Protestwochen in Russland

Eine Kirchenbau, eine Mülldeponie, ein verhafteter Journalist. Es sind ganz unterschiedliche Anlässe, die in letzter Zeit in Russland zum Sinnbild des Volkszorns geworden sind. Der Eindruck verfestigt sich: Es braucht nicht viel, damit die Stimmung kippt.

Protestwochen? Man kann das für übertrieben halten. Aber nur, wenn man nicht in Sozialnetzwerken mit Menschen aus Archangelsk oder Syktywkar und den dazugehörigen nordrussischen Regionen befreundet ist und stündlich im Newsfeed nachlesen kann, welche Empörung dort herrscht. Eine geplante Mülldeponie für Abfälle aus Moskau an der Bahnstation Schijes hat zu einem regelrechten Volksaufstand geführt. Die Tonlage: Bis hierhin und nicht weiter! „Bitte helfen Sie, dass unsere Stimme auch im Ausland gehört wird“, schreibt mir eine Mutter aus Kotlas in der Region Archangelsk.

Großdemo in der nordrussischen Provinzhauptstadt Sytktywkar gegen die geplante Mülldeponie im 100 Kilometer entfernten Schijes am 2. Juni. © twitter pnparh

Das Maß an Entfremdung zwischen den Einwohnern und der Politik vor Ort ist frappierend. War nicht nach außen hin noch gestern alles in bester Ordnung? Heute gehen die Menschen wie selbstverständlich auf die Straße und fordern auf Demos den Rücktritt der Gouverneure, die noch vor Kurzem scheinbar sicher im Sattel saßen.

Die Zivilgesellschaft in Russland wird oft als schwach eingeschätzt. Doch sie meldet sich immer öfter zu Wort. Als in Jekaterinburg eine Kirche in einem beliebten Stück Grün errichtet werden sollte, kam es sogar zu Zusammenstößen. Und es schaltete sich Präsident Putin ein, was zeigt, wie aufmerksam im Kreml die Stimmung im Lande verfolgt wird. Politisch droht ihm kaum Ungemach, doch wenn sich die ganze unterschwellige Unzufriedenheit einmal in sozialen Unruhen entlädt, dann sind die Folgen unabsehbar. Deshalb machen die russischen Wutbürger gerade die erstaunliche Erfahrung, dass sie ja doch gehört werden, sobald ihr Protest eine kritische Masse erreicht, und mehr Macht haben als erwartet.

Neulich zeigte sich das auch beim Fall des Journalisten Iwan Golunow von der Internetzeitung „Meduza“. Bei ihm sei Rauschgift gefunden worden, behauptete die Polizei, doch die „Beweise“ rückten nicht Golunow, sondern die Behörden in ein ganz schlechtes Licht. Offenbar hatte man ihm die Drogen untergeschoben – eine weit verbreitete Praxis. Als sich die Nachricht verbreitete, demonstrierten zunächst Einzelne vor dem Sitz der Moskauer Polizei. Sie wurden abgeräumt. Doch dann wurden es immer mehr. Und zwei Tage später war Golunow frei. Die Straße hatte gewonnen.

Tino Künzel

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