Moskau gehen die Arbeitsmigranten aus

In der Corona-Pandemie haben viele Arbeitsmigranten Moskau verlassen. Und das hat Folgen. Denn ohne die günstigen Arbeitskräfte geht in der russischen Hauptstadt kaum etwas. Jetzt sollen sie durch Russen ersetzt werden. Das hat seinen Preis, kann aber auch die Armut im Land bekämpfen.

Arbeitsmigranten
Arbeitsmigranten sorgen in Moskau für saubere Straßen. (Foto: AGN Moskwa)

Anfang Oktober schlug das Moskauer Rathaus Alarm. Denn die Baustellen in der Stadt könnten bald stillstehen. Der Grund: Wegen der Coronakrise fehlen die Arbeitsmigranten. In diesem Jahr stehen nur noch 40 Prozent der Arbeitskräfte von 2019 zur Verfügung, erklärte Bürgermeister Sergej Sobjanin später.

Ohne die Migranten aus den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken geht in Moskau wenig. Denn bislang waren sie es, die unattraktive und schlecht bezahlte Arbeit auf dem Bau, in Hotels oder bei kommunalen Diensten leisteten. Und sie sind es, die unter den Folgen der Corona-Pandemie am stärksten leiden. Während zehn Prozent der Russen im Frühling und Sommer ihren Job verloren, war es bei Migranten jeder Dritte. Das geht aus einer Studie der Higher School of Economics hervor.

Migranten arbeiten vor allem im Niedriglohnsektor

Laut der Studie arbeiten 25 Prozent der Migranten auf Baustellen, 14 Prozent im Hotel- und Gaststättengewerbe, 12,7 Prozent in Haushalten und sechs Prozent im Wohnungs- und Kommunalwesen. Allesamt Bereiche, die von der Selbstisolation hart getroffen wurden. So verlor jeder Zweite im Hotel- und Gaststättengewerbe seinen Job, in Haushalten, im Handel und im Transport war es jeder Dritte. Und auf Baustellen wurden knapp 20 Prozent der Arbeiter nicht mehr benötigt. Die Bilder von Menschen aus Zentralasien, die an der Grenze auf ihre Heimreise warten, gingen im Sommer durch die russischen Medien.

Wie sehr die Arbeitsmigranten fehlen, zeigt sich auf dem Bau. Statt, wie gewöhnlich, in Rekordzeit fertig zu werden, verzögern sich immer mehr Projekte. Das Tempo der Stadt scheint sich zu verlangsamen. Eine Vorstellung, die Wladimir Jefimow jedoch nicht teilt. Der Nachrichtenagentur RIA Novosti erklärte der stellvertretende Moskauer Bürgermeister, es gebe weiterhin ausreichend Arbeitsmigranten in Russland, um die Stadt sauber zu halten und Großprojekte durchzuziehen.
Dem widersprechen indes Angaben von Jobbörsen. Demnach werden die Gastarbeiter zunehmend durch Russen aus der Provinz ersetzt.

Neue Arbeitskräfte aus der russischen Provinz

Für die neuen Binnenmigranten ist der Gang nach Moskau durchaus vorteilhaft, können sie doch auf höhere Löhne hoffen als die Menschen aus Zentralasien. „Bei den gleichen Stellenausschreibungen, die im Mai und Juni angeboten wurden, stiegen die Gehälter um 30 Prozent – von 43 000 auf 50 000 Rubel (472 auf 548 Euro). Im Baugewerbe stiegen die Gehälter von Mai bis September um durchschnittlich sechs Prozent pro Monat gestiegen und liegen bereits bei 70 000 Rubel (768 Euro), erklärte der Pressesprecher der Jobbörse Headhunter Alexander Jabarow.

Nach Angaben der Föderalen Statistikagentur Rosstat gibt es in Russland etwa 20 Millionen Arme. Die neue Binnenmigration könnte dazu beitragen, die Armut auf dem Land zu verringern und gleichzeitig den Kapitalabfluss zu reduzieren. Sollten die Löhne nach dem Ende der Pandemie beibehalten werden, könnte dies zu einem geringen Wirtschaftswachstum führen. Fraglich ist jedoch, ob Arbeitgeber dann weiterhin bereit sind, solche Summen zu zahlen. Schließlich dürften dann wieder hunderttausende Menschen aus Zentralasien nach Moskau kommen, um für wenig Geld die Stadt am Laufen zu halten.

Nikolai Stepanov

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