MotoArmija: Friedensbringer auf Motorrädern

Einmal im Jahr treffen sich Rocker aus ganz Russland, um ihre Leidenschaft für Zweiräder zu feiern. Der Austragungsort: ein militärischer Vergnügungspark, der für Panzer, Partisanen und den Mini-Reichstag bekannt ist. Doch mit Patriotismus, hat „MotoArmija“ nur wenig zu tun.

Kunststücke auf dem Motorrad bei „MotoArmija“ /Foto: Simon Federer

Es ist eine Kolonne, die nicht abreißen will. Ein Motorrad mit einem Totenkopf, eins mit Blümchen, das andere in schlichtem Weiß – sie alle düsen mit lautem Knattern in Richtung Park „Patriot“ in der Kleinstadt Kubinka bei Moskau. Hunderte Maschinen von KTM, BMW und Harley-Davidson füllen den Parkplatz des Festivals „MotoArmija“.

Zum nunmehr dritten Mal wird dieses Festival von „MotoMoskwa“ organisiert, einem losen Zusammenschluss von Motorradliebhabern –   nicht zu verwechseln mit Bikerclubs wie den nationalistisch-orthodoxen „Nachtwölfen“. Die Organisation versteht sich als eine Art Motorrad-ADAC, die Unterstützung bei technischen und juristischen Problemen mit den Zweirädern bietet. Zum anderen ruft sie unterschiedliche Projekte ins Leben, darunter dieses Festival.

Einer der mehreren Tausend Besucher ist der 25-jährige Alexander aus Moskau. Er trägt eine rabenschwarze Motorradkluft und wird von zwei hübschen Damen begleitet. „Das Festival hat mit Patriotismus überhaupt nichts zu tun“, sagt er. Es gehe vielmehr um die Eröffnung der Motorradsaison. Sich persönlich würde er nicht als Patrioten bezeichnen.

Patriotische Bildung auf 5000 Hektar

Für „MotoArmija“ sind Motorradhersteller in die Kongresshalle des Parks gezogen, auf der in riesigen Lettern steht: „Meine Armee   –   mein Stolz“. Umringt von russischen Flaggen und einem überlebensgroßen Porträt von Wladimir Putin werben sie für die neueste Biker-Ausstattung.

Der „Militär-historische Park für Kultur und Erholung Patriot“ wurde 2015 vom russischen Verteidigungsministerium für umgerechnet 300 Millionen Euro mit dem Ziel gegründet, die patriotische Bildung der Bevölkerung zu verbessern. Auf 5000 Hektar können Besucher in zwei Museen sowjetische Panzer und weitere Errungenschaften russischer Militärtechnik bewundern. Eine Ausstellung erklärt den aktuellen Syrien-Konflikt und Russlands „humanitäre Mission“ hierbei. Hobbyhistoriker finden ein nachgebautes Partisanendorf und eine originalgetreue Frontlinie. Einige Hundert Meter davon entfernt, steht ein Modell des deutschen Reichstages.

Vaterlandsliebe für alle: Wie russische Kinder Patriotismus lernen

Die 2017 errichtete Attraktion nahm man in Deutschland als Irritation wahr: Das russische Militär stellte dort den Sturm des Berliner Reichstags im Zweiten Weltkrieg nach. Es war geplant, dass junge Freizeitsoldaten dort regelmäßig üben sollten. Denn die russische Jugend, so sagte es der Verteidigungsminister Sergej Schojgu damals sinngemäß, solle nicht einfach ziellos herumstürmen, „sondern an einem konkreten Ort“ trainieren können.

Nach dem Reichstags-Modell gefragt, reagiert der Parkmitarbeiter ausweichend. Das sei sehr weit zu laufen – und überhaupt liege das außerhalb seiner Zuständigkeit. Es scheint, als ob ihm dieser Bau fast schon peinlich ist.

Kunststücke auf Motorrädern

Zurück zum Festival „MotoArmija“. Die Polizisten der russischen Straßenpolizei DPS haben ein rasantes Unterhaltungsprogramm zusammengestellt. Trotz der umweltschädlichen Abgase und der unangenehm laut quietschenden Reifen hat es etwas Graziles, wenn sich Polizeimotorräder auf einem Rad so synchron drehen wie zwei Turmspringer vom Dreimeterbrett.

Der bärtige ältere Herr im roten Mitarbeiter-Outfit, eigentlich fürs Fegen zuständig, blickt gebannt auf die Show. Wegen der guten Sicht haben es sich manche Zuschauer auf den umliegenden Panzern bequem gemacht. Sie rufen „Ah“ und „Oh“. Ein Höhepunkt der Show ist eine Nummer, in der die Polizei einen frechen Motorradfahrer verfolgt. Eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter auf den Schultern ermahnt ihr Kind mit erhobenen Zeigefinger und sagt über den schlitzohrigen Motorradfahrer: „Das ist ein Flegel. So sollst du nicht werden!“

„Frieden für die ganze Welt!“

Am Stand der Firma „RusPie“ mampfen hungrige Motorrad-Enthusiasten Piroggen mit außergewöhnlichen Geschmacksrichtungen wie etwa Kürbis-Zitrone. Von hier hören sie die Band „Vespercellos“ spielen. Drei Frauen mit blonder, brauner und roter Mähne interpretieren russischen Rock auf ihren Streichinstrumenten und versinken mehr und mehr in ihre Musik. Die zunächst träge Menge kommt richtig in Fahrt.

Besonders begeistert tanzt die Familie von Sergej und Viktoria aus Dmitrow im Moskauer Gebiet. Sergej springt in die Höhe, auch der kleine Daniel im Kinderwagen zappelt zum Rhythmus der Musik. „Wir lieben russische Rockmusik und sind zum Festival gekommen, um Rock zu hören“, so Sergej. Auf die vielen Panzer im Park angesprochen, sagt Sergej: „Angela Merkel, freunden Sie sich mit Russland an! Dann wird alles gut.“ Und Viktoria ergänzt: „Frieden für die ganze Welt!“

Simon Federer 

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