Tanzen in der Stadt: Moskau hat Rhythmus im Blut

In Moskau wird getanzt – aber nicht nur auf der Nikolskaja-Straße und auch nicht nur zur WM. Ob im Freien oder überdacht: Vom Stress der Großstadt retten sich viele in die Welt der Tanzabende.

Beim Tanzen geht es um Körpergefühl und Takt. /Foto: Aleskej Schukow.

Moskauer Tanzliebhaber wissen: Am Moskwa-Ufer im Gorki-Park, der nach massiven Umbauarbeiten 2011 zum Wahrzeichen der Stadt wurde, kann es zwischen Mai und September richtig heiß werden. Von Tango und Salsa über Swing und Lindy Hop bis hin zu Walzer und Volkstänzen gibt es hier offene Tanzabende für jeden, vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen.

Hier gibt es drei Tanzflächen, zwei an der Andrejew-Brücke und eine am Freiluftkino „Pionier“. Auch wer mit dem Tanzen beginnen möchte, kann hier Tanzstunden bei professionellen Tanzlehrern nehmen. Dabei sind alle Veranstaltungen kostenfrei, kommen kann man ohne Anmeldung. Die einzige Voraussetzung ist, dass das manchmal launische Wetter in Moskau mitspielt. Wenn es regnet, wird der Tanzabend verschoben. Informationen dazu erhält man aktuell über die sozialen Netzwerke.

„Auf die Tanzabende im Freien warten wir gespannt den ganzen langen Winter“, sagt die IT-Analystin Nastja Roschko. Fürs Tanzen schwärmte sie schon als Kind, mittlerweile ist sie Tanzlehrerin. Aber richtig angefangen mit dem Tanzen hat sie vor zehn Jahren, weil ihre Freundin ihr ein Abonnement für Boogie-Woogie geschenkt hat. „Sie hat immer so engagiert über ihre Tanzstunden erzählt, über die Leute da und die Tanzabende. Ich hatte sie zuvor nie so glücklich gesehen, sodass ich dann auch den ersten Schritt wagte“, erinnert sie sich. Seitdem seien Tanzen und Swing aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken.

„Paartänze sind eine Welt, die man nie verlassen will.“

Das Interesse am Tanzen im Freien hat in den letzten Jahren in der russischen Hauptstadt deutlich zugenommen. Das zeigt auch die Zahl der Parks, in denen dieses Jahr kostenfreie Tanzstunden angeboten werden: Insgesamt sind es 16, verstreut in ganz Moskau.

Für viele Einwohner der Metropole ist das ein gutes Mittel, den  Alltagsstress abzubauen. „Das Tanzen erlaubt uns, innere Grenzen zu verschieben, weil wir neue Erfahrungen über unsere Emotionen machen, noch bevor unser Gehirn seine kritisch-verteidigende Funktion einsetzt“, erklärt die Psychologin und Tanztherapeutin Swetlana Ratnikowa. „Gerade beim Tanzen sind – anders als im Fitness-Studio oder beim Schwimmen – unsere Bewegungen aufs Engste mit unserer Gefühlswelt verbunden, weil wir dabei Akteure inmitten eines schöpferischen Prozesses sind, also unsere inneren Bedürfnisse ansprechen und diese frei ausdrücken. Wir sind auf der Suche nach dem eigenem Ich im Raum und entdecken uns da neu, indem wir besondere Bewegungen probieren. In diesem Augenblick sind wir aufrichtig mit uns selbst, weil unser Körper nie lügt.“

Das Tanzen verleihe außerdem ein Gefühl von Geborgenheit, so Ratnikowa. „Wenn wir uns selbst entfalten, können wir uns auf fertigeTanzformen wie die von Flamenco oder lateinamerikanischen Tänzen verlassen. Unser Gehirn kann sich entspannen, weil es sich rational erklären kann, dass wir einem geregelten Tanz folgen, indem wir vorgegebene Bewegungen nachmachen. Was aber im diesem Augenblick auf der Ebene der Emotionen erfolgt, ist so eng mit unserem Körper verflochten, dass es in unseren Bewegungen zum Ausdruck kommt und sich auch auf diese Weise als neue Gewohnheit in unserem Charakter verankert.“ So entstehe in jeder Tanzstunde immer wieder ein neues Verhältnis zu sich selbst, zum Partner und zur Gruppe.

Auch Michail Nikitin, Nastjas Freund und wie sie IT-Spezialist und Tanzlehrer, kann beim Tanzen nicht nur sich selbst finden, sondern den als Gegengewicht zu seinem Beruf so wichtigen Kontakt zur Außenwelt herstellen: „Wenn man zu zweit zu Jazz tanzt, da verändert sich das Leben – zum Besseren hin. Denn es geht dabei nicht nur ums Tanzen. Da ist auch eine große Gemeinschaft von Gleichgesinnten, von denen man sich inspirieren lässt und mit denen man sich unterhalten kann. Wenn wir unseren Urlaub planen, berücksichtigen wir auch Tanzveranstaltungen in anderen Städten und Ländern mit. Paartänze sind eine Welt, die man nie verlassen will.“

Diese Welt bleibt für die ältere Generation offen. Das 2018 von der Moskauer Stadtregierung gestartete Projekt Dolgoletije (dt. Langlebigkeit) umfasst auch Tanzveranstaltungen für interessierte Pensionäre.

Tanzen im Park

Gorki-Park

Ul. Krymskij Wal 9

Metro Oktjabrskaja, Park Kultury

Bauman-Garten

Ul. Staraja Bassmannaja 15A, Haus 4

Metro Kurskaja, Krasnye Worota

Eremitage-Garten

Ul. Karetnyj Rjad, 3

Metro Tschechowskaja, Teatralnaja, Puschkinskaja, Tswetnoj Boulevard

Anna Scharapowa

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