Angst und Ablehnung: Stimmungslage in Moskau

Der Schock sitzt bei vielen Moskauern tief. Die MDZ hat Menschen in der Hauptstadt gefragt, was sie über die „Sonderoperation“ des russischen Militärs in der Ukraine denken.

Umfrage
„Schande“ und „Nein zum Krieg“ steht auf den Schildern, die ein Mann im Moskauer Zentrum als Zeichen des Protests hochhält. Viele Menschen in Russland sind gegen das Vorgehen in der Ukraine. Foto: Witalij Belousow/ RIA Novosti

Natascha (22)

Ich habe Angst, ich unterstütze das nicht. Das macht mich absolut traurig. Was die Zukunft bringt, weiß ich nicht. Ich verstehe, warum die Sanktionen kommen und für mich wird das Leben schwerer. Mein Land ist daran schuld, dass es soweit kommt. 

Alexander (28)

Umfrage
Foto: Sophia Othmer

Natürlich habe ich auf die Situation negativ reagiert, so wie jeder anständige Mensch. Ich will keinen Krieg, genau wie die Mehrheit hier. Es ist ein beiderseitiges Leid. Ich weiß nicht, was wahr ist und was nicht. Aber ich glaube, dass dieser Krieg einfach vermeidbar gewesen wäre. Ich hoffe, dass es für die Zivilbevölkerung positiv endet. Das Leben ist ein Zyklus, deswegen wird es früher oder später so kommen. Sicher bin ich mir nicht, aber jetzt wird alles schlecht. Ich hoffe, dass sich das mit der Zeit ändert. 

Die Menschen in Moskau sind sehr auf sich selbst fokussiert und machen etwas oft nur, wenn sie daraus einen Vorteil ziehen können. Natürlich ist die Entwicklung vor allem negativ, aber vielleicht führt sie ja doch zu mehr Menschlichkeit in der Bevölkerung. Wobei man das auch in Friedenszeiten erreichen könnte. Das fängt alles bei einem selbst an. 

Die Sanktionen sind natürlich schlecht, aber sie sind die offensichtlichste Antwort. Deutschland hat ja beispielsweise auch Sanktionen gegen Russland verhängt. Ich glaube, das ist normal. Die gehen ja nicht gegen mich, sondern meinen Staat, den ich nicht unterstütze. Ich habe von einer Sanktion gegen einen Fußballclub gehört, das ist einfach hervorragend. Denn ich hasse den russischen Fußball. Ich kenne keine einzige Person, die den Staat unterstützt und ich habe auch durchaus ältere Freunde, welche weniger progressiv sind. 

Olga (Name geändert) (62) 

Foto: Sophia Othmer

Wir verdienen keine Sanktionen. Die Ukraine ist doch unser Bruderland. Wir sind Bruder und Schwester, wir waren immer unteilbar. Wer braucht den Krieg? Darunter leidet nur die Zivilbevölkerung. Ich bin gegen militärische Aktionen im Donbass. 

Natürlich bedauern alle den Konflikt. Es gibt niemanden, dem die Situation gleichgültig ist. Aber Wladimir Putin wurde dazu getrieben, dazu gezwungen, so zu agieren. Die ausländischen Medien zeigen nicht die Wahrheit. Gestern hat Putin in seiner Rede gesagt, dass er viel Anstrengungen aufgebracht hat und wie sehr es ihm wehtat, all das auszudrücken.

Kein Präsident will einen Krieg während seiner Amtszeit. Es hat einfach Putin erwischt, den Armen. Aber ich bin mir sicher, dass sich das innerhalb einer Woche klärt, es kein Blutvergießen gibt und die Zivilisten nicht betroffen sein werden. Die Militärs werden sich schon einigen. Wichtig ist, dass Europa und Amerika sich da nicht einmischen. Russland und die Ukraine – zwei befreundete Länder – werden das Problem lösen, wenn sich niemand einmischt. 

Jeder wird euch sagen: Niemand will Krieg, es ist nicht Putins Schuld. Im Ausland wird unsere Sicht der Dinge nicht gezeigt. Die Menschen in Europa und vor allem in Amerika wissen nicht, was tatsächlich hier vorgeht. Auf der Welt soll es keinen Krieg geben. Eure Freunde sollen nicht in den Krieg ziehen und meine Kinder auch nicht.

Viktoria (24)

Ich habe weder Familie noch Freunde in der Ukraine. Aber ich finde, dass es einfach eine Schande ist. Uns erwartet eine ernsthafte Wirtschaftskrise. Wir haben die Sanktionen verdient, das war unausweichlich. Trotzdem bleibe ich in Russland. Denn hier ist meine Familie und die werde ich nicht zurücklassen. 

Vera (Name geändert)

Ich glaube, die Sanktionen wurden verhängt, um den Russen das Leben schwer zu machen. Bei uns gibt es einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Westen macht das, um die Situation in Russland zu verschlechtern.  Meine Tochter hat in Deutschland gelebt, ein großartiges Land. Sie hat einen Deutschen geheiratet, sie ist nun 30 und lebt in England. Sie arbeitet im Bereich internationale Angelegenheiten und unterstützt mich. Es ist sehr schade, dass Deutschland nicht versteht, dass wir in Eintracht leben sollten, dann gibt es Ruhe und Frieden.

Wir sind ein sehr reiches Land und man sollte uns gegenüber freundschaftlich sein, statt Sanktionen zu verhängen. Alles hängt vom Westen und Amerika ab. Nur verstehe ich das Ziel nicht, wozu das alles? Um sich gegenseitig und die ganze Menschheit zu vernichten? Und was ist das für eine Situation? Das ist ein absichtlich aufgeblasener Konflikt, schon seit zwei Monaten. Und seit 2014 hat man angefangen, die Ukraine gegen Russland aufzubringen. Aber was jetzt kommt, weiß ich nicht, doch wir beten regelmäßig für Ruhe und Frieden. Das brauchen wir alle. Die Zivilbevölkerung will in Ruhe leben, ihre Kinder großziehen. Niemand braucht Krieg. 

Jewgenij (40)

Das ist alles sehr beunruhigend. Ich dachte, alle normalen Menschen sind gegen den Krieg. Aber anscheinend ist es nicht so. Die militärischen Aktionen haben mich überrascht, alles andere nicht. Die Anerkennung der Unabhängigkeit (der Volksrepubliken Donezk und Lugansk, Anm. d. Red.) hat mich nicht überrascht. Wie es weitergeht, kann ich nicht sagen. Momentan ist alles sehr vage. 

Aufgeschrieben von Nicole Safra und Sophia Othmer

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