Putins Renter-Sturmtruppe

Sie verdammen die USA und die Opposition, fordern Freiheit für Britney Spears. Aber vor allem unterstützen sie ihren Präsidenten. Mit ihren Videos gehen die Rentnerinnen der Putin-Brigaden viral. Aber sie können auch richtig zupacken.

Die Putin-Brigaden geben alles für ihren Präsidenten. (Foto: Screenshot YouTube/Отряды Путина Soc sprav)

„Was hast du mit deiner Geistesschwäche angerichtet? Du hast nicht nur Putin beleidigt, du hast ganz Russland beleidigt.“ Mitte März machte in Russland ein Video die Runde, in der aufgebrachte Rentner, fast alles Frauen, US-Präsident Joe Biden attackieren. Vor allem Ludmila Iwanowna, die alle wegen ihrer Haare nur „die Rote“ nennen, zieht über das amerikanische Staatsoberhaupt, das kurz zuvor Wladimir Putin als Mörder bezeichnet hatte, her. Biden habe in Putin nicht den Menschen erkannt, dabei sei er ein Mann, der die ganze Welt befriedet und vereint. Einen Blödsinn habe er der Welt erzählt. Biden solle sich deshalb bei Putin und der Welt entschuldigen, fordert Ludmila Iwanowna, bevor die Truppe im Chor ein einstudiertes „Schande über dich, Biden!“ ruft. Veröffentlicht hatten das Video die Putin-Brigaden, eine dem Präsidenten treu ergebene Rentnertruppe aus der südrussischen Millionenstadt Krasnodar. Mit ihren Clips sorgen die Brigaden regelmäßig für Kopfschütteln und Lachen.

Ganz viel Liebe für Wladimir Putin

„Unsere Grundidee ist seit 2012, das Internet mit viralen Videos der ‚Putin-Brigaden‘ zu füllen. Und wir sind erfolgreich. Langweiligen und grauen Content schaut niemand. Wir kennen die Spielregeln im Internet. Je größer die Resonanz und Empörung sind, umso mehr drücken wir auf das kranke Hühnerauge. Das Wichtigste ist, dass wir ganz gut wissen, was gebraucht wird. Im Internet gibt es nicht viele Putin-Fans. Eher umgekehrt“, erklärte der Initiator und Sponsor Marat Dinajew in einem Interview mit dem Online-Medium „Kawkas.Realii“ (das Medium gilt in Russland als ausländischer Agent).

Dinajew, ein Geschäftsmann und verhinderter Politiker, gründete die Brigaden über seine Wohltätigkeitsorganisation „Soziale Gerechtigkeit“ als eine Art Rentnertreff. Die Kinder seien aus dem Haus, der Mann verstorben. Zuhause rumzusitzen, sei ihr zu langweilig geworden. Eine Bekannte habe sie zufällig eingeladen und sie habe gefragt, ob sie mitmachen könne. Sie konnte, erklärt Irina Grebnjewa ihre Teilnahme an den Brigaden. 78 Rentnerinnen und zwei Rentner sollen heute Teil der Gruppe sein. Dazu kommt eine Art Jugendorganisation mit 412 Mitgliedern. 

Von Anfang an auf der Straße aktiv

Schnell war klar, die Putin-Brigaden sind keine einfache Kaffeerunde alleinstehender alter Menschen. Schon im Gründungsjahr wurden sie auf die Straßen Krasnodars geschickt, um für ihren Mäzen Dinajew Stimmung zu machen. 

Über allem steht aber Russlands Präsident Wladimir Putin und dessen Schutz. Schließlich sei es Putins Verdienst, dass es keinen Krieg mit dem Westen gibt. Und überhaupt gäbe es Russland ohne Putin nicht, meinen die rüstigen Rentnerinnen. Die Liebe zu ihrem Staatsoberhaupt zeigen die Brigaden immer wieder in ihren Videos. In einem Clip etwa himmeln sie, untermalt von schnulziger Pop-Musik, Plakate mit Putins Konterfei an und drehen sich gedankenverloren im Hof eines Plattenbaus in einem T-Shirt mit dem Aufdruck „Nur Putin“. Ein anderes Video zeigt die Frauen, wie sie Gedichte über Putin vortragen. Die Aufnahmen würden fast immer beim ersten Mal gelingen, schließlich kommen sie „von Herzen“, ist Brigadistin Ludmila Barilko überzeugt. 

Bei ihrem ersten Moskaubesuch 2013 wollten die Brigaden Putin persönlich ihre Liebe zeigen. So marschierten sie auf den Kreml zu und baten den Hausherren, niemals seinen Posten zu räumen. Fraglich, ob Putin seine Verehrerinnen damals gehört hat. Ihrem Wunsch ist er aber bis heute nachgekommen.

Die Opposition und der Westen sind der Feind

Der Grund für die Reise in die Hauptstadt war indes ein anderer. Es standen Wahlen an, die darüber entschieden, wer in den kommenden Jahren Moskau regieren wird. Und das durfte auf keinen Fall der mittlerweile in Haft sitzende Alexej Nawalny sein. Dafür gingen die Brigaden auf die Straße. Und fanden in Nawalny einen Feind, dem sie über viele Jahre nachsetzten. 

Eine besondere Überraschung erlebte der aktuell als extremistisch eingestufte Wahlkampfstab Nawalnys im Jahr 2017. Wie schon so oft bekamen sie ungebetenen Besuch. Doch es waren nicht Kosaken oder irgendwelche Schlägertypen in Trainingsanzügen, die den Politikern Angst einjagen wollten, sondern die leicht verrückten Omas der Putin-Brigaden. Der Vorfall machte damals auch international Schlagzeilen und brachte den Bayerischen Rundfunk dazu, von einer „Rentner-Sturmtruppe“ zu sprechen. Immer wieder schauten die Brigaden in der Folgezeit im Wahlkampfbüro vorbei.

20 oder 30 solcher „Überfälle“ habe es insgesamt gegeben, sagte der frühere Stabsleiter Miroslaw Walkowitsch in einem „Snob“-Interview. „Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Büro und auf einmal tauchen 40 bis 50 Omas auf und machen Lärm. Nach fünf Minuten ist alles wieder vorbei. Manchmal brachten sie Agitationsmaterial mit oder haben die Kekse der Freiwilligen aufgegessen“, erinnert sich Walkowitsch an die Begegnungen. 

Auch das Internet ist böse

Der größere Feind aber sitzt nicht aktuell in einem Gefängnis, sondern im Westen. „Der Damm ist vom Westen her gebrochen, all der Dreck, die Teufelswesen, das ganze Barbarentum, dieser ganze Sex, die Sauferei, all das ist nach Russland geflossen. Und vor allem der Hass gegen das russische Volk. Jetzt wurde der Damm um Russland auf dem Fundament unserer großartigen Armee wiederaufgebaut. Der Dreck aber ist drinnen geblieben und wir müssen dagegen ankämpfen. Vor allem, damit es keine Amoralität in Russland gibt“, schnaubt Barilko, wenn sie an die Zustände in ihrem Heimatland denkt.

Dieses Böse, gegen das die Putin-Brigaden kämpfen wollen, kommt vor allem aus dem Internet. Im März veröffentlichten sie auf YouTube ein Video, in dem sie die sofortige Schließung der populären App Clubhouse forderten. Denn die Inhalte in dem sozialen Netzwerk würden die russische Jugend verderben. Kurz darauf schwenkten die Damen um und forderten Elon Musk auf, die Brigaden zu den Clubhouse-Administratoren in Russland zu machen. Das auch die US-Präsidenten seit Jahren ihr Fett abbekommen, versteht sich fast schon von selbst.

Recherchen von „Snob“ zeigen, dass die Rentnerinnen wohl nicht immer von alleine das passende Aufreger-Thema finden. So hat Fatima Dinajewa, Tochter des Brigaden-Gründers, die Damen dazu gebracht, sich zur Beschneidung von Frauen zu äußern. Auch der Einsatz für Britney Spears, inklusive eines mit Kampffaust hervorgebrachten „Free Britney“, hat für einige Verwirrung gesorgt.

Sowjetische Altlast oder Kunstprojekt?

Als eine Sturmtruppe für ihn und Putin möchte Dinajew die Brigaden nicht sehen. Der Geschäftsmann behauptet weiterhin, dass es sich einfach um einen Interessensklub handelt, wie es sie in der Sowjetunion gab. Das sieht auch Andrej Reschetow so. Der Politikanalyst und Blogger ist überzeugt, dass sich die Frauen den Brigaden anschließen, um wieder gebraucht zu werden und ein Kollektiv zu erleben. So oder so sei die Gruppierung aber ein Relikt vergangener Zeiten. 

Grigorij Kiseljow, Leiter des Zentrums für politische Forschungen und Technologien, erkennt in den Aktionen der Brigaden Züge einer elitären Kunst. Das Ganze sei wie ein endloses Happening, das befreit vom Inhalt nur noch von seiner Form lebe. Auch Mäzen-Tochter Fatima gefällt die Vorstellung der Putin-Brigaden als Kunst. Das Ganze sei mit den Aktionen des Skandal-Künstlers Pawel Pawlenskij vergleichbar, verriet sie „Snob“. 

Trotz vieler Lacher und der Beliebtheit im Internet haben die Brigaden ein großes Ziel noch nicht erreicht. Wladimir Putin haben die Rentnerinnen nicht getroffen. Und das, obwohl Dinajewa sicher war, dass der Präsident auf sie aufmerksam werden würde. Wahrscheinlich widme Putin der Jugend einfach mehr Aufmerksamkeit. Auf eins zu zehn schätzt sie die Chancen, dass die Brigadistinnen ihr Vorbild doch noch treffen werden. Zwei Aktivistinnen sind in der Zwischenzeit bereits gestorben. 

Derweil machen die anderen unbekümmert weiter. Eine Woche vor der Duma-Wahl veröffentlichten die Putin-Brigaden einen neuen Clip. Darin äußern sie die Sorge, amerikanische Hacker könnten die Abstimmung manipulieren. „Das lassen wir aber nicht zu.“ Deswegen sollen alle zur Wahl gehen, um die Demokratie zu verteidigen. Am Ende gibt es noch eine beleidigende Geste gegen Biden. Vielleicht wird Putin ja dieses Mal auf die Damen aus Krasnodar aufmerksam. Und sollte sich das noch weiter hinziehen und tatsächlich jemand anderes in Russland regieren, werde man sich vielleicht in Schoigu-Brigaden umbenennen, meint Ludmila Iwanowna.

Daniel Säwert

Kommentare

Kommentare

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail:

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.