Unheil aus dem Nichts: Amokläufe in Russland

In der Hafenstadt Kertsch auf der Krim hat der 18-jährige Wladislaw Rosljakow Mitte Oktober an seiner Berufsschule erst Mitschüler und Lehrkräfte und dann sich selbst umgebracht. Bei einer Bombenexplosion und im Kugelhagel starben 21 Menschen, über 50 wurden verletzt. Es war der bisher folgenschwerste Amoklauf, den Russland verdauen muss. Hier einige andere Fälle aus der jüngeren Vergangenheit, die ihm vorausgingen.

Trauerfeier für die Opfer der Bluttat in Kertsch am Schwarzen Meer. © RIA Novosti

Moskau, 27. April 2009

Milizmajor Denis Jewsjukow, Chef der Polizeiwache eines Stadtbezirks im Süden von Moskau, hält mitten in der Nacht ein Auto an, nennt eine Adresse und feuert bei der Ankunft vier Kugeln aus seiner Dienstwaffe auf den Fahrer ab, der noch wegzulaufen versucht, aber seinen Verletzungen erliegt. In der Nähe schießt Jewsjukow im weiteren Verlauf wahllos auf junge Leute und verletzt sieben teilweise schwer. In einem Supermarkt tötet er die Kassiererin mit einem Schuss in den Hals. Später wird er von einer Streife überwältigt. Den Beamten sagt er daraufhin: „Man muss sein Leben so leben, dass man es kein zweites Mal leben möchte.“ Am Vorabend hat er seinen Geburtstag gefeiert und sich angeblich mit seiner Frau gestritten. Der Fall zieht weite Kreise: Bereits einen Tag darauf entbindet Präsident Medwedew den Moskauer Milizchef Pronin von seinem Amt. Jewsjukow muss lebenslang hinter Gitter.

 

Moskau, 7. November 2012

Dmitrij Winogradow, 29-jähriger Jurist einer Apotheke im Norden von Moskau, erscheint bewaffnet im Büro der Finanzabteilung seiner Arbeitsstelle und schießt 18 Sekunden lang um sich. Insgesamt tötet er sechs Menschen, angeblich aus Liebeskummer. Vor dem Verbrechen hat er im Internet ein „Manifest“ veröffentlicht, in dem es unter anderem heißt, die Menschheit sei ein „Krebsgeschwür“ für den Planeten Erde. Er hasse es, Teil davon zu sein und ein sinnloses Leben zu führen. Rechtfertigen könne er das nur damit, möglichst viel „menschlichen Kompost“ zu beseitigen. Die Presse bezeichnet Winogradow als „russischen Breivik“, das Gericht verurteilt ihn zu lebenslanger Haft. In seinem letzten Wort sagte er, dass er niemanden umbringen, sondern sich selbst erschießen wollte. Man möge sich kein Beispiel an ihm nehmen.

 

Belgorod, 22. April 2013

Mit mehreren Waffen, die teilweise aus dem Safe seines Vaters stammen, teilweise aus einem Jagdgeschäft erbeutet sind, tötet der 31-jährige Sergej Pomasun im Zentrum der Provinzhauptstadt Belgorod sechs Menschen: zwei Verkäufer und einen Kunden des Jagdladens, zwei Schülerinnen eines nahen Gymnasiums und einen weiteren Passanten. Pomasun, nach fast fünf Jahren Freiheitsstrafe wegen mehrerer Autodiebstähle erst wenige Monate wieder auf freiem Fuß, flüchtet, wird am nächsten Tag nach einer großangelegten Fahndung gestellt. In die Polizeikamera sagt er, er habe „nicht auf Kinder, sondern auf die Hölle gezielt“. 2014 tritt er seine lebenslange Haft in der Sonderstrafkolonie Nr. 18 „Polare Eule“ im Nordural an.

 

Otradnoje, 3. Februar 2014

Der Zehntklässler Sergej Gordejew aus Otradnoje bei Moskau bewaffnet sich mit zwei Gewehren aus dem Panzerschrank seines Vaters und betritt so seine Mittelschule Nr. 263. Der Wachmann am Eingang drückt den Signalknopf und alarmiert so die Polizei, während der 15-Jährige sich ins zweite Stockwerk begibt, wo seine 10a gerade Geografieunterricht hat. Gordejew, der als ausgezeichneter Schüler gilt, schießt dem Lehrer durch die offene Tür in den Kopf. Von zwei Polizeibeamten, die in die Schule geeilt sind, trifft er einen tödlich und verletzt den anderen. Die 21 Schüler seiner Klasse nimmt er zunächst als Geiseln, spricht mit ihnen über den Tod, erzählt ihnen von seinem Leben und nimmt Anrufe ihrer Eltern entgegen, während draußen der Innen- und der Bildungsminister, der Moskauer Polizeichef und Bürgermeister Sobjanin am Tatort eintreffen. Später lässt sich der Junge von seinem Vater überreden, die Geiseln freizulassen und sich zu stellen. Es ist das erste Mal in Russland, dass eine Schießerei  an einer Schule Menschenleben fordert. Gordejew erklärt in einem Interview, er habe nicht vorgehabt, jemanden zu ermorden, sondern selbst sterben wollen. Er sei neugierig gewesen: „Was kommt danach?“ Warum er auf den Lehrer geschossen habe, zu dem er ein gutes Verhältnis hatte, wisse er selbst nicht. „Vielleicht, weil keiner geglaubt hat, dass ich wirklich abdrücken würde.“ Das Gericht befindet Gordejew für unzurechnungsfähig und weist ihn in eine psychiatrische Anstalt ein.

 

Jegorewsk, 8. Mai 2016

In einem Dorf bei Jegorewsk in der Moskauer Region richtet der 27-jährige Einheimische Ilja Assejew ein Blutbad an. Er hatte zusammen mit anderen im Zeltlager eines Bikerklubs übernachtet, um die Bühne für die Eröffnung der Motorradsaison sowie Autos und Motorräder zu bewachen. Am Lagerfeuer war es nach reichlichem Alkoholgenuss zu einem Streit gekommen, weil Assejew kein eigenes Motorrad besaß und deshalb Spott und sogar Prügel einstecken musste. Daraufhin fährt er mit dem Taxi nach Hause, schnappt sich sein Jagdgewehr und knallt damit kurze Zeit später fünf Biker ab, mit denen er sich zuvor in die Haare geraten war. Das Gericht verurteilt ihn zu lebenslanger Haft. Ein halbes Jahr nach dem Urteil nimmt sich Assejew in einem Moskauer Untersuchungsgefängnis das Leben.


Redkino, 4. Juni 2017

Der Moskauer Sergej Jegorow bringt in einer Datschensiedlung im Ort Redkino, Region Twer, neun Menschen um, darunter eine 92-Jährige. Er hatte mit Bekannten gezecht und damit geprahlt, er habe seinen Wehrdienst bei den Fallschirmjägern – einer in Russland vielgepriesenen Elitetruppe – abgeleistet. Doch man glaubte ihm die Geschichte nicht und lachte ihn aus. Also setzt sich Jegorow in sein Auto, holt sein Jagdgewehr vom Typ „Saiga“, kehrt zurück und rächt sich für die erlittene Kränkung. Vor Gericht zeigt er sich reumütig und bittet um Vergebung, „auch wenn ein solcher Dreckskerl und Hund wie ich keine Vergebung verdient hat“. Man könne ja den Präsidenten bitten, die Todesstrafe wieder einzuführen, „ich habe nichts dagegen“. Das Urteil: lebenslänglich.

 

Kisljar, 18. Februar 2018

Im dagestanischen Kisljar eröffnet der 22-jährige Halil Halilow das Feuer auf Besucher eines Festgottesdienstes zur Masleniza. Als die Gläubigen die orthodoxe Kirche verlassen, geraten sie ins Visier des Schützen. Fünf ältere Frauen sterben, vier weitere müssen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Halilow selbst wird von Sicherheitskräften erschossen. Zwei Tage nach der Tat kommen 5000 Menschen zu einer Trauerfeier, um Abschied von den Opfern zu nehmen.

Zusammengestellt von Tino Künzel.

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