Krieger auf dünnen Beinchen

In der Fußball-Bundesliga spielen über 180 Ausländer. Keiner davon kommt aus Russland. Der traditionsreiche russische Fußball bringt zu wenige Ausnahmetalente hervor. So viel ist klar: Die Kinder müssen von klein auf einiges aushalten.

Das mit dem Schnürsenkelbinden üben wir dann noch mal. (Foto: Tino Künzel)

In den russischen Kinos ist gerade ein Film über Lew Jaschin angelaufen. Er setzt dem wohl besten Torhüter der Fußballgeschichte ein Denkmal. Jaschin wäre in diesem Herbst 90 Jahre alt geworden, starb aber bereits 1990. Nach ihm haben russische Fußballer nur noch sehr sporadisch international auf sich aufmerksam gemacht. Der Letzte, wenn nicht der Einzige, der es zu einer nennenswerten Berühmtheit im Ausland brachte, war Andrej Arschawin. Mit ihm wurde Russland bei der EM 2008 nach einem 3:1-Viertelfinalsieg gegen Turnier-Mitfavorit Holland sensationell Dritter. Danach spielte der Mittelfeldwirbler aus St. Petersburg sogar einige Jahre für Arsenal London (unvergessen seine vier Tore beim 4:4 in Liverpool am 21. April 2009), bis er seine Laufbahn in Kasachstan ausklingen ließ.

Neue Namen, die das Vakuum füllen könnten, sind rar gesät. Bei der Heim-WM 2018 begeisterte die „Sbornaja“ zwar die Nation, indem sie im Achtelfinale Spanien ausschaltete und erst am späteren Finalisten Kroatien scheiterte, überzeugte dabei jedoch eher durch Teamwork als durch individuelle Klasse, mal von Sturmtank Artjom Dsjuba abgesehen. Doch der ist bereits 31.

Der große Arsène Wenger wundert sich

Mittelfeld-Ass Alexander Golowin, 23, wechselte nach der WM zum französischen Erstligisten AS Monaco. In die Nationalmannschaft gedribbelt hat sich mittler­weile Edel-Techniker Alexej Mirantschuk, 24, von Lokomotive Moskau. Das war’s dann auch mit Spielern, an denen in den europäischen Top-Ligen eine Nachfrage besteht. Russland qualifizierte sich ohne größere Probleme für die EM 2020, bekam in seiner Gruppe aber von Belgien die Grenzen aufgezeigt (1:3, 1:4).

In der Champions League und Europa League sind alle russischen Klubs bereits ausgeschieden. Die vier in der Gruppenphase der beiden Wettbewerbe vertretenen Klubs (Zenit St. Petersburg, Lok Moskau, FC Krasnodar, ZSKA Moskau) können sich im Frühjahr, wie es so schön heißt, ganz auf die nationale Meisterschaft konzentrieren. Das gab es seit 18 Jahren nicht mehr. Russland wurde im UEFA-Ranking von Portugal überholt. Ein Grund dafür: In Portugal wie auch in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder England ist man viel besser darin, Nachwuchs praktisch am laufenden Band zu produzieren. In Russland kommen zumindest in der Spitze vergleichsweise wenig Talente an. Arsène Wenger, Arschawins früherer Trainer bei Arsenal, sagte neulich in einem Interview, zum russischen Fußball falle ihm vor allem eines ein: „Warum gibt es so wenige talentierte Spieler?“ Offenbar seien einige „systematische Probleme“ bisher ungelöst.

„Wir kennen nur Sieg oder Niederlage“

Die MDZ hat mit russischen Nachwuchstrainern gesprochen, welche Systemprobleme sie selbst sehen, und immer wieder vom Ergebnisdruck gehört, der bereits auf dem Kinderfußball laste. „Das Einkommen eines hauptamtlichen Trainers ist stark leistungsbezogen und hängt davon ab, ob er mit seiner Mannschaft vordere Plätze belegt“, sagt Nikolaj Slawgorodskij aus dem nordrussischen Syktywkar, seit 30 Jahren im Beruf. Statt individuelle Qualitäten zu fördern und die Kinder zu spielerischen Lösungen zu ermutigen, die aber auch viel Risiko bergen, werde deshalb oft auf Athletik und Sicherheitsdenken gesetzt.

Von russischen Nachwuchsfußballern wird schon im Kindesalter viel erwartet. (Foto: Tino Künzel)

Sobald der Anpfiff des Schiedsrichters ertönt, sieht das Bild häufig so aus: Der Trainer speit Feuer und auf der Tribüne sitzen übermotivierte Eltern. Jeder Auftritt der kleinen Jungs auf dem Feld ist potenziell ein emotionales Endspiel. Der Erfolg wird primär in Medaillen und Pokalen gemessen. Ex-Nationaltrainer Leonid Sluzkij hat dafür noch eine andere Erklärung als die besagten wirtschaftlichen Zwänge parat. Der im In- und Ausland gefragte Interviewpartner, nach mehreren Meistertiteln mit ZSKA Moskau zuletzt in England und Holland tätig, brachte im holländischen Fernsehen neulich die russische Mentalität ins Spiel: „In unserer Geschichte gab es viele Kriege. Das liegt uns im Blut. Für Russen ist das Leben Krieg, ist der Sport Krieg. Wir kennen nur Sieg oder Niederlage. Nicht, dass wir das Spiel nicht lieben würden. Aber zuerst kommt das Resultat.“ Das ist dann oft genug durchwachsen.

Tino Künzel

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