
Julia, wie kam es zu der Idee für diese Serie?
Ich habe Grigori Sergejew, den Vorsitzenden des Rettungsteams „LizaAlert“, kennengelernt, als ich noch bei der Sendung „Warte auf mich“ (Fernsehsendung, Talkshow und gleichzeitig öffentlicher Suchdienst für vermisste Personen, seit 14. März 1998 im russischen Fernsehen ausgestrahlt – Anm. d. Red.). Damals war ich Projektleiterin und Chefredakteurin. Grigori war sogar eine Zeit lang Co-Moderator unserer Sendung. Aber in „Warte auf mich“ ging es doch hauptsächlich um Menschen, die ihre familiären Bindungen verloren hatten. Außerdem begann sie sich mit der Zeit von einem großen sozialen Projekt zu einer einfachen Fernsehshow zu entwickeln. Da begannen wir darüber nachzudenken, dass wir etwas Eigenes machen mussten, nämlich über die Gruppe und die Suche nach vermissten Personen – und das haben wir dann auch zusammen mit unserem großartigen Regisseur Timofej Charkewitsch umgesetzt. Das war übrigens genau vor fünf Jahren: Die erste Folge erschien am 31. August 2020.
Was ist das Schwierigste am Drehen?
Bei diesem Projekt ist alles schwierig (sie lacht). Im Ernst, es ist eine Art Produzentenhölle: Man kann hier nichts planen, denn wir wissen nie, wo und wann eine Person verschwindet und wie die Geschichte, die wir drehen wollen, ausgeht. Bei uns ist es vorgekommen, dass wir nach 15 Stunden Dreharbeiten bei der Suche festgestellt haben, dass wir diese Folge nicht ausstrahlen können. Oder dass das Kamerateam zum Ort der Suche fuhr und nach drei Stunden Fahrt sofort wieder zurückkehrte, weil die Person schnell gefunden wurde oder von selbst zurückkam.
In unserem Projekt wird das Drehbuch nicht im Voraus geschrieben. Es entsteht während der Sichtung des bereits gedrehten Videos. Das ist auch nicht immer einfach. Zum Beispiel sind viele Dinge für den Zuschauer einfach nicht verständlich. Unsere Kameraleute halten das Geschehen fest, sie dürfen die Suche nicht behindern. Dabei gibt es eine sorgfältig ausgearbeitete Suchmethode und strenge Regeln, die den Mitgliedern der Gruppe bekannt sind und nicht immer ausgesprochen werden. Dementsprechend werden viele wichtige Dinge, die das Geschehen erklären, einfach nicht gefilmt. Und wir verwenden keinen Off-Text – das ist ein ganz anderes Format.
Wie bereiten Sie sich auf die Dreharbeiten vor?
Es wird ein großes Kamerateam zusammengestellt, ein Chat eingerichtet und der Beginn der Dreharbeiten angekündigt. Das ist eigentlich schon die gesamte Vorbereitung. Danach beobachten wir einfach, was so läuft. Unsere Aufgabe ist es, zu erraten, welche Suche „unsere“ ist und zu versuchen, sie rechtzeitig zu erwischen.

Gibt es für Sie eine besonders einprägsame Geschichte oder Serie?
Nun, natürlich die allererste, „Jura, b … bleib stehen“, die vor fünf Jahren herauskam und bis heute immer noch aufgerufen wird. Und vielleicht ist es die erste Folge der neuen, bereits fünften Staffel, in der wir die Suche nach einem sechsjährigen Jungen filmten, der im Wald in der Region Perm verschwunden war. Das Kind verbrachte drei Tage im Wald. Emotional war das besonders bewegend, auch weil sich alles am Tag nach unserer ersten Aufführung des Stücks „8 Gründe, nach vermissten Kindern zu suchen“ ereignete. An dieser Suche nahmen die Darsteller des Stücks teil, und wir alle waren emotional sehr mitgenommen. Ich finde, die Folge ist hervorragend geworden.
„Es ist ein Beruf“
Sie haben ein Theaterstück über vermisste Kinder inszeniert, das im Mai in Moskau erfolgreich aufgeführt wurde. Was war Ihnen dabei besonders wichtig?
Als Drehbuchautorin wollte ich unbedingt zeigen, was in den „Unruhigen Nächten“ mit der vielen Action und Bewegung nicht immer gelingt. Im Gegensatz zur Serie handelt dieses Stück davon, was die Mitglieder der Gruppe fühlen.
Nun, zum Beispiel Mädchen, die im Wald nach einem vermissten kleinen Kind suchen und „Töchterchen“ rufen. So gehört es sich – mit Frauenstimmen, um das Kind nicht zu erschrecken. Ich glaube, das ist uns in diesem Stück gelungen.
Wie kann man die Balance zwischen Empathie für das Geschehen und der Rolle als Regisseur oder Produzent des gesamten Prozesses mit kühlem Kopf bewahren?
Im Grunde genommen ist es einfach ein Beruf. Aber ich glaube übrigens nicht, dass man während des gesamten Prozesses einen kühlen Kopf bewahren muss.
Wollten Sie jemals die Kamera weglegen und sich der Suchmannschaft anschließen?
Niemand sollte jemals die Kamera weglegen. Aber ich habe gar keine. Natürlich wollten wir uns anschließen, und das haben wir auch getan. Tatsächlich sind wir schon seit langem einfach Mitglieder der Mannschaft.
Das Interview führte Jewgenia Safronowa.
„LizaAlert“: 14 Jahre Suche
Seit 14 Jahren hat das freiwillige Rettungsteam „LizaAlert“ an der Suche und Rettung von mehr als 273 000 Menschen teilgenommen. Davon wurden mehr als 235 000 lebend gefunden. Insgesamt wurden in dieser Zeit mehr als 318 000 Anfragen entgegengenommen und bearbeitet. Und die Arbeit wird nicht weniger. Allein in der ersten Septemberwoche 2025 gingen bei der Hotline der Organisation 872 Anfragen zu Vermissten in der Natur ein. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Pilzsammler, die sich im Wald verirrt haben. Auch ältere Menschen, die an Alzheimer und Demenz leiden, verschwinden ständig.
In Zusammenarbeit mit den Geschäften „Pjaterotschka“ und „Vkusvill“ hat das Team von „LizaAlert“ sogenannte Sicherheitsinseln eingerichtet, an denen geschulte Mitarbeiter den Vermissten Erste Hilfe leisten. Dem Verschwinden von Kindern wird immer große Bedeutung beigemessen, zumal die Geschichte der Gruppe vor 14 Jahren mit der Suche nach dem Mädchen Liza in Orechowo-Sujewo begann. Jedes Jahr werden laut Angaben des Innenministeriums zwischen 33 000 und 43 000 Minderjährige vermisst. Am 25. Mai, dem Internationalen Tag der vermissten Kinder, organisiert das Team unter der Leitung von Grigori Sergejew Veranstaltungen, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen. In ganz Russland finden Aktionen, Theateraufführungen und Installationen statt.
„LizaAlert“ ist ein Team von mehr als 40 000 Menschen. Es handelt sich um Freiwillige in 64 Regionen Russlands. Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen übernehmen in der Gruppe Aufgaben als Koordinatoren, Kartografen, Funker, Reiter, Hundeführer, Meldebeamte und vieles mehr. Neben der Teilnahme an Suchaktionen in Städten und Wäldern helfen die Freiwilligen auch aus der Ferne, beispielsweise als Hotline-Mitarbeiter. Die Freiwilligen rufen Krankenhäuser an, drucken Suchanzeigen für Vermisste aus, teilen Beiträge in sozialen Netzwerken und sehen sich Drohnenaufnahmen an.


