Raketen und trojanische Pferde

Hyperschallwaffen statt Desinformationskampagnen: Der russische Chefstratege des hybriden Krieges hat die Rückkehr zur konventionellen Kriegsführung verkündet. Grundlage des Konzepts ist eine Militärstrategie aus alten Sowjetzeiten.

Generalstabschef und Stratege Waleri Gerassimow sieht die USA als die größte Bedrohung Russlands. /Foto: kazanreporter.ru

Im Januar 2013 hielt Waleri Gerassimow eine Rede, die im Westen zunächst nur von wenigen Spezialisten zur Kenntnis genommen wurde. Kriegsziele seien in Zukunft nicht mehr allein mit konventioneller Feuerkraft zu erreichen, erklärte der damals erst seit drei Monaten amtierende Generalstabschef der Armee seinen Zuhörern in der Russischen Akademie für Militärwissenschaften. Zum Sieg führten künftig das gezielte Streuen von Desinformationen und eine Kombination politischer, ökonomischer und anderer nichtmilitärischer Maßnahmen. Kurzgefasst, Russland solle auf Guerillataktiken setzen und eine offene militärische Konfrontation nach Möglichkeit vermeiden.

Hybrider Krieg und deutsche Journalisten

Erst über ein Jahr später erregte der frei im Internet verfügbare Text die Aufmerksamkeit deutscher Journalisten. Denn nach der Krimkrise 2014 und dem anschließenden Krieg im Donbass galten die Ausführungen Gerassimows als Blaupause für das russische Vorgehen. Die Medien verpassten der Strategie den Stempel „Hybrider Krieg“. Gerassimow sprach dagegen von „nichtlinearer Kriegsführung“.
Im März hat sich der Generalstabs­chef nun erneut mit einem Vortrag zu Wort gemeldet, in dem er einen grundlegenden Kurswechsel der russischen Militärstrategie vollzieht. Fachleute sprechen bereits von einer „Gerassimow-Doktrin 2.0“.

Als hauptsächliche Bedrohung für Russlands Sicherheit macht Gerassimow die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten aus. „Ihr Ziel ist die Liquidierung missliebiger Staaten, die Untergrabung der Souveränität und das Auswechseln rechtmäßig gewählter Regierungen“, befindet der General in dem Vortrag, den die Armeezeitung „Krasnaja Swesda“ abdruckte. Bei der Wahl ihrer Mittel setzten die USA unter anderem auf sogenannte Farbrevolutionen und versuchten, auch russische Oppositionelle wie ein Trojanisches Pferd für die eigenen Ziele einzuspannen. Gleichzeitig bereite Washington Schläge mit Präzisionswaffen vor. Doch die Armee sei gewappnet. „Die russische Föderation ist bereit, jeder dieser Strategien entgegenzutreten.“

Gerassimow 2.0: Rückkehr zur aktiven Verteidigung

Dabei setze der Generalstab auf die Strategie der aktiven Verteidigung. Das Konzept mit Wurzeln in der Sowjetzeit bekämpft einen Gegner mit einer Kombination konventioneller und atomarer Waffen. Eine wichtige Rolle spielen hierbei Neuentwicklungen wie die Hyperschall-Rakete „Avangard“ oder die Interkontinental-Rakete „Burewestnik“. Diese sollen Abschussrampen oder Kommandozentren auf gegnerischem Territorium zerstören. Außerdem plant die Armee den Einsatz von Robotern und Drohnen und eine Ausweitung der elektronischen Kampfführung. Vorgesehen ist zudem die Gründung einer mobilen Eingreiftruppe, die mit begrenzten Aktionen nationale Interessen im Ausland durchsetzen soll.

Das Konzept markiere eine Wende, sind sich mehrere Kommentatoren einig. „Offensichtlich ist die vergleichsweise maßvolle Gerassimow-Doktrin mit ihrer Betonung hybrider Aktionen nicht mehr von Nutzen“, schreibt beispielsweise Pawel Felgenhauer in der „Nowaja Gazeta“. Zwar blieben die Maßnahmen auch weiterhin im Arsenal. Kern der Strategie sei aber die Vorbereitung auf einen großen, durch reguläre Streitkräfte geführten, Krieg. Dem stimmt Sergej Nemiritch zu. Russland setze nicht mehr nur auf die Demonstration militärischer Macht sondern auch auf deren Anwendung, schreibt er im ukrainischen „Serkalo Nedeli“.

Birger Schütz

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