland.

Ohne Hoffnung auf Lohnerhöhung

Für die meisten Angestellten des geographisch größten Arbeitsmarktes der Welt gibt es keine Verbindung zwischen dem eigenen Engagement und der Bezahlung. Dies brachte die Studie „Arbeit: Vergnügen oder Notwendigkeit?“ des Meinungsforschungsinstitutes WZIOM von Anfang Mai ans Licht. Demnach hielten 68 Prozent der Befragten es für nicht lohnend, mehr oder besser zu arbeiten. Die Bezahlung bleibe trotzdem dieselbe, so die Annahme der Arbeitnehmer.

Allerdings ist die Einstellung in einem Wandel – vor allem bei den Jüngeren. 63 Prozent der Studienteilnehmer der 18-24-Jährigen sahen einen Zusammenhang zwischen persönlichem Einsatz und Vergütung. Die fehlenden finanziellen Anreize scheinen die russischen Arbeitnehmer allerdings nicht besonders zu stören. So gab die überwiegende Mehrheit – 85 Prozent – an, mit der eigenen Arbeitsstelle mehr oder weniger zufrieden zu sein. 56 Prozent der Arbeitnehmer würden ihren Job sogar dann behalten, wenn keine finanzielle Notwendigkeit mehr für eine Tätigkeit bestünde.

Arbeit ist Arbeit – und nicht mehr

Die Studienergebnisse bestätigen einen Trend, den russische Soziologen bereits seit Längerem beobachten. Schon 2017 kam eine WZIOM-Studie zu ganz ähnlichen Ergebnissen. 61 Prozent der Teilnehmer widersprachen damals der Vorstellung von einem Zusammenhang zwischen persönlichem Einsatz und Lohnhöhe. Trotzdem wollten 79 Prozent der Arbeitnehmer am Job festhalten, auch wenn sie keine ökonomischen Nöte hätten.

Die Beziehung der Russen zur Arbeit sei „äußerst rational und an keine ideellen Werte gebunden“, erklärt Julia Baskakowa die Ergebnisse der Untersuchung in einem Interview mit der Wirtschaftszeitung RBK. Sogar Sprichwörter würden zeigen, dass im Bewusstsein der Russen gewissenhafte Arbeit nicht automatisch in ein Anwachsen des Einkommens münde, so die Leiterin der Prognose-Abteilung des WZIOM.

Sowjetisches Erbe und fehlende Chancen

Auf einen anderen Zusammenhang verweist Mark Scherman, Direktor der PR-Agentur B&C. Die fehlende Motivation der Angestellten korreliere auffällig mit Russlands mäßigem Abschneiden in Studien zur Arbeitsproduktivität. In Sachen Effizienz liege das Land hinter Chile und Polen, zitiert Scherman eine zwei Jahre alte Studie. „Viele Menschen leben noch im Paradigma der sowjetischen Zeit, hoffen auf den Staat und sehen keine Möglichkeiten für einen beruflichen Aufstieg“, erklärt der Experte im RBK-Artikel. Die Bürger setzten auf Stabilität und könnten sich oft nur schwer zu wirtschaftlichen Aktivitäten durchringen.

Pawel Sigal begründet das oft fehlende Engagement mit der Einstellung der älteren Generation in Staatsdienst und Militär. Diese Arbeitnehmer seien ein hierarchisch strukturiertes System gewöhnt. Die Höhe des Einkommens stehe für diese Gruppe in keiner Verbindung mit der Qualität oder Produktivität der geleisteten Arbeit.

Birger Schütz

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