Von wegen Permafrost

Die Ölkatastrophe von Norilsk brachte eine schleichende Gefahr ans Licht: der tauende Perma­frostboden in weiten Teilen Russlands. Wenn das ewige Eis schmilzt, kommt es zu Schäden an Gebäuden, Straßen und Pipelines.

Ins vermeintlich ewige Eis gebaut: die Industriestadt Norilsk (Foto: Alexander Krjaschew/ RIA Nowosti)

Über 20.000 Tonnen Diesel traten Ende Mai aus dem Tank eines Kraftwerks in der Nähe der nordsibirischen Industriestadt Norilsk aus. Der größte Teil davon landete in dem Fluss Ambarnaja – die größte Ölkatastrophe, die es in der russischen Arktis je gegeben hat. Die Anlage gehörte zum Konzern Nornickel. Vizechef Sergej Djatschenko teilte mit, dass vermutlich geschmolzener Permafrostboden zum Absacken der Stützen geführt hat, auf denen der Tank lagerte.

Wenngleich von anderer Seite auch schlicht verrostete Bauteile als mögliche Ursache in Betracht gezogen wurden: Die Umweltkatastrophe wirft ein Licht auf eine Gefahr, die im Untergrund weiter Teile Nordrusslands schlummert. Durch die Erderwärmung droht der Permafrostboden langfristig zu tauen.

Der Permafrostboden reicht bis in die Mongolei

Die oberste Schicht des Bodens taut auch bislang schon in der kurzen Sommerzeit auf. Deshalb stehen die Bauten in Permafrostgebieten auf Stützen, die so tief in den Boden ragen, dass sie das ewige Eis erreichen. Doch wenn auch dieses Eis schmilzt, kommt es zu Schäden an Gebäuden, Straßen, Eisenbahnlinien, Flugzeuglandebahnen und Pipelines. So folgenreich wie nun in Norilsk war dies bislang nicht, doch Forscher glauben, dass dies erst der Anfang ist.

Über die Hälfte der Fläche Russlands besteht aus Permafrostgebieten. In Europa betrifft dies zwar nur den äußersten Norden. Doch östlich von Krasnojarsk reicht der Permafrostboden weit nach Süden, teils bis über die mongolische Grenze. Auch die südlich gelegenen Großstädte Ulan-Ude und Tschita stehen auf Permafrostboden.

Gefahr für die Infrastruktur

Besonders von der Erwärmung betroffen sind jedoch die nördlichen Gebiete. Klimaforscher beobachten in arktischen Breiten schon länger einen überdurchschnittlichen Temperaturanstieg. Guido Grosse beschäftigt sich intensiv mit diesem Problem. Er ist Leiter der Sektion Permafrostforschung am Helmholtz-Zentrum in Potsdam. Schäden an Gebäuden und Infrastruktureinrichtungen seien schon heute „keine Ausnahme, sondern die Regel“ in Permafrostregionen, sagte er gegenüber der MDZ. „Gute Ingenieurskunst und gute Pflege der Infrastruktur kann dies teils verhindern oder verzögern, aber der Klimawandel sorgt dafür, dass dies schwieriger und wesentlich teurer wird“, so der Forscher.

Er verweist auf eine Studie des finnischen Geografen Jan Hjort zusammen mit einem Team aus finnischen, norwegischen, US-amerikanischen und russischen Wissenschaftlern. Deren Ergebnisse wurden 2018 in der Zeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht. Das Team untersuchte die Auswirkungen des prognostizierten Klimawandels auf Ingenieurbauwerke in Permafrostgebieten bis zum Jahr 2050.

„Die Lage ist ernst“

Sie kamen zu dem Schluss, dass 70 Prozent der derzeitigen Infrastruktur im Permafrostgebiet in Gegenden liegen, die besonders schwer von Tauprozessen betroffen sein werden. Insgesamt leben dort vier Millionen Menschen, es gibt über 40 Städte mit mehr als 5000 Einwohnern. In Russland sind besonders die Großstädte Norilsk und Jakutsk betroffen, aber auch in großem Umfang Anlagen der Öl- und Gasindustrie. Alarmierend an den Studienergebnissen: Selbst wenn die Klimaziele des Pariser Abkommens erreicht würden, habe dies allenfalls eine Verbesserung der Situation nach 2050 zur Folge.

Des Problems ist sich die Politik durchaus bewusst, zumindest in den betroffenen Regionen. Alexander Krutikow ist Stellvertretender Minister für die Entwicklung des Fernen Ostens in der Russischen Föderation. Er warnte im Oktober 2019 vor den wirtschaftlichen Folgen der Permafrostschmelze. Der Schaden für Russland werde sich auf bis zu 150 Milliarden Rubel (etwa 1,9 Milliarden Euro) im Jahr belaufen, zitierte ihn die Zeitung „Wedomosti“. „Dieses Problem muss angegangen werden, da der Schaden jedes Jahr zunimmt. Die Lage ist ernst. Rohre bersten, Stützen sacken ein“, warnte der Minister eindringlich.

Jiří Hönes

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