Polit-Satire auf YouTube: Mit WC-Reiniger für das Volk

Er säubert verdreckte Seen mit Putzmitteln und hilft überforderten Ärzten bei der Corona-Diagnose: Witali Naliwkin ist kein Problem zu groß. Doch nun wurde der Held des satirischen YouTube-Kanals „BARAKuda“ verurteilt.

Stets unter Volldampf: Satirepolitiker Witali Naliwkin in Aktion (Foto: barakuda_usk)

Drei Männer in Schutzanzügen, Atemmasken und Gummihandschuhen wuchten einen schwerkranken Patienten durch den Flur eines Wohnblocks aus Sowjettagen. Vorsichtig bugsieren sie den Mann auf einer Trage die Treppen herunter, tragen ihn behutsam zu einem Rettungswagen, der mit laufendem Motor vor dem Plattenbau wartet. „Nach dem Ergebnis unseres Expresstests haben wir Grund zur Annahme, dass der Kranke Träger des Coronavirus ist“, erklärt einer der Männer in die Kamera und will sich ans Steuer setzen.

Doch da betritt Witali Naliwkin die Szene. Energischen Schrittes geht der kleine Mann mit der in die Stirn geschobenen Brille auf die Sanitäter zu. „Du musst das noch mal überprüfen“, fordert Naliwkin in einer Stimmlage, die keinen Widerspruch zulässt. „Es kann nicht sein, dass er Corona hat“, erklärt Naliwkin, der den Zuschauern als Vorsitzender des Exekutivkomitees von Ussurijsk vorgestellt wird. „Vielleicht hat er gestern gesoffen? Und heute geht ́s ihm schlecht, weil er einen Kater hat!“ Gehorsam stellen die Sanitäter die Trage ab, untersuchen den Mann noch mal – und, oh Wunder: Es ist nur Angina! Zufrieden wendet sich Naliwkin anschließend den Journalisten zu. „Bei uns im Fernen Osten wird es kein Coronavirus geben“, erklärt er in die Kamera. „Wir kontrollieren die Situation!“

Das Video entpuppte sich als gestellt

Über den merkwürdigen Auftritt des Lokalpolitikers aus Russlands Fernem Osten lachten zu Beginn des Jahres Tausende russische User. Auf Twitter wurde der Clip hundertfach als Beweis für die Surrealität russischer Politik fernab der Hauptstadt geteilt. Was jedoch schon damals viele ahnten: Die Geschichte war nicht echt. Das Video, das in seiner Machart verblüffend den Nachrichten staatlicher Fernsehkanäle glich, war Satire. Und auch der unerschrockene Provinzpolitiker war nur ein fiktiver Charakter.

Der erste Clip mit Witali Naliwkin tauchte im Frühjahr 2019 auf dem YouTube-Kanal „BARAKuda“ auf. In den Videos löst der umtriebige Phantasieabgeordnete kurzentschlossen und auf oft absurde Weise Probleme in seiner Heimatstadt Ussurijsk. So reinigt er einen verdreckten See kurzerhand mit Domestos-WC-Reiniger, hängt gegen den Gestank einer Fabrik Lufterfrischer an Laternenpfähle oder stellt für frierende Passagiere brennende Mülltonnen an Bushaltestellen auf. „In Ussurijsk gibt es ein Problem? Witali Naliwkin löst es!“, lautet das Motto. Zusätzlich Komik erhalten die grotesken Szenen durch den nüchternen und seriösen Begleitkommentar im Stil professioneller russischer Nachrichtensprecher. 26 Clips gibt es bisher. Die Filme werden im Durchschnitt von 700 000 Zuschauern angesehen.

Reale Probleme werden als Satire verarbeitet

Initiiert hat das Projekt Andrej Klotschkow aus Ussurijsk. „Wir behandeln in unseren Clips echte Probleme, die seit Jahren ungelöst sind“, erklärt der frühere TV-Journalist seine Idee gegenüber dem Fernsehsender 360TV. „Mit unseren humoristischen Sketchen versuchen wir, auf diese aufmerksam zu machen.“ Darüber hinaus parodiert Klotschkow mit seiner Kunstfigur aber auch den oft hemdsärmeligen Stil russischer Behörden, der die Langzeitfolgen brachialer Entscheidungen nicht immer im Blick hat und lieber auf starke Symbole setzt.

Dass dies den offiziellen Würdenträgern in Ussurijsk nicht gefallen dürfte, war eigentlich zu erwarten. Und so stießen Anfang Juni Satire und Realität aufeinander, als Andrej Neterin in Ussurijsk festgenommen wurde. Der Darsteller der Naliwkin-Figur habe mit seinem jüngsten Video über einen fiktiven korrupten Politiker die Vertreter der Staatsmacht beleidigt, lautete der Vorwurf. Ein Gericht verurteilte den Naliwkin-Mimen zu fünf Tagen Haft wegen „geringfügigen Hooliganismus.“ Dieser ließ sich von dem Urteil allerdings nicht sonderlich beeindrucken. Hinter der Festnahme stehe die Klatschpresse, die nur seinen Ruf beschädigen wolle, ulkte der Pseudo-Politiker in seinem neuesten Video nach der Freilassung.

Birger Schütz

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