Nachbarn durch die Zeit

Deutsche und Russen verbindet seit Jahrhunderten ein besonderes Verhältnis. An die Höhen und Tiefen des Zusammenlebens der beiden Nationalitäten erinnerten nun Geistliche und Historiker in einem Fachgespräch.

Die Historikerin Olga Litzenberger und der Priester Ioan Priwalow im Gespräch. /Foto: Daniel Säwert

Unter dem Motto „Zeit des Friedens“ fand Mitte August im Park Sokolniki das von der Preobraschenskij-Bruderschaft organisierte orthodoxe Festival „Preo­braschenskije Wstretschi“ („Treffen zum Fest der Verklärung Christi“) statt.

Im Rahmen des Festivals sprachen Ioann Priwalow, Priester der Preobraschenskij-Bruderschaft, Anton Tichomirow, Leiter des Seminars der evangelisch-lutherischen Kirche in Nowosaratowka und Olga Litzenberger, Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland bei der Podiumsdiskussion „Gute Nachbarschaft mit Deutschen“ über das wechselvolle Leben deutscher Siedler und Adliger in Russland.

Gulag als gemeinsames Schicksal

Zu Beginn des Gesprächs erklärte Ioann Priwalow, dass für ihn Deutsche lange Zeit keine Rolle gespielt haben. Doch spätestens mit der Lektüre des „Archipel Gulag“, in dem Alexander Solschenizyn auch über die Deutschen in den stalinistischen Lagern schreibt, sei ihm bewusst geworden, dass Russen und Deutsche ein Schicksal eint. Anton Tichomirow charakterisierte das Leben der Deutschen in Russland als „komplizierte Begegnung“ mit den Einheimischen. Denn in Vergangenheit wie Gegenwart würden Stereotype das gegenseitige Verständnis bestimmen. Wobei die Deutschen sehr gut wegkommen, da Russen ihnen viel Positives zuschreiben, so der Pfarrer.

Mit einem Vortrag machte Olga Litzenberger das Publikum mit der Geschichte der Deutschen in Russland vertraut. Dabei erweiterte die habilitierte Historikerin den gängigen Begriffshorizont und zeigte auf, dass man nicht nur die Russlanddeutschen, sondern auch die ins Zarenreich migrierten Politiker, Wissenschaftler, Militärs und Zarinnen berücksichtigen muss.

Der Einfluss der Deutschen – und sein Ende

Anhand von Zahlen über die Religionszugehörigkeit zeigte Litzenberger, dass die einst 2,4 Millionen Deutschen ein großes Gewicht in der russischen Gesellschaft hatten. Doch es war ein Gewicht, das spätestens mit der Deportation vom Siedlungsgebiet an der Wolga nach Sibirien und Kasachstan seine letzte Bedeutung verlor. Und auch bis heute nicht wiedererlangen konnte, wie Priwalow anmerkte.

Denn die letzte Hoffnung auf eine Rückkehr an die heimische Wolga wurde 1992 vom damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin zerschlagen, der bei einem Auftritt im Gebiet Saratow sagte, dass es keine Autonomie für Deutsche an der Wolga geben werde. Dennoch wurde in den Folgejahren ein neues Kapitel der Nachbarschaftsgeschichte aufgeschlagen. Denn immerhin leben mittlerweile vier Millionen russische Muttersprachler in Deutschland, so der Geistige zum Ende des Gesprächs.

Daniel Säwert

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