Vor Moskau ist der Krieg ganz nah

Auch am 22. Juni wird in Russland an den Krieg erinnert, aber ganz anders als am 9. Mai. Es ist ein Tag der Trauer, die sich quer durch alle Familien zieht, selbst 80 Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Die Erinnerung hat dabei ganz verschiedene Formen.

Denkmal für den Sowjetischen Soldaten in Rschew (Foto: rzhev.histrf.ru)

Nicht jede Kriegserinnerung, die in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist tragisch oder heldenhaft. Ein Beispiel für diese Oral History, die mündliche Überlieferung: Sehr entfernte Verwandte von mir lebten im südrussischen Kuban-Gebiet, als die Gegend von den Deutschen besetzt wurde. Die quartierten sich im Haus der Familie ein. Exzesse blieben aus. Doch als die Deutschen abzogen, merkte man, was für Spuren diese Zeit hinterlassen hatte. Als die kleine Tochter nämlich zu sprechen begann, hörten ihre erschrockenen Eltern deutsche Wörter. Der ältere Bruder des Mädchens, dem der Unterschied zwischen „wir“ und „die“ schon bekannt war, empörte sich: „Erst hast du Zucker und Konfekt von den Deutschen angenommen, jetzt sprichst du auch noch in der Sprache des Feindes!“ Aber auch das hat man irgendwie überstanden. Ludmilla wurde später Deutschlehrerin.

Mein persönlicher Zugang zu dem Thema ist nicht so sehr von meiner Heimatstadt Moskau geprägt, sondern von der nahegelegenen Region Twer, wohin im Sommer alle Familienmitglieder übersiedeln, die nicht von der Arbeit davon abgehalten werden. Mir scheint, dass ich nach all den Jahren auf der Fernstraße M9, 400 Kilometer in Richtung Westen und ebenso viele wieder zurück, jede Kurve, jede Tankstelle und jedes Verkehrszeichen auswendig kenne. Und jedes Denkmal. Wohin man mit dem Auto auch fährt – die Kriegsmonumente sind überall. Hier ein Panzer T-34 auf einem Sockel, da die Umrisse einer Katjuscha – von den Deutschen „Stalinorgel“ genannt – zwischen den Bäumen. Weiter: ein Soldat mit Banner und ein einfacher Obelisk mit rotem Stern und den Namen der Dorfbewohner, die von der Front nicht zurückgekehrt sind. Die M9 von Moskau Richtung Riga spricht in dieser Hinsicht Bände.

Jedes Mal, wenn ich die Denkmäler, die Felder, Wälder, nebelverhangenen Täler und malerischen Heuhaufen sehe, muss ich daran denken, was sich hier vor 80 Jahren zugetragen hat. Ich bin auf einer ordentlichen Straße unterwegs, in einem bequemen Auto mit Klimaanlage, während praktisch am Straßenrand die Überreste von einer Million Soldaten beider Seiten in der Erde liegen. Ich kann mich nur über Leute wundern, die an Gedenktagen leichten Herzens mit einer „Wiederholung“ drohen.

Das Soldatendenkmal von Rschew, eingeweiht vor einem Jahr, haben wahrscheinlich alle gesehen. Es erinnert an eine der furchtbarsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs – monumental, symbolisch, erhaben. Im selben Stil, in dem die Staatsmedien das Kriegsthema behandeln. Die Schlüsselwörter bei der Berichterstattung scheinen heute „Heldentat“ und „Stolz“ zu sein.

Aber in der Region Twer geht es auch anders. Die Russische Militärhistorische Gesellschaft, immerhin eine fast schon staatliche Organisation, hat am Straßenrand Informationstafeln aufstellen lassen. Keine Kunst, einfach viereckige, gelbe Schilder mit Text. Darauf steht zum Beispiel geschrieben: „Hier kam die 29. Armee um. 14.000 Soldaten hielten die Stellung bis zum Schluss.“

Wenn es nach mir geht, dann ist die emotionale Wirkung solcher „Stolpersteine“ auf russischen Fernstraßen nicht kleiner als die eines 25-Meter-Denkmals. Allerdings erfüllen mich diese Schilder nicht mit Stolz, sondern mit Schrecken, schließlich befinde ich mich am Ort eines grausigen Verbrechens. Die Autoren dieses Projekts werden wohl kaum mit einem solchen Effekt gerechnet haben.

Andererseits muss gegen dieses nationale Trauma etwas unternommen werden. Ständig in diesem Kontext zu leben, ist einfach unmöglich, es braucht einen Weg ans Licht. Schön, dass man nach dem passenden Bild dafür nicht lange suchen muss. Auf der M9, direkt am Abzweig nach Rschew, steht eine hohe Stele. Unten lautet die Aufschrift „1941-1945“, oben liest man: „Rschew“. Und auf der Spitze des Denkmals sitzt ein großes Nest mit zwei Storcheneltern und ihrem Küken. Nichts ist stärker als das Leben und die Liebe. 

Igor Beresin

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