Nein zum Nein für Russisch

Deutschlandweit gibt es nur vier Hochschulen, an denen sich Studierende zu professionellen Russisch-Übersetzern ausbilden lassen können. Nun droht an der Universität Leipzig, der letzten Ausbildungsstätte für Russisch-Dolmetscher in Ostdeutschland, die Schließung des Fachbereichs. Doch es regt sich Widerstand: Eine Petition soll die Streichung verhindern.

Vor dem Fall der Mauer gehörte das Russische zu den Grundpfeilern des ostdeutschen Bildungssystems. Bis heute kann man an der Universität Leipzig die russische Sprache studieren. Außerdem wird das Russische neben Englisch, Französisch und Spanisch als Sprachenschwerpunkt in Dolmetscher-Studiengängen angeboten. Doch mit Letzterem soll nun offenbar Schluss sein. Zumindest kamen vom Rektorat entsprechende Signale, die benötigten Stellen zu streichen. Geltend gemacht wurden finanzielle Gründe.

Die Studierenden sind alarmiert. Olga Frolova, die sich seit viereinhalb Jahren am Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie (IALT) an der Uni zur professionellen Russisch-Dolmetscherin ausbilden lässt, hat mit Kommilitonen eine Petition zum Erhalt des russischen Sprachenschwerpunkts gestartet. Ziel sei es zu zeigen, dass sich nicht nur Studenten und Studentinnen um eine mögliche Streichung sorgen, sondern auch viele Menschen außerhalb des universitären Betriebs. Belege hierfür sammelt die Petition fleißig: Binnen zwei Wochen kamen schon über 1500 Einträge in der digitalen Unterschriftenliste zusammen.

Der Sprachenschwerpuntk Russisch in Leipzig steht auf der Kippe. © IALT

Die Erklärungen, warum der Sprachenschwerpunkt überhaupt auf der Kippe steht, seien widersprüchlich gewesen, sagt Frolova. „Zuerst wurde uns gesagt, dass die Universität kein Geld habe. Danach, dass die Universität doch Geld habe, es aber nur für exzellente Projekte ausgeben wolle.“ Das IALT sei dafür nicht „exzellent“ genug.

Das öffentliche Interesse stützt die Mitinitiatorin, wenn sie die gesellschaftliche Wichtigkeit ihres Studienganges betont: „Gute Dolmetscher und Übersetzer vermitteln zwischen Sprachen und Kulturen und helfen so, die Kommunikation auch in den schwierigen Zeiten aufrechtzuerhalten.“

Ebenjene politische Lage zwischen Deutschland und Russland ist es, die für Spekulationen rund um die eventuelle Streichung sorgt. Es wird gemunkelt, das hinge mit den Sanktionen gegen Moskau zusammen. Frolova sorgt sich jedoch hauptsächlich um die akademischen Folgen: „Dadurch entfernt sich die Universität Leipzig von ihrem guten Ruf als ein geisteswissenschaftliches Zentrum und Wiege der Leipziger Dolmetscherschule.“

Das Institut selbst verspricht größtmöglichen Einsatz für den Erhalt des Fachbereichs. Für Prof. Dr. Oliver Czulo, der eine Professur für Translationswissenschaft am IALT innehat, ist das Thema noch nicht gelaufen: „Wir als Institut sind mit den Kolleginnen und Kollegen innerhalb der Universität im Gespräch und wenden uns vorausschauend bereits an mögliche externe Geldgeber für eine wie auch immer geartete Weiterführung.“ Seit der Wende habe man bereits mehrere Sprachenschwerpunkte verloren und würde das gleiche Schicksal für den russischen Fachbereich zutiefst bedauern.

Für politisierende Erklärungsversuche hat Czulo persönlich nichts übrig, sondern macht Dynamiken im weltweiten akademischen Betrieb verantwortlich. Das Interesse konzentriere sich zunehmend auf wenige, aber weit verbreitete Sprachen, da man diese als nützlicher ansehe. Zudem habe man früher spezifische Sprachkenntnisse als unabdingbare Voraussetzung für die Aufnahme in Austauschprogramme gesehen, was heute nicht mehr der Fall sei. Czulo ist sich sicher: „Auf eine einfache Ursache, irgendjemand wolle die Sprache Russisch nicht oder es gebe gar politische Hintergründe, lässt sich die aktuelle Diskussion überhaupt nicht zurückführen.“

Patrick Volknant

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