Anpassen statt verhindern

Trotz der jüngsten Bekenntnisse des Präsidenten zum Klimaschutz lässt Russland keine Bemühungen erkennen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern. Das Land versucht vielmehr, mit den Folgen des Klimawandels zurechtzukommen. Doch das geht vielen Experten nicht schnell genug.

Russland unternimmt wenig gegen den Klimawandel.
Russland unternimmt bislang kaum etwas, seinen CO2-Ausstoß zu verringern. (Foto: RIA Nowosti/ Anton Denisow)

Der russische Präsident Wladimir Putin sorgte Anfang November mit einer klimapolitischen Ansage für Aufmerksamkeit. Die Regierung solle bis zum Jahr 2030 dafür sorgen, dass der Ausstoß von Treibhausgasen in Russland auf 70 Prozent des Niveaus von 1990 gesenkt wird. Was zunächst nach einer Wende hin zum Kampf gegen den Klimawandel klingen mag, rief bei russischen Umweltschützern sofort Skepsis und Kritik hervor.

„Das ist ein ziemlich schwaches Ziel, da es längst erreicht wurde“, sagt Polina Karkina, Koordinatorin für Klimaprojekte bei Greenpeace Russland, gegenüber der MDZ. „Die Treibhausgasemissionen Russlands sind schon heute bei der Hälfte des Werts von 1990. Was wir hier sehen ist ‚Business as usual‘, eine beinahe völlige Tatenlosigkeit in Sachen Klimaschutz.“ Die Ankündigung sei eine herbe Enttäuschung, wenn man die jüngsten Pläne Chinas, Japans, Südkoreas, der EU und anderer Länder betrachte, die CO2-Neutralität anstrebten.

Gar eine Steigerung der Emissionen möglich

In der Tat erlaubt das verkündete Ziel gar eine Steigerung der Emissionen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden viele Industriebetriebe im Land geschlossen, was zu einem deutl­ichen Rückgang des Ausstoßes von Treibhausgasen geführt hat. Mit aktivem Klimaschutz hatte das nichts zu tun.

„Russland unterlässt die notwendigen Schritte hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft“, so Polina Karkina, „ungeachtet der jüngsten Aussagen des Präsidenten über die Dringlichkeit des Problems.“ Wladimir Putin hatte bei seiner Ansprache zum jährlichen Waldaj-Klub in Sotschi Ende Oktober in seltener Eindringlichkeit von den Bedrohungen des Klimawandels für Russland gesprochen. Das Problem erfordere „echte Maßnahmen und viel mehr Aufmerksamkeit“, so der Präsident. Er nannte all die Brennpunkte, die das Land seit geraumer Zeit auf die Probe stellen, etwa das Auftauen des Permafrostbodens mit allen Folgen für die Infrastruktur und die biologische Vielfalt sowie die drohende Freisetzung von Methan. „Wollen wir, dass sich das Klima auf der Erde den Bedingungen der Venus mit ihrer leblosen, verbrannten Oberfläche nähert?“ Ja selbst den „über­mäßigen Konsum“ stellte der Präsident in Frage.

Schlechtes Zeugnis für die Klimapolitik

Wladimir Putin als Botschafter für Klimaschutz und Nachhaltigkeit? Das passt nicht zu dem Bild, das internationale Studien von der Klimapolitik seiner Regierung zeichnen. Der Klimaschutz-Index etwa bescheinigte Russland im vergangenen Jahr eine Klimapolitik, die zu den schlechtesten der Welt gehört. In 14 Indikatoren zu Treibhausgasemissionen, erneuerbaren Energien, Energieverbrauch und Klimapolitik werden die Länder in der Studie, die jährlich beim UN-Klimagipfel vorgestellt wird, nach ihrer Gesamtleistung eingestuft.

Besonders kritisiert wurde in dem Bericht, dass es keinerlei Strategie gebe, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2050 zu senken. Zudem sei keine Absicht zu erkennen, die Subventionen für fossile Brennstoffe auslaufen zu lassen. Laut Daten des russischen Energieministeriums lag die Förderung von Rohöl und Erdgas im Jahr 2019 gar wieder auf einem Rekordhoch. Die Kohleförderung soll weiter ausgebaut werden. Die Zeitung „Wedomosti“ meldete Ende vergangenen Jahres, dass der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion Russlands bis zum Jahr 2035 auf gerade einmal vier Prozent steigen soll. Experten zweifeln selbst an diesem Wert.

Zweifel an menschlichem Einfluss

Nun ist Klimaschutz bis heute kein Thema, mit dem man in Russland die Massen mobilisieren kann. Die Regierungsanordnung des Präsidenten war daher auch kaum mehr als eine Randnotiz in rus­sischen Medien wert. Dass sie genau an dem Tag verabschiedet wurde, an dem der Austritt der USA aus dem Pariser Abkommen in Kraft trat, spricht für ein außenpolitisch motiviertes Manöver. Russland habe hier möglicherweise versucht, internationale Anerkennung zu erlangen, schrieb etwa das Magazin „VC.ru“.

Auch wenn mittlerweile nur noch etwa ein Drittel der Russen nicht daran glaubt, dass der Klimawandel vom Menschen beeinflusst ist, wie eine WZIOM-Umfrage im August zeigte, hat diese Ansicht nach wie vor ihren festen Platz im öffentlichen Diskurs. Erst im Oktober schrieb die Zeitung „Kommersant“ von „globalem Pathos“ und „populis­tischen Parolen“ im Zusammenhang mit dem „angeblich anthropogenen Ursprung der CO2-Emissionen“.

Russland ist überdurchschnittlich vom Klimawandel betroffen

Zwar sind Umweltprobleme mittlerweile ein großes Thema, doch vor allem auf lokaler Ebene, „Fridays for Future“ ist in Russland nicht viel mehr als eine Handvoll Moskauer Hipster. „Die Menschen gehen nicht auf die Straße, solange niemand vor ihren Fenstern Jahrhunderte alte Bäume fällt oder eine neue Müllhalde errichtet“, kommentierte der Moskauer Historiker Sergej Medwedew im vergangenen Jahr im Magazin „Republic“ die Situation.

Das alles heißt jedoch nicht, dass der Klimawandel nicht als Bedrohung wahrgenommen wird. Die Notwendigkeit zu handeln ist in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft durchaus bekannt und auch die Bevölkerung ist sich der Gefahren bewusst. Sie sind schließlich nicht mehr zu übersehen. Russland ist vom Temperaturanstieg zweieinhalbmal stärker betroffen als der globale Durchschnitt, wie Andrej Kiseljow vom Wojejkow-Institut für Geophysik in St. Petersburg gegenüber dem Magazin „RBK“ sagte. Das liegt an der großen Landmasse, die ausgleichende Wirkung von Ozeanen fehlt hier.

Waldbrände, Flutkatastrophen, Dürren

Die Liste der Probleme ist lang. Waldbrände, Flutkatastrophen, Dürre, Moorbrände, Hitzewellen. „Anormale Ereignisse sind zur Regel geworden“, schrieb die Zeitung „Kommersant“ zuletzt. Wie der Wetterdienst Roshydromet mitteilte, haben klimabedingte Zwischenfälle wie heftige Winde, Starkregen, Überschwemmungen und Dürren stark zugenommen. Lag die Zahl der registrierten Vorfälle vor dem Jahr 2000 noch bei 150 bis 200 pro Jahr, übersteigt der Wert seit 2007 regelmäßig 400.

In den Permafrostgebieten nimmt die Infrastruktur durch den tauenden Boden Schaden. Gebäudefundamente, Straßen und Pipelines müssen ständig repariert werden, die Umweltkatastrophe von Norilsk in diesem Jahr war nur der sichtbarste Fall.

Aktionsplan sieht Anpassung an den Klimawandel vor

Georgij Safonow, Direktor des Zentrums für Umweltökonomie und natürliche Ressourcen an der Higher School of Economics, sagte gegenüber der Zeitung „Kommersant“, dass es aufgrund der Probleme mit dem Permafrost zu etwa 5000 Ölverschmutzungen im Jahr komme. Da verwundert es nicht, wenn laut „RBK“ die verursachten Schäden mittlerweile 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vernichten.
Der Süden Russlands dagegen kämpft immer öfter mit Dürre. In den von Landwirtschaft geprägten Regionen Rostow am Don, Krasnodar und Wolgograd werde auf Dauer der Einsatz kostspieliger Bewässerungsanlagen nötig, wenn man die Landwirtschaft erhalten wolle, so Georgij Safonow.

Als Folge der Ratifizierung des Pariser Abkommens hat Russland nun im Januar dieses Jahres, noch unter Premierminister Dmitrij Medwedew, einen Aktionsplan für den Klimaschutz verabschiedet. Doch während etwa China oder die EU eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen anstreben, steht es in Russland im Vordergrund, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen.

Die guten Seiten der Klimakatastrophe

In dem 17-seitigen Dokument werden all die bekannten Gefahren aufgezählt, mit denen sich die russische Gesellschaft in den kommenden Jahren arrangieren muss, von Überschwemmungen über Waldbrände bis hin zum steigenden Risiko von Infektionskrankheiten durch den Temperaturanstieg. Als Lösungsansätze werden etwa Waldschneisen zur Eindämmung möglicher Brände, Staudämme zur Verhinderung von Flutkatas­trophen oder die Zucht dürreresistenter Saatgüter genannt.

Doch das Papier erwähnt in pragmatischer Art auch die positiven Folgen, die der Klimawandel für das Land haben könnte. Da ist die Rede von reduziertem Energieverbrauch während der Heizperiode, der Rückgang des Eises im Nordmeer, was dem Schiffsverkehr dort zugutekommt, sowie Verbesserung der Bedingungen für Ackerbau, Vieh- und Forstwirtschaft.

Experten kritisieren mangelnde Verbindlichkeit

Das Dokument hält die Regionen an, bis zum Jahr 2022 eigene Aktionspläne zu erarbeiten. Allerdings liest sich die Formulierung eher wie eine Empfehlung als eine Weisung. Das rief daher auch Kritik von Experten hervor. Georgij Safonow sagte etwa gegenüber dem „Kommersant“, in der Sprache der Beamten hieße das so viel wie „nicht notwendig“. Der Plan sei an sich ein Schritt in die richtige Richtung, doch er ließe viel zu viel Zeit, „als ob Überschwemmungen, Brände, Dürren und Hitzewellen warten könnten“, so der Wissenschaftler.

Es habe auch schon 2014 eine Klimadoktrin gegeben, nach der die Regionen sich mit dem Klimawandel beschäftigen sollten, doch herausgekommen sei überhaupt nichts, kritisierte Georgij Safonow. Die Vorstellung, dass durch die erhöhten Temperaturen plötzlich im Norden Sibiriens Getreide angebaut werden könne, bezeichnete er zudem als „unhaltbar“.

Für Klimaschützerinnen wie Polina Karkina sind diese Pläne frustrierend. „Russland sollte einen grünen Kurs einschlagen und sich das Ziel setzen, bis zum Jahr 2050 CO2-neutral zu werden“, sagt sie gegenüber der MDZ. Sie und ihre Kollegen von Greenpeace gehen davon aus, dass das nicht nur die Folgen der Klimakrise mildern würde, sondern auch eine erhebliche Modernisierung der russischen Wirtschaft zur Folge hätte. Momentan sieht es jedoch aus, als habe die Regierung andere Pläne.

Jiří Hönes

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