Schönheitskur für die Provinz

Russlands Städte sollen schöner werden. Im ganzen Land werden seit Jahren große Summen in die Hand genommen, um Straßen und Plätze zu sanieren. Doch vielerorts sind die Menschen unzufrieden. Denn sie werden nicht gefragt und die Arbeiten oft mangelhaft ausgeführt.

Qualität ist bei der Stadtsanierung oft nur zweitrangig. © onf.ru

Russland modernisiert seine Städte. Und das in raschem Tempo. So werden seit 2015 in Moskau im Rahmen des Programms „Meine Straße“ öffentliche Orte saniert. Insgesamt 256 Milliarden Rubel (3,5 Milliarden Euro) ließ sich das Rathaus die Schönheitskur bisher kosten. Und Russlands Hauptstadt steht nicht alleine da. Nach Moskauer Vorbild rief die russische Regierung im Jahr 2017 das Programm „Wohn- und städtischer Lebensraum“ ins Leben, mit dem circa 7500 Orte landesweit aufgewertet werden sollen. Ziel sei es, dass der Stadtraum nicht nur schön, sondern auch angenehm für das Leben der Menschen sein solle, heißt es im Programm. Anders als in Moskau sollen dabei vorwiegend Höfe saniert werden, lediglich ein Drittel der Projekte betrifft Straßen und Plätze. 

Für die Städte in den Regionen scheint das Programm attraktiv, fühlen sie sich doch oft vernachlässigt. Zudem wurden die meisten Orte seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr saniert. Und der Großteil der Kosten wird aus dem föderalen Haushalt bezahlt. 

Trotz dieser guten Ausgangsposition kommt es immer wieder zu Misstönen. Ein Vorwurf lautet, dass das Programm vorschnell eingeführt wurde. So floss im Sommer 2017 Geld an Gemeinden, ohne dass es einen Plan für deren Verwendung gab. Es ging wohl nur darum, das Volk vor den Präsidentenwahlen im März 2018 milde zu stimmen, zitiert die Zeitung „Wedomosti“ einen Insider. Zudem seien kurz vor der Heizperiode die Gelder anderswo dringend nötiger gewesen, zum Beispiel für Kraftstoff, so der damalige stellvertretende Bauminister Andrej Tschibis gegenüber „Wedomosti“. 

 Und nicht nur Beamte, sondern auch die Menschen können mit dem Geschenk aus Moskau nur bedingt etwas anfangen. Eine Untersuchung der „Gesamtrussischen Volksfront“, einem Zusammenschluss mehrerer Gesellschaftsorganisationen, ergab im Jahr 2017, dass jeder fünfte Befragte unzufrieden mit der Sanierung in seinem Stadtviertel war.

 Besonders viele Beschwerden erreichten die „Gesamtrussische Volksfront“ in den Gebieten Kursk und Astrachan und in der Kaukasusrepublik Dagestan. Dort wurden in den vergangenen Jahren 6,5 Milliarden Rubel (88 Millionen Euro) in die Verschönerung von Städten wie Machatschkala oder Derbent investiert. 

Auf Nachfrage der MDZ erklärt Islam Magomedow, Mitarbeiter der „Gesamtrussischen Volksfront“ in Dagestan, die Situation in der Republik. Demnach mangele es in erster Linie an der Kommunikation der Projekte. Die Menschen vor Ort würden nicht gefragt und Informationen seien oft nur im Kleingedruckten zu finden, so Magomedow. So erfahren die Betroffenen von den Maßnahmen oft erst, wenn die Bauarbeiter in ihrem Hof stehen. Die neuen Spielplätze und Erholungszonen für die Anwohner würden zudem oft dort errichtet, wo sie nicht benötigt werden. Und dazu noch in mangelnder Qualität, erklärt Magomedow am Beispiel der Hauptstadt Machatschkala. 

Ungeachtet der Kritik wird die Stadtsanierung in der russischen Provinz fortgesetzt. Erst im Februar dieses Jahres wurde das Budget auf eine Billion Rubel (13,5 Milliarden Euro) bis 2024 angehoben. 

Ajdan Adschimuradowa

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