Promis, Parteien, Politik

In Deutschland eher ungewöhnlich, in Russland gang und gäbe: Schriftsteller, Musiker und andere Celebrities bauen sich oft ein zweites Standbein in der Politik auf. Die MDZ stellt drei Bekanntheiten vor, die mit ihren politischen Vorhaben aktuell für Aufsehen sorgen.

(Foto: tdnu.ru)

Sergej Schnurow

Er werde die Politik durchrütteln, seine Gegner ordentlich an den Mandeln packen und überhaupt: Was sei eine Wahl schon ohne eine richtige Prügelei? In seinem neuen Musikclip nimmt Sergej Schnurow den Mund ganz schön voll. Fast wirkt es, als wolle der 46-jährige Rocker beweisen, dass er noch ganz der alte, unangepasste Rabauke ist, der sich von niemand den Mund verbieten lässt. Zweifel an diesem sorgsam gepflegten Image hatte zuvor ein überraschender Schritt des Musikers aufkommen lassen. Ende Februar war der langjährige Frontmann der Ska-Band „Leningrad“ in die weitgehend unbekannte „Partei des Wachstums“ eingetreten und hatte damit für wilde Spekulationen gesorgt. Sollte das Establishment den Sänger mit der Vorliebe für vulgäre Kraftausdrücke und derbe Texte doch noch gezähmt haben? Immerhin hatte er nach dem aufsehenerregenden Schritt etliche ironische Gedichte über scheinheilige Gottesdiener und die ungeliebte Rentenreform von seinem Instragram-Account gelöscht. Die Partei des Milliardärs Boris Titow habe den Rocker gekauft, unkten Kenner ohne genaue Beweise vorlegen zu können. Doch was will Schnurow überhaupt in der Politik? Diese Frage umschiffte das exzentrische Parteimitglied bisher vor allem mit Witzen. „Mit mir wird es auf jeden Fall interessanter und lustiger“, versprach der Petersburger, der zu den bestbezahlten Musikern Russlands gehört. Der Kreml habe ihn jedenfalls nicht gekauft. Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass Schnurow als Spitzenkandidat seiner Partei bei der Dumawahl 2021 antritt.

(Foto: tlgrm.ru)

Wjatscheslaw Makarow

Er trägt schulterlange Haare und einen Fusselbart, mag bequeme T-Shirts und hat ein paar Kilo zu viel auf den Rippen: Wjatscheslaw Makarow kommt dem Klischee eines Computernerds ziemlich nahe. Doch die Ambitionen des vermögenden 40-Jährigen, der als Mitbegründer des Onlinespiels „World of Tanks“ unter Gamern zur Legende wurde, beschränken sich nicht mehr ausschließlich auf Bits und Pixel. Denn Anfang März stellte der IT-Spezialist in Moskau sein neuestes Projekt vor: Die „Partei der Direkten Demokratie“. Die bisherigen Mechanismen zur politischen Mitbestimmung in Russland seien veraltet, verkündete Makarow auf dem Gründungsparteitag. „Man wählt eine Partei und zwei Jahre später vertritt sie auf einmal ganz andere Einstellungen!“ Dies enttäusche viele Wähler. Parteien sollten zu wichtigen Grundsatzfragen daher regelmäßig ihre Mitglieder abstimmen lassen, erklärte der angehende Politiker. In der „Partei der Direkten Demokratie“ solle die angestrebte Mitgliederbeteiligung mit Hilfe einer App umgesetzt werden. Die Anwendung garantiere eine Einbeziehung aller Ebenen und schließe eine Dominanz der Parteiführung aus. Die Einführung der Technologie auf Staatsebene sei auch das eigentliche Hauptziel der Partei, erklärte Makarow. „Wir wollen nicht zum Anführer werden – sondern zum Vorbild!“, so der Parteigründer, der Mitglieder und Wähler vor allem unter den großen IT-Unternehmen in den russischen Regionen finden will. Für die noch zu entwickelnde Polit-App veranschlagt Makarow bisher die Summe von einer Million Dollar.

(Foto: sm-news.ru)

Sachar Prilepin

Kein Zweifel, Sachar Prilepin meint es wirklich ernst. Dies ergab zumindest der Test durch den Lügendetektor, an den sich der Schriftsteller auf der Gründungssitzung seiner Partei „Für die Wahrheit“ Anfang Februar anschließen ließ. „Wir sind nicht gegen alles Schlechte, wir sind nicht für alles Gute, wir sind für die Wahrheit“, orakelte Prilepin, während seine Vitalwerte über einen großen Bildschirm flackerten. Er glaube an Gott, die Heimat und die Familie. Zudem trete er dafür ein, die Heimat mit der Waffe zu verteidigen und halte eine militärische Expansion seines Landes für die Norm. „Für die Wahrheit“ ist das neueste Projekt des umtriebigen Literaten, dessen bekanntester Roman „Sankya“ auch in Deutschland erschien und in Theatern gespielt wurde. Der 44-Jährige zählt zu den bekanntesten Literaten Russlands und hat eine schillernde Biographie, in der sich Krieg, Militär und Literatur eng miteinander verflechten. So kämpfte Prilepin als Offizier einer Sondereinheit in beiden Tschetschenienkriegen, studierte Literaturwissenschaft und wurde als nationalistischer Autor und Putin-Kritiker bekannt. Zudem engagierte er sich in der verbotenen radikalen nationalbolschewistischen Partei. Nach den Ereignissen um die Krim änderte Prilepin seine Einstellung gegenüber dem Kreml, kämpfte im Donbass und wurde zum Vizechef des Moskauer Gorki-Kunsttheaters (MChAT). Mit seiner erzkonservativen Partei will Prilepin bei den Dumawahlen 2021 antreten und vor allem auf die politische Elite Einfluss ausüben.

Birger Schütz

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