Über Kreuz: Ukrainische Kirche wird unabhängig

Nach mehreren Hundert Jahren pocht die ukrainische Orthodoxie auf Eigenständigkeit. Was hinter der Entwicklung steht und warum sie zu einem Streit über die Zukunft Tausender Gotteshäuser führt.

Wem gehören in Zukunft die Kirchen in der Ukraine? Über diese Fragen streiten Moskau und Kiew. /Foto: ru.wikimedia.org

Was wurde entschieden?

Bartholomaios I. – Patriarch von Konstantinopel und eine Art Ehrenoberhaupt aller orthodoxen Christen – hat Anfang Oktober den Anspruch Kiews auf eine eigenständige (autokephale) ukrainische Kirche anerkannt. Gleichzeitig widerrief er einen Beschluss Konstantinopels – wie Istanbul für viele orthoxe Christen heißt – aus dem Jahr 1686. Dieser hatte die Kirche auf dem Gebiet der Ukraine dem Moskauer Patriarchat unterstellt.

Moskau hat damit ab sofort nicht mehr das Recht, den Metropolit von Kiew zu bestellen. Außerdem wurde der 1997 von Moskau exkommunizierte Patriarch der ukrainisch-orthodoxen Kirche, Filaret, rehabilitiert und als künftiges Oberhaupt bestimmt. Filaret hatte sich 1992 von Moskau gelöst.

Warum kam es gerade jetzt zu der Entscheidung?

Seit dem Konflikt um die Krim drängt die ukrainische Kirche verstärkt auf Unabhängigkeit. Dabei wird sie von der politischen Führung in Kiew unterstützt, welche den Einfluss der russichen Kirche als feindlich empfindet und zurückdrängen möchte. Präsident Petro Poroschenko, der sich im März 2019 der Wiederwahl stellt, machte die Glaubensfrage zu einem seiner Hauptthemen.

Anfang 2018 reisten bereits zwei Emissäre aus Konstantinopel nach Kiew und stellten die Rechtmäßigkeit der ukrainischen Forderungen fest.

Einem Bericht der ARD zufolge bekennen sich 45 Prozent der Gläubigen in der Ukraine zur ukrainischen Orthodoxie. Der Anteil der Anhänger der russischen Orthodoxie schwindet seit Längerem und liegt bei etwa 13 Prozent.

Wie sah die Lage in der Ukraine bisher aus?

Die Situation ist verwirrend: In der Ukraine existieren gegenwärtig drei orthodoxe Kirchen nebeneinander. So gibt es einerseits die von Moskau abgespaltene ukrainisch-orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats von Filaret.

Zudem öffnet die unter dem Moskauer Patriarchat stehende ukrainisch-orthodoxe Kirche ihre Gotteshäuser für die Gläubigen. Und dann ist da noch die ukrainische, autokephahle orthodoxe Kirche, die 1917 in der kurzen Zeit der ukrainischen Unabhängigkeit gegründet wurde.

Die neue, von Moskau unabhängige ukrainische Orthodoxie soll auf Basis dieser drei Kirchen entstehen. Allerdings ist der offizielle Beschluss – der sogenannte Tomos – bisher noch nicht ausgestellt worden.

Warum erkennt Moskau den Beschluss nicht an?

Für die russisch-orthodoxe Kirche, die mächtigste und größte Nationalkirche in der orthodoxen Welt, bedeutet die Entscheidung aus Konstantinopel einen herben Rückschlag und empfindlichen Einflussverlust auf die gesellschaftliche und politische Situation im Nachbarland.

Seit Jahrhunderten rechnete sie die Ukraine zu ihrem Gebiet. Kiew gilt als Wiege der Orthodoxie und auch der russischen Staatlichkeit. Wichtige Zentren des Glaubens liegen in der Ukraine. So ist beispielsweise ein Verlust des Kiewer Höhlenklosters für Moskau schwerlich hinnehmbar.

Wie reagiert die russisch-orthodoxe Kirche auf die Entscheidung?

Sie brach die Beziehungen zum ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel ab. Russisch-orthodoxen Gläubigen ist es somit nicht mehr gestattet, in Kirchen und Klöstern, welche Konstantinopel unterstehen, Gottesdienste zu besuchen, die Kommunion zu empfangen oder zu beten. Priester, die gegen das Verbot verstoßen, können ausgeschlossen werden.

Russischen Pilgern ist es nun auch untersagt, den für orthodoxe Christen wichtigen heiligen Berg Athos in Griechenland zu besuchen. Damit verstärken sich die Spannungen zwischen den wichtigsten Kraftpolen der orthodoxen Welt. 1996 hatte Moskau die Beziehungen zu Konstantinopel schon einmal abgebrochen: im Streit um die estnische Kirche.

Welche Konflikte entstehen noch durch die Erklärung?

Moskau und Kiew streiten nun darüber, wem die rund 16.000 ukrainischen Kirchen und Gotteshäuser nach der Entstehung einer eigenständigen ukrainischen Kirche gehören sollen. Für Kiew ist die Sache klar: Filaret sprach sich in der Vergangenheit bereits mehrmals dafür aus, in diesem Fall die Gotteshäuser des Moskauer Patriarchats zu übernehmen. Dieses habe generell kein Eigentum in der Ukraine, behauptete er noch im August in einem Interview für den Fernsehsender „Prjamyj“.

Das Moskauer Patriarchat widerspricht dieser Sichtweise. Versuche einer Neuverteilung des Kircheneigentums in der Ukraine würden unweigerlich zu Gewalt und Blutvergießen führen, zitiert die Wirtschaftszeitung RBK aus Moskau führende Kirchenvertreter.

Birger Schütz

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